Stand: 11.05.2018 14:33 Uhr  | Archiv

"Muslime sind Teil des Katholikentags geworden"

Der Deutsche Katholikentag in Münster ist viel mehr als nur ein Glaubensfest. Er bildet auch die großen gesellschaftspolitischen Debatten ab. Ob Konfliktherd Naher Osten, zunehmender Antisemitismus, der Streit ums Kreuz in bayrischen Behörden - es gibt jede Menge Diskussionsstoff. Und das Motto "Suche Frieden" scheint aktueller denn je. Auch Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie in Münster, nimmt am Katholikentag teil.

Herr Khorchide, was macht den Katholikentag interessant für Muslime, gerade auch für Sie als islamischen Theologen?

Mouhanad Khorchide im Porträt. © Mouhanad Khorchide
Mouhanad Khorchide vermisst einen selbstkritischen innerislamischen Diskurs in Deutschland. Bisher gäbe es nur Ansätze, sagt der islamische Theologe.

Khorchide: Für mich macht den Katholikentag interessant, dass nicht über den Islam geredet wird, sondern gemeinsam mit den Muslimen über den Islam diskutiert wird. Vor allem für mich als muslimischen Theologen ist es sehr reizvoll, dass hier kein lediglich oberflächlicher Dialog stattfindet, sondern ein theologischer Dialog. Geschweige von den vielen Begegnungen, die hier stattfinden. Für uns in Münster ist es eine schöne Gelegenheit, weil wir hier unser Zentrum für Islamische Theologie haben mit über 800 Studierenden. Das heißt, es gibt hier eine große Möglichkeit, sich mit Muslimen vor Ort auseinanderzusetzen. Die Fachschaft der Studierenden hat bei uns auch einen eigenen Stand, wo auch Menschen, die Interesse haben, ihre Fragen an den Islam stellen können. Die Muslime sind schon Teil des Katholikentags geworden.

Sie engagieren sich seit vielen Jahren im interreligiösen Dialog. Die Herausforderungen sind größer geworden. Wie erleben Sie das in Münster: Spüren Sie eine größere Unsicherheit, aufeinander zuzugehen?

Khorchide: Gerade in Münster spüre ich umgekehrt eher mehr Offenheit, weil - und das zeigen auch die empirischen Daten - dort, wo Begegnungen stattfinden, die Menschen viel offener sind. Wir hier in Münster sind zum Beispiel stolz darauf, dass die AfD hier - als einzige Stadt Deutschlands - unter fünf Prozent geblieben ist. Das hat nicht nur mit der Anwesenheit des Islamischen Zentrums in Münster zu tun, das zeigt auch die Offenheit der Bevölkerung hier.

Zum Dialog gehört auch die Kontroverse.  Auf einem Podium ist unter anderem auch der religionspolitische Sprecher der AfD vertreten. Das sorgt für viel Kritik. Wie stehen Sie dazu: Wie weit soll man gehen in der Kontroverse?

Über den Autor

Mouhanad Khorchide, geboren 1971 im Libanon, ist Leiter des Zentrums für Islamische Theologie und Professor für Islamische Religionspädagogik an der Wilhelms-Universität Münster. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter eines zeitgenössischen, liberalen Islam im deutschsprachigen Raum.
Bekannt wurde er u.a. als Autor des Buches "Islam ist Barmherzigkeit: Grundzüge einer modernen Religion" (Herder 2012).

Khorchide: Ich finde, Kontroversen bringen uns immer ein Stück weiter, weil die Argumente und die Gegenargumente sich dann etwas schärfen, sodass die Menschen auch die Möglichkeit haben, sich genauer mit den eigentlichen Argumenten und Gegenargumenten auseinanderzusetzen - jenseits von Populismus. Es ist klar, dass es für jemanden von der AfD auf einem Podium beim Katholikentag nicht so einfach ist. Viele argumentieren damit, dass die Positionen der AfD den christlichen Werten widersprechen, und man könne das nicht verantworten, dass die dort einen Raum bekommen. Auf der anderen Seite führt ein Ausschlussmechanismus nicht dazu, dass sie jetzt leiser werden. Im Gegenteil, die AfD lebt ja auch von dieser Opferrolle. Deshalb kann ich nachvollziehen, dass man diesmal gesagt hat: Nein, wir schließen AfD-Anhänger nicht aus. Vielleicht entlarven sie sich dann erst recht als Populisten, wo die Argumente sehr schwach sind. Denn gerade die AfD behauptet, christlich-abendländische Werte verteidigen zu wollen. Viele meinen, sie verraten diese Werte. Aber gut, das kann man ja in einer sachlichen Diskussion genauer erörtern.

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Mouhanad Khorchide © WWU / Peter Grewer
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"Muslime sind Teil des Katholikentags geworden"

"Suche Frieden" ist das Motto des Katholikentags in Münster. Es scheint aktueller denn je. Auch der islamische Theologe Mouhanad Khorchide nimmt am Katholikentag teil. 5 Min

Der Katholikentag in Münster steht unter dem Leitwort "Suche Frieden". Was können Muslime in Deutschland aus ihrer Sicht dazu beitragen?

Khorchide: In meinen Augen wäre es als erstes sehr wichtig zu lernen, einen selbstkritischen Blick zu schärfen. Es geht darum, dass wir zum Beispiel wegkommen von einer wortwörtlichen Lesart des Korans, dass wir den Koran in seinem historischen Kontext verstehen und verorten. So entschärfen sich ja Gewaltpotentiale. Und so haben wir auch die Möglichkeit, Friedenspotentiale zur Entfaltung zu bringen.

Auf der anderen Seite können wir Muslime uns, aber auch unsere Mitmenschen an wichtige zentrale Werte erinnern, jenseits von Leistungswerten; zum Beispiel Nächstenliebe, was auch im Christentum sehr wichtig ist, oder Familie. Aber um einen Beitrag zu leisten, muss man dies erst bei sich reflektiert haben. Deshalb appelliere ich immer starr für einen selbstkritischen innerislamischen Diskurs. Da gibt es Ansätze, aber ich vermisse diesen Diskurs in Deutschland.

Das Gespräch führte Philipp Schmid

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 11.05.2018 | 15:20 Uhr

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