Ein weiblicher Häftling vor einem vergitterten Fenster © picture alliance / dpa Foto: Felix Kästle

Muslimische Gefängnisseelsorge für Frauen

Stand: 13.10.2021 16:38 Uhr

In Niedersachsen ist der landesweit erste Ausbildungskurs für muslimische Gefängnisseelsorgerinnen und -seelsorger zu Ende gegangen. Unter den zehn Teilnehmern war auch Sümeyra Yavas, die bisher einzige muslimische Gefängnisseelsorgerin in Niedersachsen.

von Ita Niehaus

Sümeyra Yavas kommt zwei Mal in der Woche in die Justizvollzugsanstalt für Frauen in Vechta. Heute besucht die 30-jährige muslimische Gefängnisseelsorgerin einige Frauen im offenen Vollzug. Der Gesprächsraum ist hell und freundlich, die Fenster haben keine Gitter.

Gefängnisseelsorgerin Sümeyra Yavas betreut 15 inhaftierte Frauen

Sümeyra Yavas © NDR
Sümeyra Yavas arbeitet als muslimische Gefängnisseelsorgerinin in der JVA Vechta.

Gut jede zehnte der rund 240 inhaftierten Frauen in Vechta hat eine Zuwanderungsgeschichte. Unter ihnen sind auch einige Musliminnen. Sümeyra Yavas bietet vor allem Einzelgespräche an, um sie bei Glaubens- und Lebensfragen zu begleiten. "Das Wichtige bei meiner Tätigkeit ist, dass ich die Kultur der meisten Frauen kenne", so Yavas. "Vor allem, wenn sie einen türkischen Hintergrund haben. Wenn eine türkische Frau hier ist, dann spreche ich mit ihr in den Einzelgesprächen meistens auf Türkisch."

Zur Zeit betreut Sümeyra Yavas 15 Frauen regelmäßig. Aische, 62 Jahre, in Jeans und Bluse, ist eine von ihnen. Wegen Steuerhinterziehung wurde sie zu einigen Monaten Haft verurteilt. "Man ist getrennt von der Familie", sagt sie. "Ich habe meine Mutter gepflegt, die ich dann in die Türkei bringen musste. Sie fehlt, es fehlt einem alles."

Aische macht sich immer wieder Sorgen - vor allem um ihre Mutter. Umso wichtiger sind die Gespräche mit der muslimischen Gefängnisseelsorgerin für sie: "Sie weiß, worum es geht. Sie versteht es besser, als wenn ich mit einer deutschen Seelsorgerin rede." Auch der Glaube gibt Aische Halt. Sie betet regelmäßig, manchmal besucht sie den interreligiösen Gottesdienst.

Auseinandersetzung mit Scham und Schuld

Frauen haben ähnliche Probleme im Gefängnis wie Männer, so der Eindruck von Sümeyra Yavas. Sie leiden darunter, von der Außenwelt abgeschnitten zu sein, ihre Kinder während der Corona-Pandemie bei Besuchen nicht umarmen zu können. Viele setzen sich auch mit ihrer Schuld auseinander. "Die Frauen fragen: 'Meinen Sie, Gott erhört mich wirklich? Meinen Sie, er würde mir vergeben? Ich habe eine Straftat begangen - bin ich jetzt weniger wert?' Und da spende ich Trost und Hoffnung - was die christliche Seelsorge-Kollegin auch machen würde."

Sümeyra Yavas hat Islamische Theologie in Osnabrück studiert. In einem Forschungsprojekt zur Professionalisierung der muslimischen Gefängnisseelsorge in Niedersachsen hat sie sich mit dem Umgang muslimischer inhaftierter Frauen mit Scham und Schuld beschäftigt. Das Gefühl der Scham sitze tief - gerade bei vielen türkischstämmigen Frauen. Denn in der Türkei sei die Schamkultur prägender als die Schuldkultur. "Bei dem Schamgefühl geht darum, dass man Angst hat, das Gesicht zu verlieren, weil man in Haft war. Ich vermittle, dass sie sich in diesem geschützten seelsorglichen Raum dafür nicht zu schämen brauchen. Das gibt Halt und Stärke."

Kein Geld für feste Seelsorge-Stellen in Niedersachsen

Oliver Weßels © NDR
JVA-Leiter Oliver Weßels sieht die muslimische Gefängnisseelsorge als wichtige Ergänzung zum christlichen Seelsorgeangebot.

"Es befreit und macht glücklich", sagt Aische. Wenn alles gut läuft, wird sie im Januar entlassen. Für JVA-Leiter Oliver Weßels ist die muslimische Gefängnisseelsorge eine wichtige Ergänzung zum christlichen Seelsorgeangebot: "Wenn es durch Seelsorge zu weniger Straftaten kommt, auch im Sinne von Resozialisierung, dann ist das ein sehr schöner Effekt. Aber es ist nicht Aufgabe der Seelsorge dafür zu sorgen, dass Menschen nicht wieder in den Vollzug kommen. Das ist unsere Hauptaufgabe."

Ursprünglich war geplant, feste Stellen in Niedersachsen zu schaffen. Dafür ist zur Zeit kein Geld da. Sümeyra Yavas macht trotzdem weiter - auf Honorarbasis. Denn sie ist überzeugt, dass sie als Gefängnisseelsorgerin etwas bewirken kann.

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NDR Kultur | Freitagsforum | 15.10.2021 | 15:20 Uhr

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