Claudia Roth © picture alliance/dpa Foto: Michael Kappeler

Alles neu und gut und schön? Der Bund und die Zukunft der Kultur

Stand: 03.12.2021 16:56 Uhr

Wie geht es unter der neuen Regierung weiter mit der Kultur? Vor welchen Herausforderungen stehen Kulturschaffende und jene, die politisch für sie zuständig?

Claudia Roth © picture alliance/dpa Foto: Michael Kappeler
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von Christiane Peitz

Die Überraschung war groß, als die Ampelkoalition bekanntgab, dass ausgerechnet die Grünen die Bundeskultur übernehmen und Claudia Roth auf Monika Grütters folgt. Acht Jahre war Grütters im Amt, konnte ihr Budget mehr als verdoppeln und das Ansehen der Kultur in Deutschland mehren. Die CDU-Kulturstaatsministerin hatte aber auch zu kämpfen, für Wertschätzung wie um das liebe Geld. Zum Beispiel, als die Kultur bei den Corona-Hilfspaketen zunächst unter Freizeiteinrichtungen rangierte, neben Spielhallen, Wettbüros und Bordellen.

Seit 1998 gibt es den Beauftragen der Bundesregierung für Kultur und Medien

Eigentlich galt Carsten Brosda als für ihre Nachfolge gesetzt. Als enger Vertrauter von Olaf Scholz leitete der Hamburger Kultursenator die Arbeitsgruppe Kultur und Medien bei den Koalitionsverhandlungen. Die entsprechenden Passagen im Koalitionspapier tragen nun seine sozialdemokratische Handschrift. Vom Primat der Vielfalt und Niedrigschwelligkeit ist da die Rede, bis hin zur Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte und einer zentralen Anlaufstelle für "Green Culture".

Deutschlands oberster Kulturlobbyist, ausgestattet mit besonderer Nähe zur Macht: So fing es an, als Gerhard Schröder 1998 den Beauftragen der Bundesregierung für Kultur und Medien erfand und sich mit Michael Naumann einen Weggefährten ins Kanzleramt holte, ins schöne Staatsminister-Büro im achten Stock mit Panoramablick über die Hauptstadt. Nach Naumann, Julian Nida-Rümelin und Christina Weiss für die SPD - allesamt Quereinsteiger - amtierten für die CDU Bernd Neumann und, am längsten von allen, Monika Grütters. Nun also erstmals die Grünen, im Bund mit einem SPD-Kanzler.

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Claudia Roths leidenschaftliches Interesse für die Kultur

Kulturpolitik hat die 66-jährige Claudia Roth, die zum Urgestein der Grünen zählt und als das "linke Gewissen" ihrer Partei gilt, bisher noch nie verantwortet. Aber die engagierte Menschenrechtlerin, Feministin, langjährige Europa-Parlamentarierin und resolute Bundestags-Vizepräsidentin interessiert sich leidenschaftlich dafür. Alljährlich reist sie nach Bayreuth und besucht regelmäßig die Berlinale. Ganz besonders dürfte ihr Herz für die Kultur von unten schlagen. Schließlich hatte sie vor ihrer politischen Laufbahn als Dramaturgin gearbeitet, war für freie Theatergruppen und als Rockmusik-Managerin tätig. Wie Grütters ist sie eine Überzeugungstäterin, eine Kämpfernatur. Auch Claudia Roth weiß sich Gehör zu verschaffen, sie kann nerven und scheut die Auseinandersetzung nicht. Die Kultur wird es brauchen.

Zum einen bei den Großprojekten des Bundes. Beim Humboldt Forum, das zwischen Postkolonialismus, Religions- und Restitutionsstreit sowie Großspender-Skandal nicht zur Ruhe kommt. Es soll zu einem "Ort der demokratischen, weltoffenen Debatte" werden, so die Ampel-Regierung. Manche befürchten jetzt, das wiedererrichtete Schloss werde zum soziokulturellen Zentrum degradiert. Aber ein multikulturelles, familienfreundliches, die Kontroverse nicht scheuendes Haus ist das Humboldt Forum schon jetzt. Und bei der Rückgabe kolonialer Beutekunst sind die politischen Weichen immerhin gestellt.

Weitere Baustellen sind das Museum des 20. Jahrhunderts, ebenfalls in Berlin, dem der Bundesrechnungshof zuletzt Überteuerung und Klimaschädlichkeit bescheinigte; außerdem die längst angeschobene Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Sie darf nicht als Reförmchen verkümmern. Monika Grütters hatte mehr Strahlkraft und mehr Eigenständigkeit von den Staatlichen Museen gefordert, die unter dem Stiftungsdach vereint sind. Aber der Erneuerungsprozess verläuft zäh, die internen Beharrungskräfte sind groß. Für eine zukunftsfähige, publikumsorientierte Stiftung müssen nicht zuletzt Gesetze geändert werden, denn der schwerfällige Bund-Länder-Stiftungsrat kann sich in seiner jetzigen Form nur selber abschaffen. Claudia Roth wird dafür einige Durchsetzungskraft benötigen.

Wie können Museen attraktiver werden?

Dringlich ist auch die Frage nach der Publikumsnähe der Musentempel. Viele haben die Corona-Zwangspause genutzt, um kritisch über die eigene Bedeutsamkeit nachzudenken. Das traditionelle Selbstverständnis ist einer existentiellen Selbstverständigung gewichen. Brauchen uns die Menschen? Wie können wir für jene attraktiv sein, die gar nicht auf die Idee kommen, ein Museum oder ein Opernhaus zu betreten? Die Kultur hat sich vorgenommen, mehr auf die Menschen zuzugehen. Die Politik will ihrerseits mehr auf die Kultur zugehen. Wenn sie Zugänglichkeit und Diversität dabei allerdings zur Bedingung macht, birgt dies die Gefahr der Einmischung.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 04.12.2021 | 13:05 Uhr

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