Die PEN-Präsidentin Regula Venske © picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt Foto: Daniel Reinhardt

100 Jahre kein bisschen leise: Der PEN feiert Geburtstag und bleibt sich treu

Stand: 23.10.2021 12:00 Uhr

100 Jahre kein bisschen leise: Der PEN feiert Geburtstag und bleibt sich treu. Ein Essay von PEN-Präsidentin Regula Venske.

Die PEN-Präsidentin Regula Venske © picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt Foto: Daniel Reinhardt
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von Regula Venske

Die 1921 in England gegründete Vereinigung hat sich als Anwältin des freien Wortes etabliert und gilt als Stimme verfolgter und unterdrückter Schriftstellerinnen und Schriftsteller. 100 Jahre PEN (die englische Abkürzung stammte einst für "Poets, Essayists, Novelists") sind Anlass zu feiern, Trauer und Wachsamkeit eingeschlossen: Viele sind gestorben, die nichts als ihr Menschenrecht einforderten, viele werden bis heute verfolgt und brauchen die Hilfe des PEN in ihrem Kampf für die Freiheit des Wortes. Die Themen des PEN könnten aktueller nicht sein.

Nicht von ungefähr wird gerade in diesen Tagen auf der Frankfurter Buchmesse wieder heftig über Meinungsfreiheit debattiert. Im Laufe der Zeit haben sich dabei neue Herausforderungen für die internationale Schriftstellervereinigung ergeben. Der Kampf gegen Diskriminierung aufgrund von Geschlecht oder sexueller Orientierung, der Einsatz für die Urheberrechte von Autorinnen und Übersetzern: All das ist ebenso aktuell wie das Aufkommen von Hassrede und Desinformation im digitalen Zeitalter. Der PEN wird nach wie vor dringend gebraucht, bilanziert Regula Venske, Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin und scheidende Präsidentin des Deutschen PEN.

PEN - Die älteste NGO der Welt

Als sich vor hundert Jahren, am 5. Oktober 1921, 40 Autorinnen und Autoren im beliebten Londoner Restaurant Florence versammelten, um einen Dinnerclub für Literaten ins Leben zu rufen, hätte sich wohl kaum einer der Anwesenden träumen lassen, dass daraus die - wenn man so will - älteste NGO der Welt entstehen würde, mit 150 Zentren in über hundert Ländern und schätzungsweise nun rund 40.000 Mitgliedern in aller Welt. Ein Foto des Gründungsdinners zeigt Damen und Herren in Abendgarderobe, und auch die Speisefolge des sechsgängigen Festmenüs mutet edel an - Turbot Mornay, Médaillon de Bœuf Bordelaise, Grouse Rôtie und anderes mehr. Dazu hielt der erste Präsident John Galsworthy - als Präsident noch nicht demokratisch gewählt, sondern von der Gründerin des Clubs, der umtriebigen Schriftstellerin Catherine Amy Dawson Scott - Spitzname Sappho - berufen - eine Tischansprache. "Wir Schriftsteller", sagte Galsworthy, "sind gewissermaßen die Treuhänder der menschlichen Natur, und wenn wir engherzig und voller Vorurteile sind, schaden wir der gesamten Menschheit. Aber je besser wir einander kennen, desto größer sind die Aussichten der Menschheit auf Glück in einer noch nicht allzu glücklichen Welt."

Der erste Weltkrieg lag erst drei Jahre zurück, und man wollte für Frieden und Völkerverständigung einstehen - eine Art Völkerbund der Literaten, "die Vereinigten Staaten von Europa und Nordamerika in der Literatur", wie es Dawson Scott nannte. Diesem Anliegen des internationalen Austauschs und der Versöhnung unter ehemaligen Kriegsgegnern war wohl auch die Parole John Galsworthys geschuldet: "No politics in the PEN" - keine politische Einmischung. Dass man mit diesem Motto nicht durchs 20. Jahrhundert käme, sollte sich freilich spätestens 1933 zeigen. Angesichts der barbarischen Bücherverbrennungen und der Verfolgung prominenter PEN-Autoren durch die Nationalsozialisten war Schweigen keine Option, zum Unrecht zu schweigen hingegen genauso politisch wie kritische Positionierung und Protest.

Amnesty International nach Vorbild des PEN-Komittees gegründet

In der Folge entstand jener Einsatz für verfolgte Autorinnen und Autoren und Writers in Exile, für den der PEN bis heute renommiert ist. Nach dem Vorbild des PEN-Komitees für Writers in Prison wurde später übrigens Amnesty International gegründet, und es ist sicher kein Zufall, dass bei der Gründung der deutschen Sektion von Amnesty mit Carola Stern und dem kürzlich verstorbenen Gerd Ruge zwei deutsche PEN-Mitglieder beteiligt waren.

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PEN-Charta: Literatur kennt keine Landesgrenzen

Richtschnur allen Handelns ist dabei die schlanke Charta, die jedes PEN-Mitglied unterzeichnet und deren Formulierungen noch auf Galsworthy und die Anfänge zurückgehen. "Literatur kennt keine Landesgrenzen", heißt es darin, und die Mitglieder verpflichten sich, "jeder Art der Unterdrückung der freien Meinungsäußerung in ihrem Lande, in der Gemeinschaft, in der sie leben, und wo immer möglich auch weltweit entgegenzutreten."

Formen der Unterdrückung sind vielfältig geworden

Die Formen der Unterdrückung sind freilich vielfältig geworden. Längst geht es nicht mehr nur darum, sich gegen staatliche Zensur und Verfolgung durch autoritäre Regime zur Wehr zu setzen, wenngleich der Kampf gegen diese Formen der Unterdrückung des freien Wortes nach wie vor einen Großteil der Arbeit ausmacht.

Man denke nur an den nur zum Sterben aus der Haft entlassenen chinesischen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, an die ermordete russische Journalistin Anna Politkowskaja, deren Kollege von der Nowaja Gazeta, Dmitri Muratow, in diesem Jahr den Friedensnobelpreis erhält gemeinsam mit der philippinischen Journalistin Maria Ressa. Man denke an Can Dündar und Asli Erdogan, für die sich nur die Alternative Gefängnis in der Türkei oder Leben im Exil stellt, an Stella Nyanzi aus Uganda, die wegen eines Schmähgedichts auf den Präsidenten zur Staatsfeindin wurde, oder die Filmemacherin und Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga aus Zimbabwe, die diesjährige Friedenspreisträgerin des Börsenvereins, die übrigens in ihrem Land ein PEN-Zentrum gegründet hat.

 

Eine andere Art, ja eine andere Ära der Unterdrückung des freien Wortes wurde im Februar 1989 mit der Fatwa gegen den britischen Schriftsteller Salman Rushdie eingeläutet, als der politische und religiöse Führer der Islamischen Republik Iran, Ajatolla Chomeini, alle gläubigen Muslime aufforderte, den Verfasser des Romans "Die Satanischen Verse" sowie alle an der Verbreitung des Romans Beteiligten - Verleger und Verlagsmitarbeiterinnen, Übersetzer, Buchhändlerinnen - zu töten. Der Roman verunglimpfe den Islam und verletze die religiösen Gefühle aller Muslime.

Carlo Strengers Essay über Verteidigung unserer Freiheit

In seinem Essay "Zivilisierte Verachtung. Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit" hat der schweizerisch-israelische Philosoph und Existenzialpsychologe Carlo Strenger die Fatwa gegen Rushdie als "Testfall" für den Westen analysiert, bei dem manche Reaktion enttäuscht habe. So sprach sich kein Geringerer als John Le Carré in einem Leserbrief gegen eine Taschenbuchausgabe des Romans aus: Niemand habe "das gottgegebene Recht, eine großartige Weltreligion zu beleidigen und dann ungestraft veröffentlicht zu werden."

Ungestraft? Hat John Le Carré seine Worte, wie es ein Schriftsteller sollte, auf die Goldwaage gelegt? Wollte er wirklich die angedrohte Todesstrafe, vollzogen durch wen auch immer, der gerade Lust hat zu töten und dabei en passant das ausgesetzte Kopfgeld in Höhe von einer Million Dollar zu kassieren, wenn nicht befürworten, so doch achselzuckend in Kauf nehmen? Hätte er mit derselben Verve etwa die britische Komiker-Gruppe Monty Python einer Fatwa preisgegeben, gegen deren Film "The Life of Brian" zehn Jahre zuvor insbesondere christliche, aber auch jüdische Vereinigungen scharf protestiert hatten, weil sie ihre Gefühle verletzt sahen? Ihr Protest beschränkte sich freilich auf die Forderung nach Aufführungsverboten oder Boykott.

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"Die Idee der liberalen Demokratie und die Grundwerte der Aufklärung", darauf wies Carlo Strenger hin, "können von dem Recht, intellektuelle Kritik zu üben und Satire zu veröffentlichen, nicht getrennt werden; dass dabei mitunter die Gefühle der Kritisierten verletzt werden, lässt sich nun mal nicht vermeiden ...".

Auf den Punkt brachte dies auch Zineb El Razhoui, die als Redakteurin der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" dem Massaker in ihrer Redaktion nur durch Zufall entkam. Es gebe wohl ein Grundrecht auf freie Meinungsäußerung, sagte sie bei einer PEN-Zusammenkunft; vom Grundrecht darauf, sich nicht beleidigt zu fühlen, habe sie hingegen noch nie gehört.

Besorgniserregende Akte brutaler Selbstjustiz in Bangladesch

Ein Land, in dem sich besorgniserregende Akte brutaler Selbstjustiz, die auf das Konto religiöser Terroristen gehen, häufen, ist Bangladesch. So wurde der Universitätsprofessor Rezaul Karim Siddique - er schrieb unter anderem auch Kurzgeschichten und Gedichte - im April 2016 auf dem Weg zur Arbeit von islamistischen Eiferern attackiert und mit Macheten getötet. Ein Jahr zuvor war schon der humanistische Freidenker und Rationalist Avijit Roy auf dem Heimweg von einer Buchmesse ebenfalls mit Macheten angegriffen worden. Er erlag seinen Verletzungen, seine Frau überlebte schwer verletzt.

Auch diese Beispiele ließen sich fortsetzen, schreckliche Einzelschicksale. Gemeinsam ist ihnen die oftmals anschließende Straflosigkeit der Täter, im Fall Bangladeschs vielleicht nur aufgrund eines schwachen Staates.

Getötete Journalistinnen und Journalisten in Mexiko

Wenn wir aber an Mexiko mit seiner erschreckend hohen Fallzahl an getöteten Journalistinnen und Journalisten denken, so arbeiten dort wohl eher organisierte Kriminalität und korrupte staatliche Instanzen Hand in Hand - eine "Unheilige Dreifaltigkeit" von Korruption, Gewalt und Straffreiheit, wie es der frühere Präsident von PEN International, John Ralston Saul nannte. Und seine Nachfolgerin im Amt, Jennifer Clement, konstatierte traurig, in Mexiko, wo sie lebt, gebe es keine "Writers in prison: We have writers in graves".

Morde auf offener Straße in Afghanistan

Die Case-list des internationalen PEN benennt Mexiko und Afghanistan als die tödlichsten Länder für Journalisten im Jahr 2020. 2021 dürfte sich diese Zahl in Afghanistan traurig erhöhen, so haben wir allein im August mehrere afghanische PEN-Mitglieder verloren, die auf offener Straße von den Taliban ermordet wurden. Andere warten nach wie vor verzweifelt auf ein Visum, PEN-Zentren in aller Welt bemühen sich um Möglichkeiten der Ausreise für sie.

Trollfabriken in Petersburg und anderswo

Angesichts solch existentieller Bedrohung mögen andere Formen der Unterdrückung des freien Wortes vergleichsweise harmlos anmuten, dennoch sind sie es nicht. Zu nennen wäre die Bedrohung der Freiheit des Wortes durch Internet-Giganten, die sogenannte GAFA-Connection: Google, Apple, Facebook und Amazon, eine große, weltweite Überwachungsmaschinerie; zu nennen wären auch die Trollfabriken in Petersburg und anderswo, die uns mit Fakenews bombardieren; zu sprechen wäre über das Thema der Zensur durch Algorithmen und Marktmechanismen und darüber, wie das Urheberrecht im Zeitalter der Digitalisierung so gestaltet werden kann, dass Autoren und Urheberinnen nicht in grandiosem Stil enteignet werden.

Zu sprechen ist über die zunehmende Zahl der Angriffe auf Journalisten im Kontext rechtsextremer Demonstrationen ebenso wie über Hate-Speech und darüber, wie Hassreden und Hetze verstärkt zu Selbst-Zensur führen; hierzu hat der deutsche PEN gemeinsam mit der Universität Rostock eine aussagekräftige Untersuchung durchgeführt.

Apropos Selbstzensur: Die PEN-Charta benennt sehr schön das Spannungsfeld, man könnte auch sagen, die Dialektik zwischen Freiheit und Verantwortung.

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Hier werden wir im Einzelfall immer wieder nachdenken, diskutieren, aushandeln und ausloten müssen, Irrtümer inbegriffen. Nicht nur die Mitglieder der schreibenden Zunft, sondern jede und jeder einzelne von uns, wo immer wir stehen. Dafür wünsche ich uns allen Courage und Zuversicht, Ausdauer und die nötige Portion Gelassenheit - und dem PEN, dass er in nochmal hundert Jahren überflüssig sein möge in dann wirklich glücklicheren Zeiten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 23.10.2021 | 13:05 Uhr

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