Stand: 03.11.2017 12:34 Uhr  | Archiv

Öko-Islam? Plädoyer für mehr Umweltschutz

Am Montag beginnt der Weltklimagipfel in Bonn. Das Ziel: den Kampf gegen den Klimawandel und seine Folgen weiter voranzutreiben. Mehr als 20.000 Teilnehmer werden erwartet, unter ihnen auch Vertreter islamisch geprägter Länder. Eine breite Umweltbewegung gibt es dort bisher noch nicht. Im Gegenteil. Das Umweltbewusstsein ist erst schwach ausgeprägt. Dabei lassen sich durchaus theologische Impulse im Koran finden.

Ein Kommentar von Hilal Sezgin

Manchmal höre ich Bedenken, Muslime seien weniger aufmerksam, was die Umwelt betrifft. Angeblich verlassen sie sich allzu sehr auf die göttliche Vorsehung. Und ohnehin sei der Mensch in ihrer Sicht Herrscher der Erde, und alles, was er von ihr fordere, sei demnach korrekt.

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Die Weltklimakonferenz 2017 findet vom 6. bis 17. November unter der Präsidentschaft der Fidschi-Inseln in Bonn statt.
Immer mehr Muslime engagieren sich auch in Deutschland im Natur- und Umweltschutz. Zu den Vorreitern gehören islamische Initiativen und Projekte wie der Verein HIMA, NourEnergy e.V. und der Blog greenukum. Auch der Tag der offenen Moschee 2013 stand unter dem Motto "Umweltschutz - Moscheen setzen sich ein".

Ich weiß nicht, ob es Menschen gibt, die so etwas tatsächlich glauben; aber nachvollziehen kann ich es nicht. Gewiss, der Koran spricht an vielen Stellen davon, dass der Schöpfer dieser Erde gleichzeitig Versorger der Menschheit ist. "Und er ist es, welcher Gärten mit Rebspalieren und ohne Rebspaliere wachsen lässt und die Palmen und das Korn, dessen Arten verschieden sind, und die Oliven und die Granatäpfel, einander gleich und ungleich", beginnt zum Beispiel Vers 141 der sechsten Sure. Von dieser Frucht dürfen und sollen wir essen. Wir dürfen und sollen uns, denke ich, auf dieser Welt zu Hause fühlen; sie ist - auch - für uns gemacht.

Luftverschmutzung - Ein tödliches Risiko

Aber das bedeutet ja nicht, dass die Schöpfung unzerstörbar wäre. Im Gegenteil: Mit der menschlichen Freiheit zum Guten und zum Bösen geht auch einher, dass wir diese Erde beschädigen könnten. Zwar wird vermutlich immer irgendetwas auf ihr wachsen. Aber die gute Heimat, die die Schöpfung für uns Menschen eigentlich sein soll, die könnten wir verspielen.

Und die ist tatsächlich in Gefahr. Das beginnt ja schon bei der Atemluft: Die Luftverschmutzung in Kairo zum Beispiel ist ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko geworden; in Peking gehen die Einwohner an manchen Tagen nur noch mit Mundschutz vor die Tür. Auch in der EU sterben jährlich 400.000 Menschen verfrüht an Atemwegserkrankungen. Schuld daran sind u.a. die Abgase aus Autos und Fabriken. Aber auch der erhöhte Ammoniakgehalt der Luft trägt dazu bei, verursacht vor allem durch die Massentierhaltung. Ebenfalls auf die intensive Tierhaltung geht der hohe Nitratgehalt des Trinkwassers in vielen Regionen Deutschlands zurück.

Wir haben eine große Verantwortung

Da kann doch kein deutscher Muslim ernsthaft behaupten, dass ihn diese Probleme nichts angingen! Gerade wenn man diese Schöpfung auch als eine Gabe des Höchsten ansieht, muss man eine starke Verantwortung für sie verspüren. Der Schöpfer verfolgte eine Art Plan mit seiner Schöpfung; und nur weil wir fettes Fleisch und fette Autos lieben, schmeißen wir den Plan einfach weg?

Der obige Vers endet übrigens mit den Worten: "Und seid nicht verschwenderisch; siehe, er liebt die Verschwender nicht." Das klingt fast, als wäre es direkt an unsere Wegwerfgesellschaft adressiert. "Earth Overshoot Day", übersetzt "Welterschöpfungstag", nennt man den Tag im Kalender, an dem - rein rechnerisch - die Ressourcen verbraucht sind, die die Erde in ihrem jährlichen Rhythmus hervorbringt. Dieses Jahr war das der 2. August; seitdem verbrauchen wir mehr, als uns geschenkt wurde. Gläubige Menschen müssen sich das noch mehr zu Herzen nehmen als der Rest.

Über die Autorin

Hilal Sezgin, Schriftstellerin, Journalistin, Philosophin und engagierte Tierschützerin, lebt mit einer Schafherde und anderen Tieren auf einem Hof in der Lüneburger Heide. Ihre Themen sind u.a. Tierethik und Tierrechte, Islam und Feminismus. Sezgin ist Mitglied der Jury des NDR Kultur Sachbuchpreises.

  • Zuletzt erschienen ist das Buch: "Nichtstun ist keine Lösung. Politische Verantwortung in Zeiten des Umbruchs" (DuMont Buchverlag, Köln 2017, 160 Seiten, 14 Euro)

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 03.11.2017 | 15:20 Uhr

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