Stand: 14.08.2020 15:28 Uhr

Corona: "La Guerre" gegen das Virus

von Sabine Wachs

Gleich zu Beginn der Pandemie hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Corona den "Krieg" erklärt. Das Virus traf das Land härter als Deutschland: Mehr als 30.000 Menschen starben seit Anfang März an oder mit Covid19. Der strenge Lockdown stürzte die französische Wirtschaft, die nach Gelbwesten-Protesten und Streiks gerade wieder auf dem aufsteigenden Ast war, in eine tiefe Krise. Und Macron - einst angetreten als Reformer - musste seine ambitionierten Pläne ad acta legen. Das Virus hat Frankreich vor immense Herausforderungen gestellt.

Emmanuel Macron © picture alliance / abaca
Während der Coronakrise haben viele Franzosen ihr Vertrauen in Emmanuel Macron verloren.

Wir befinden uns im Krieg - als ich diese Worte höre, sitze ich vor dem Fernseher in meiner Pariser Wohnung, es ist acht Uhr am Abend. Für meine deutschen Ohren klingt es krass, was der französische Präsident in seiner Ansprache an die Nation sagt. Ganze sechs Mal fällt das Wort Krieg in einer Rede, die nur 21 Minuten dauert. Bei jedem Mal zucke ich zusammen. Krieg. Das Wort löst bei mir Assoziationen mit Waffen, Zerstörung, Tod und Leid aus. Letzteres wird Frankreich in der Hochphase der Corona-Pandemie noch ereilen. Für viele Menschen in diesem Land aber klingt die Ansage des Präsidenten gar nicht so martialisch. Ist doch klar, sagen mir einige meiner französischen Freunde, Macron zeigt damit, wie ernst die Situation ist. Er will sagen: Wir müssen zusammenhalten, uns fokussieren. Auf einen gemeinsamen Gegner, einen Feind. Der sei ein Virus, unsichtbar, nicht zu greifen. Aber er sei nun einmal da. Und müsse mit drastischen Maßnahmen bekämpft werden. An diesem 16. März verkündet Emmanuel Macron das "Confinement", einen weitreichenden Lockdown für ganz Frankreich und eine strikte Ausgangssperre, die 55 Tage dauern wird.

Gut fünf Monate später steht Frankreichs Wirtschaft am Abgrund, und die zentralistische Organisation des Staates steht auf dem Prüfstand. Das Land und seine Menschen müssten sich neu erfinden, sagt der Präsident Mitte April in einer Ansprache, er selbst als erster.

Chaotische Zustände

Während der Hochphase der Pandemie herrschen chaotische Zustände in vielen französischen Krankenhäusern. Ich sehe Bilder, die mich erschüttern. Bilder von Baren, improvisiert installiert auf den Sitzen von Schnellzügen, die Intensiv-Patienten aus dem schwer getroffenen Elsass in andere Regionen bringen. Denn dort haben die Krankenhäuser noch ein paar Betten mit Beatmungsgeräten frei. Eine solche Ausnahmesituation habe ich noch nie erlebt. Vielleicht, schießt es mir durch den Kopf, hatte Präsident Macron ja Recht mit seiner drastischen Kriegsrhetorik? Davor hätte ich jeden, der mir das vorausgesagt hätte, noch für verrückt erklärt.

'Keine Panik! Wir sind vorbereitet'

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Rückblende: Es ist Freitag, der 24. Januar 2020. Ich sitze mit einer Freundin in einer gemütlichen, kleinen Pizzeria. Wir haben gerade angefangen zu essen, als die Eilmeldung auf meinem Handy aufploppt. "Erster Corona-Fall in Europa - in Paris". Mit dem Pizzakarton unterm Arm verlasse ich das Restaurant und setze mich an den Schreibtisch und schalte den Fernseher ein. Die damalige Gesundheitsministerin gibt am späten Abend eine Pressekonferenz. Drei Fälle von Covid 19 bestätigt sie in Frankreich: ein China-Rückkehrer und zwei chinesische Touristen. Als Korrespondentin habe ich Wochenenddienst und verfolge das Geschehen. Am Samstag treten verschiedene Ärzte - Intensivmediziner und Virologen - vor die Presse. Ich schreibe einen Radio-Beitrag mit dem Titel "'Keine Panik! Wir sind vorbereitet' - Corona-Virus in Frankreich'. Ich berichte über Notfallpläne, die greifen und darüber, dass sich Frankreichs Krankenhäuser keine Sorgen machen müssen - falls, ja falls, die Pandemie überhaupt bis nach Europa kommt.

Die französische Regierung taumelt

Sie kommt. Schneller und heftiger, als alle dachten, und sie stellt Frankreich vor massive Herausforderungen. Das Land steht sich beim Krisenmanagement selbst im Weg: Es sind die widersprüchlichen Aussagen der Regierung, es ist die zentralistische Organisation des Landes, die Wirtschaft, die schon vor der Corona-Krise durch Gelbwesten und Streiks schwer gebeutelt war. Die Pandemie ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Die französische Regierung taumelt. Es gibt keine klare Linie. Anfangs kann ich das noch nachvollziehen. Niemand, nicht einmal die Virologen, wissen genau, was da auf uns zukommt. Wie sollen wir dem Virus am besten entgegentreten? Mit Masken? Nein, sagt Frankreichs Regierung. Aus rein praktischen Gründen, wie sich später herausstellen wird. Denn das Land hat nicht genügend Masken. Der Vorrat, der vor Jahren in Vorbereitung auf eine SARS-Pandemie aufgebaut wurde, ist kurz vor Corona vernichtet worden. Eine Freundin erklärt mir, die Regierung habe das Volk belogen. Dass die Masken knapp sind, wurde nie klar gesagt, dass sie nichts nützen dagegen schon.

Planlos, hilflos, überfordert

Ich erlebe, wie sich Wut aufbaut. Wut auf und gegen die Regierung, wie Freunde von mir, die Macron 2017 gewählt haben, plötzlich auf die Linie der Populisten einschwenken. Sie lassen keine rationalen Argumente mehr gelten. Eine halbe Nacht diskutieren wir hitzig über Videochat, ob die Regierung und Macron tatsächlich aufrichtig sind, ob sie die Bevölkerung informieren über die tatsächliche Lage im Land, ob sie die Kompetenz haben, Frankreich durch die Pandemie zu führen. Wir kommen zu keinem Ergebnis.

Die Kommunikation der Regierung während der Krise ist chaotisch und schlecht. Auf Pressekonferenzen wirken der Premierminister und der Gesundheitsminister auf mich wie unsichere Erst-Semester bei einem wichtigen Referat. Planlos, manchmal sogar hilflos.

Nicht nur ich empfinde das so. Bei vielen Französinnen und Franzosen entsteht der Eindruck, ihre Regierung sei völlig überfordert. Das Vertrauen in sie sinkt. Präsident Macron ist der einzige europäische Staatschef, dem die Corona-Krise kein Umfragehoch beschert - ganz im Gegenteil.

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NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 16.08.2020 | 19:00 Uhr

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