Stand: 25.05.2018 12:20 Uhr  | Archiv

Werteunterricht nur für Flüchtlinge?

Die Vielfalt im Klassenzimmer wird größer - auch durch Kinder und Jugendliche, die aus Syrien und anderen Ländern nach Deutschland geflüchtet sind. Viele Lehrer stehen nun vor der großen Herausforderung, die neu eingewanderten Kinder zu integrieren. Doch wie kann das am besten gelingen? Unionspolitiker möchten künftig neben Deutschunterricht auch Werteunterricht für Flüchtlingskinder anbieten. Reicht das aus?

Ein Kommentar von Canan Topçu

Canan Topcu in der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner" © dpa/picture alliance
Die Journalistin Canan Topçu arbeitet seit vielen Jahren zu den Themen Migration, Integration und Islam.

Ich war kein Flüchtlingskind, als ich 1973 aus der Türkei nach Deutschland kam. Aber auch ich wurde als Achtjährige meinem vertrauten Umfeld entrissen, weil meine Eltern beschlossen hatten, dass wir künftig in „Almanya“ leben sollten.

Es zog sich hin, bis ich die Sprache lernte. Denn damals gab es keinen speziellen Deutschunterricht für Migrantenkinder wie mich. Es dauerte auch lange, bis ich hier nicht mehr fremdelte. Es hätte wohl noch länger gedauert, wenn es nicht Oma Naujoks gegeben hätte. Sie war unsere Nachbarin und meine erste Freundin in Deutschland. Sie führte mich ein in das Leben und die Gepflogenheiten hierzulande. Von Oma Naujoks und später auch von Klassenkameradinnen, alle Töchter aus Elternhäusern des deutschen Mittelstands, bekam ich mit, wie dieses Land tickt.

Kinder aus Flüchtlingsfamilien brauchen besondere Unterstützung

So viel Glück wie ich hatten nicht so viele Migrantenkinder. Etliche sind in diesem Land zu Erwachsenen geworden, ohne dass sie intensiveren Kontakt zu Einheimischen gehabt haben und sich akkulturieren konnten, also hineinwachsen konnten in die einst fremde Gesellschaft.

Ich bezweifele daher, dass Kinder aus Flüchtlingsfamilien es ohne besondere Unterstützung schaffen werden, hier heimisch zu werden und zu verinnerlichen, was dieses Land ausmacht. Insofern finde ich die Idee der Unionsparteien, Flüchtlingskinder gezielt zu fördern, gut! Ich verstehe aber auch die Kritik daran, dass diese Jungen und Mädchen in separaten Klassen neben Sprach- auch einen Werte-Unterricht erhalten sollen. 

Über die Autorin

Die Journalistin und Autorin Canan Topçu, 1965 in der Türkei geboren, lebt seit ihrem achten Lebensjahr in Deutschland. Nach ihrem Studium absolvierte sie ein Volontariat bei der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Danach war sie Redakteurin bei der "Frankfurter Rundschau". Sie arbeitet nun freiberuflich für Hörfunk, Print- und Online-Medien. Spezialisiert hat sie sich auf die Themen Integration, Migration, Islam und muslimisches Leben in Deutschland. Außerdem ist sie Dozentin - u.a. an der Hochschule Darmstadt.

Wir werden alle nicht als Demokraten geboren

Es ist kein Geheimnis, dass auch deutsche Eltern ihrer Erziehungsaufgabe nicht immer nachkommen können und nicht in der Lage sind, ihrem Nachwuchs die Werte zu vermitteln, die zum Selbstverständnis dieses Staates gehören. Wir werden ja nicht als Demokraten geboren, die Basis für demokratische Überzeugungen muss erst gelegt werden! Bei allen Kindern - aber insbesondere  bei Kindern aus Flüchtlingsfamilien, die aus Ländern kommen, in denen Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist. 

Schule hat einen Erziehungsauftrag - insofern ist sie auch der Ort  für Demokratieerziehung und Wertevermittlung. Der Unterricht in der Schule trägt aber nur bedingt dazu bei, aus Kindern mündige Bürger und aufrechte Demokraten zu machen. Diese brauchen wir aber - gerade in einer Zeit, in der der gesellschaftliche Zusammenhang schwindet und sich Populismus ausbreitet.

Für Defizite an den Schulen ist die Politik verantwortlich. Lehrkräfte werden in ihrer Ausbildung nicht ausreichend vorbereitet auf all die Aufgaben, die sie jenseits der Wissensvermittlung eigentlich auch noch erfüllen müssten. An Schulen wird zudem nicht nur Lehrpersonal gebraucht, sondern auch Sozialarbeiter und Psychologen.

Es braucht überzeugende pädagogische Konzepte und Vorbilder

Wir sollten also nicht darüber debattieren, ob es einen Werte-Unterricht geben sollte, sondern wie das Curriculum gestaltet werden müsste. Es gilt erst einmal,  die Werte zu definieren. Toleranz und Respekt, Nächstenliebe und Achtung der Menschenwürde fallen mir als erstes ein - universelle Werte also, die für Christen, Muslime, Atheisten und Agnostiker gleichermaßen gelten. Vermittelt werden müssten jenseits dieser Werte und dem, was in der Verfassung steht, auch all die Codes, die im Umgang im Miteinander gelten bzw. gelten sollten: Diskretion und Höflichkeit beispielsweise und das Einhalten von Schamgrenzen.

Wie soll solch ein Unterricht gestaltet werden und von wem? Nach welchen pädagogischen Konzepten ablaufen? Auf diese Fragen gibt die Politik leider keine Antworten. Wenn es nicht nur darum gehen soll, Kindern den Inhalt des Grundgesetzes einzutrichtern, sondern ihnen die Werte unseres Staates schmackhaft zu machen, braucht es überzeugende pädagogische Konzepte. Und es braucht Vorbilder, die diese Werte vorleben - so wie es für mich Oma Naujoks gewesen ist.

Muslimische Eltern, die mit dem Trauma der Flucht zu kämpfen haben, werden gewiss nicht protestieren, wenn ihren Kindern universelle Werte vermittelt werden und sie damit eine Starthilfe für die Akkulturation erhalten.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 25.05.2018 | 15:20 Uhr

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