Der Politikwissenschaftler und Autor Ozan Zakariya Keskinkılıç © picture alliance/dpa | Foto: Jörg Carstensen

Zukunftsvisionen für ein solidarisches Miteinander

Stand: 25.06.2021 09:00 Uhr

Der Islam gehört zu Deutschland, so hat Alt-Bundespräsident Christian Wulff einst gesagt. Doch manche Alltagserfahrungen von Musliminnen und Muslimen in Deutschland sind geprägt von Diskriminierung und Rassismus. Wie kann ein besseres Zusammenleben gelingen? Ein Gast-Kommentar von Ozan Zakariya Keskinkılıç. 

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von Ozan Zakariya Keskinkılıç

Der Buchmarkt hat seinen Appetit auf gruselige Islamgeschichten noch immer nicht gestillt. Das zeigt Constantin Schreibers neues Buch. Nach "Inside Islam" und "Die Kinder des Koran" folgt nun ein Roman unter dem Titel "Die Kandidatin". Darin macht der bekannte Tagesschau-Sprecher eine muslimische Bundeskanzlerkandidatin zur Protagonistin der Multikulti-Dystopie. Mit "Clankriminalität", muslimischer Zuwanderung, Quoten für Menschen mit "Vielfaltsmerkmalen" und einer "Weißensteuer" lehrt Schreiber sein Publikum das Fürchten. Das literarische Horrorszenario wird von vielen bejubelt und zum Schauplatz angeblich brandaktueller Entwicklungen und potentieller Zukunftsszenarien genommen.

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Muslim*innen als Sündenböcke

Bedrohungsgefühle gegen Muslim*innen sind marktfähig und populär. Sie versprechen Publikum, Ruhm und Erfolg. Mit Verschwörungsmythen und Unterwanderungsfantasien werden Ängste geschürt. Und das nicht nur fiktional, sondern auch in der realen Gegenwart.

Das wissen Rechtspopulist*innen in der AfD und darüber hinaus für sich zu nutzen. Der Trick: Eine Minderheit für Kriminalität und Gewalt verantwortlich machen und so als Sündenböcke konstruieren. Gerüchten zufolge hätten Muslim*innen sogar den Antisemitismus nach Deutschland importiert. Das ist bemerkenswert, ausgerechnet in dieses Land. "Islamkritiker*innen" werden hofiert, Muslim*innen kollektiv stigmatisiert und diskriminiert.

Gedenktag gegen antimuslimischen Rassismus

Darauf will die Aktionswoche gegen antimuslimischen Rassismus aufmerksam machen und aufklären. Ab dem 24. Juni finden bundesweit auch in diesem Jahr wieder Veranstaltungen und Projekte statt, die ein Zeichen gegen Vorurteile setzen und Marwa El-Sherbinis gedenken. Am 1. Juli 2009 wurde sie im Dresdener Landgericht ermordet. Sherbini wollte sich gegen den Angeklagten zur Wehr setzen, der sie als "Islamistin" und "Terroristin" beschimpfte. Während der Verhandlung schmiss sich der Täter auf sie und ermordete sie mit 16 Messerstichen.

Ozan Zakariya Keskinkılıç

Ozan Zakariya Keskinkılıç ist Politikwissenschaftler und freier Autor. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Rassismus, Antisemitismus, Orientalismus und Empowerment. Er ist Mitglied der Expert*innenkommission zu antimuslimischem Rassismus im Land Berlin. Im Herbst 2021 erscheint sein Buch "Muslimaniac. Die Karriere eines Feindbildes" bei der Edition Körber.

Antimuslimischer Rassismus kann töten

Die Gefahr für Muslim*innen, wie auch andere Minderheiten ist weiterhin präsent. Nehmen wir Halle: Am 9. Oktober 2019 versuchte ein Attentäter schwer bewaffnet in eine Synagoge einzudringen. Er wollte Jüdinnen und Juden töten, scheiterte aber an der Tür. Im Prozessauftakt in Magdeburg erklärte der Terrorist, was er dann vor hatte: "Möglichst viele Muslime und Schwarze töten."

Dann kam Hanau: Am 19. Februar 2020 wurden neun Menschen in zwei Shisha-Bars aus rassistischer Motivation ermordet. In seinem Manifest hetzte der Terrorist auch gegen "den" Islam. Er sprach sich für die Vernichtung "bestimmter Völker" aus und listete unter anderem mehrere mehrheitlich muslimisch geprägte Länder auf.

Am 5. Oktober 2020 machte dann die Meldung über einen Jugendlichen aus der rechtsextremen Szene in Nordrhein-Westfalen die Runde. Er soll chemische Stoffe beschafft haben, um Sprengsätze herzustellen. Sein Ziel: Juden*Jüdinnen und Muslim*innen. Solche Mordfantasien hegte auch die rechtsextreme Terrorgruppe S. Im April dieses Jahr begann der Prozess am Oberlandesgericht Stuttgart. Die Angeklagten sollen Äxte, Schwerter und Schusswaffen gehortet haben und planten Anschläge auf Moscheen.

Wir brauchen neue Zukunftsvisionen

Das sind keine "Einzelfälle". Im vergangenen Jahr zählte die Kriminalstatistik 1.026 islamfeindliche Straftaten, ein Anstieg von acht Prozent. Darunter fallen körperliche Attacken, Angriffe auf Moscheen, Schändungen und Schmierereien an Gebäuden, Hassrede und Drohbriefe. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl an Verletzten gestiegen. Zwei Menschen sind 2019 infolge eines Übergriffes gestorben. Antimuslimischer Rassismus kann töten. Das ist keine Fiktion.

Wir brauchen neue Zukunftsvisionen, die nicht darauf angelegt sind, "den" Islam zu dämonisieren, sondern auf ein solidarisches Miteinander setzen. Das funktioniert nur, wenn man Muslim*innen auf Augenhöhe begegnet und ihre Erfahrungen ernst nimmt.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 25.06.2021 | 15:20 Uhr

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