Stand: 28.07.2019 15:23 Uhr

Festspiele MV: Reparaturhalle als Klangwerkstatt

von Karin Erichsen

Mit Jazz, Klassik und Filmaufnahmen zum Thema Mobilität begeisterten die Festspiele MV ihr Publikum am Sonnabend in Schwerin. In der Reihe "Unerhörte Orte" war das Festival in der Straßenbahnwerkstatt des Nahverkehrs zu Gast.

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Der Schweriner Nahverkehr hat für das Konzert Straßenbahnen verschiedener Jahrzehnte in der hohen, hellen Werkstatt platziert.

Viel Charme versprüht der Betriebshof des Schweriner Nahverkehrs am südlichen Stadtrand erst mal nicht: ein großer Parkplatz für die Belegschaft, relativ moderne Wartungshallen und Depots für 30 Straßenbahnen und Verwaltungsgebäude in typischer Gewerbegebiets-Architektur. Auch der Eingang in die Reparaturhalle - schmucklos und öde. Aber dann!

Straßenbahnen verschiedener Jahrzehnte als Kulisse

Zur Begeisterung vieler Festspielbesucher hatte der Nahverkehr Straßenbahnen verschiedener Jahrzehnte in der hohen, hellen Werkstatt platziert. Seit 1908 hat die Stadt ein Straßenbahnnetz, die Optik der Bahnen hat sich seither ständig verändert. Vor allem die große, rote Bahn aus DDR-Zeiten weckte Erinnerungen. Direkt daneben hatten die Festspiele die Stuhlreihen für das Publikum und eine Bühne mit großem Bildschirm aufgebaut. Spätestens jetzt steigerte auch die Kulisse die Vorfreude auf das Konzert.

Musik erzählt von Mobilität

Das Konzert war programmatisch genial auf den ungewöhnlichen Spielort abgestimmt. Denn auch in der Musik ging es um Mobilität. Der Abend eröffnete mit zwei Antipoden - mit Arthur Honegger und Gioachino Rossini. Während Honegger seine Begeisterung für die Kraft und Schnelligkeit der Dampflokomotive in seinem Orchesterwerk "Pacific 231" zum Ausdruck bringt, illustriert Rossini in "Un Petit Train de Plaisir" für Klaviersolo auf ironische Weise seinen Schrecken vor derselben Technologie.

Zur Musik läuft ein Stummfilm

Der finnische Musiker und Komponist Jarkko Riihimäki und die Pianistin Ariane Haering aus der Schweiz spielten Honeggers Orchesterstück in einer kraftvollen Bearbeitung für Klavier zu vier Händen. Dazu lief auf dem Bildschirm über der Bühne ein Filmkunstwerk aus dem Jahr 1949, das eine Fahrt der damals modernsten Dampflok, nämlich der Pacific 231, in grandiosen Bildern festhält. Film und Musik vermittelten gleichermaßen das Gefühl von Kraft und Beschleunigung, technischer Komplexität und Fortschrittlichkeit.

Publikum zum Lachen gebracht

Dem gegenüber wirkte Rossinis Klavierstück, das 1836 nach einer Eisenbahnfahrt des Komponisten entstanden ist, fast beschaulich und traditionell. Selbstironisch verarbeitet Rossini darin seine Ängste bei der Fahrt. Der heitere Charakter des Stückes steht dabei dem Horrorszenario eines entgleisenden Zuges mit zwei Toten diametral entgegen. Ariane Haering spielte die muntere Bahnfahrt, während Jarkko Riihimäki die Texte einwarf, in denen von "satanischem Pfeifen" und "Trauer der Angehörigen" die Rede war. Hier wurde im Publikum erstmals gelacht, im Laufe des Abends bot sich noch viel Gelegenheit dazu.

Violinen-Solowerk in Jazz-Titel verwandelt

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Ein Kontrabass kündigt den Auftritt von Georg Breinschmid mit Geiger Benjamin Schmid an.

Mit der herrlich schrägen, aberwitzig virtuosen, brasilianischen Cinema-Fantasie "Le boeuf sur le toit" ("Der Ochse auf dem Dach") von Darius Milhaud setzte sich der Abend fort. Und auch darin hörte das Publikum nun das hektische Treiben am Bahnhof oder die schnelle Bewegung von Eisenbahnrädern. Die virtuose Geige von Benjamin Schmid stand hier im Mittelpunkt - genau wie bei Fritz Kreislers Präludium und Allegro. Das Solowerk für Geige des Violinvirtuosen Kreisler hatten Benjamin Schmid und der Kontrabassist Georg Breinschmid zu einem Jazz-Titel verwandelt, der ebenfalls wie vertonte Mobilität klang.

Spielort durch Musik in Szene gesetzt

Damit leiteten die österreichischen Künstler zum zweiten Teil des Konzertes über, in dem sie eigene, teilweise speziell für diesen Abend komponierte Werke präsentierten. Mit charmanten Moderationen stimmten sie jeweils auf die anspielungsreichen und vielschichtigen Jazz-Stücke für Klavier, Geige und Kontrabass ein. Bei dem Titel "Flying" von Georg Breinschmid nahm ein Film das Publikum zudem mit auf eine Straßenbahnfahrt durch Schwerin. Außerdem zeigte die Produktion mit ästhetischen Bildern, wie der Spielort des Abends ansonsten von Monteuren zur Wartung von Bahnen genutzt wird - unglaublich, wie die Bilder von Straßenbahnen in der Werkstatt durch die Musik an Bedeutung gewannen.

Frenetischer Applaus des Publikums

An sich schon spannend waren die historischen Filmaufnahmen von Straßen- und Verkehrsszenen aus Berlin der 20er und 30er Jahre oder der Ausschnitt von Buster Keatons Stummfilm "Der General", bei dem ein Zug entführt wird. In Kombination mit der Musik von Georg Breinschmid und Jarkko Riihimäki entwickelten sich unvergessliche Live-Konzertmomente, die gern noch hätten länger andauern können. Entsprechend frenetisch war der Applaus des Publikums nach der Performance.

Nächste Station: Ehemaliges Kraftwerk in Lubmin

Star des nächsten Konzertes in der Reihe "Unerhörte Orte" wird der Posaunist Nils Landgren sein, der mit dem Consono Kammerchor am 8. September in der Turbinenhalle des ehemaligen Kraftwerks Lubmin auftritt. Dort sind die Festspielgäste vor dem Konzert auch zu einer Führung in das Innerste des spektakulären Spielortes eingeladen - Personalausweise nicht vergessen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 29.07.2019 | 19:00 Uhr

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