Stand: 23.03.2020 14:17 Uhr  - NDR Kultur

Allein im Lübecker Grass-Haus: Kick it like Grass

von Thorsten Philipps

Günter Grass war nicht nur Schriftsteller und bildender Künstler, er war auch ein leidenschaftlicher Fußballfan. Vom originalen WM-54-Ball bis zum Halbfinaltor der WM 2014 gäbe es viel Fußball zu sehen in der aktuellen Ausstellung "Günter Grass: Mein Fußballjahrhundert" in Lübeck. Wegen der Corona-Krise ist zwar auch diese Ausstellung derzeit geschlossen. Doch NDR Reporter Thorsten Philipps durfte sich (fast) allein umsehen im Günter-Grass-Haus und gibt Einblicke, was Gäste ab Freitag zumindest digital zu Gesicht bekommen.

Der echte WM-Ball vom Finale Deutschland-Ungarn von 1954 - ich sehe ihn hinter einigen Aufstellern mit Bildern und Infos zu dem Fußballfan Günter Grass. Mein Herz schlägt schneller: Museumsleiter Dr. Jörg-Philipp Thomsa erlaubt mir, was sonst streng verboten ist: Ich darf das Leder anfassen - natürlich nur mit Samthandschuhen ... Krass! Mit diesem Ball hat die deutsche Fußballnationalmannschaft Geschichte geschrieben und dahinter sieht und höre ich die Zusammenfassung des WM-Finales auf einer Video-Leinwand mit dem legendären Herbert-Zimmermann-Kommentar: "Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen ... Rahn schieß t...Tor, Tor, Tor, Toooor!" Mir läuft es kalt den Rücken runter - Gänsehaut. Dann, nach ein paar Sekunden, kommt Grass-Haus-Leiter Thomsa und sagt: "So, es reicht nun!"

Einsam stand der Dichter im Tor

Thomsa zeigt mir auch Gedichte und Gedanken zum Fußball von Günter Grass. Der hatte viel zu den Weltmeisterschaften geschrieben, was hier in der Ausstellung nachzulesen ist - zum Beispiel in "Nächtliches Stadion" von 1956: "Langsam ging der Fußball am Himmel auf. Nun sah man, dass die Tribüne besetzt war. Einsam stand der Dichter im Tor, doch der Schiedsrichter pfiff: Abseits." Thomsa erläutert: "Natürlich sind wir ein Literaturmuseum, aber wir wollen mit so einem historischen WM-Ball oder einem Tor von 2014 einen roten Faden ziehen und die Fußball-WM-Empfindungen von Günter Grass erlebbar machen." Grass habe auch über die Helden des Finales, Fritz Walter und Ferenc Puskás, geschrieben, erzählt Thomsa, oder auch 1999 in "Mein Jahrhundert": "Gleich zu Beginn eine Panne: vorm Anpfiff fehlte der Ball. Prompt protestierten die Prager. Doch die Zuschauer haben mehr gelacht als geschimpft. Entsprechend groß war der Jubel, als endlich das Leder auf der Mittellinie lag und unser Gegner mit Wind und Sonne im Rücken den Anstoß hatte." So hatte ich Grass noch gar nicht kennengelernt.

Porträt

Günter Grass: Multitalent und Moralist

Seine Erzählkunst und sein politisches Engagement machten Günter Grass zu einem der wichtigsten Autoren der Nachkriegszeit. Vor 20 Jahren erhielt er den Literaturnobelpreis für sein Lebenswerk. mehr

Günter Grass: Fußballfan mit Herz für Underdogs

Dafür traf ich ihn am 3. Dezember 2003: Günter Grass ließ es sich nämlich nicht nehmen und schaute auf der Lübecker Lohmühle mit 10.000 anderen das DFB-Achtelfinale zwischen dem VFB Lübeck und dem Bundesligisten SC Freiburg. Mit Pfeife und rot-schwarzem SC-Freiburg-Schal saß er nur wenige Sitze von mir entfernt. In der Pause fragte ich ihn, für wen er sei. Grass antwortete diplomatisch: "Ich bin eigentlich ja immer für den Underdog, aber mein Herz schlägt nunmal für den SC Freiburg." Am Ende gewann Lübeck überraschend mit 1:0 und zog in Viertelfinale ein. Grass lächelte und klatschte Beifall.

WM-Tor passte nicht in den Garten

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Reporter Thorsten Philipps hält den WM-Ball des "Wunders von Bern" in der Hand. Ein Exponat der Ausstellung "Günter Grass: Mein Fußballjahrhundert".

Auf einem grünen Teppich schlendere ich durch den Flur in den Vorgarten, wo mich die Butt-Skulptur begrüßt. Direkt dahinter: das originale Fußball-Tor des Halbfinals von 2014, als Deutschland gegen Brasilien mit 7 :1 gewann und nach dem "Wunder von Bern" von 1954 im Jahr 2014 erneut Fußballgeschichte schrieb. Die weißen Pfosten umrahmen den Durchgang. Das weiße Netz ist wie ein Vorhang. Schaue ich durch das Tor auf den Butt, scheint der Fisch ins Netz gegangen zu sein. "Eigentlich wollten wir das Tor hinten in den Garten bringen, damit die Kinder da spielen können, aber es passte einfach nicht durch die Doppeltür im Museum. Deshalb steht es jetzt hier", erklärt Thomsa.

Lübecker Museen gehen online

Nun ist das Günter Grass-Haus natürlich noch nicht wieder geöffnet, aber die Ausstellung soll am kommenden Freitag online über die Internetseite der Lübecker Museen virtuell zu besuchen sein. "Am 27. März wollen wir mit den neun Häusern online gehen - und dann auch nach der Corona-Krise bleiben", betont Prof. Hans Wisskirchen, der Leiter aller Lübecker Museen.

Dann ist auch das Original-Trikot von Uli Hoeneß von 1974, als Deutschland gegen die DDR mit 0 :1 sensationell verloren hatte, erlebbar. Ebenso wie die zwei Quadratmeter große Holzzelle im Ausstellungsraum, die symbolisch für die Grass-Figur Günter Guillaume steht beziehungsweise die Grass-Geschichte über den DDR-Spion erzählt, der in einer Gefängniszelle bei dem WM-Spiel von 1974 mitfiebert und nicht weiß, für wen er sein soll, als die beiden deutschen unterschiedliche Systeme (freiheitliches Gesellschaftssystem gegen Totalitäres) im populärsten Sport der Welt aufeinandertreffen. Diese Guillaumsche Zerrissenheit beschrieb Grass, der selbst nicht wusste, ob er für das blaue oder das weiße Team sein soll. "Grass war für das DDR-Team, weil es als Außenseiter antrat, aber er war gegen einen Sieg dieses politischen Systems auf dem grünen Rasen", erläutert Thomsa, während ich in der Zelle sitze und er davor steht.

Der Grass-Experte erzählt auch, wie viel Ahnung Grass von Fußball hatte: "Grass spielte in einer Altherren-Mannschaft und als ich bei Familie Grass an einem Samstag Abend zu Besuch war, staunte ich nicht schlecht über Grass' Fußballwissen: Beim Verfolgen der Spiele in der ARD-Sportschau nannte er Namen von Spielern aus Mannschaften, die er gar nicht mochte. Er kannte eigentlich jeden", erinnert sich Thomsa.

Grass liebte den SC Freiburg

In der Mitte der Ausstellung hängt ein schwarz-rotes Trikot mit der Nummer 99, was ich nicht wage, einfach anzufassen. Thomsa erzählt über diesen Hingucker, den die Freiburger Bundesliga-Mannschaft 1999 mit allen Unterschriften drauf Günter Grass übergab, als er den Literaturnobelpreis erhielt: "Dieses Geschenk kam vom Trainer Volker Finke, den der Fußballfan vom SC Freiburg sehr schätzte, und es war für Grass eine große Freude." Grass verband laut Thomsa mit Freiburg nicht nur die Tatsache, dass sein Sohn Franz da lebt, sondern auch sein Faible für einen Verein, der mit finanziell geringen Mitteln den großen reichen Clubs Paroli bieten konnte. Da ich diesen Faible ebenfalls habe, gehe ich nach einer Stunde begeistert nach Hause.

Günter Grass-Haus

Forum für Literatur und Bildende Kunst
Glockengießerstraße 21
23552 Lübeck
Telefon (0451) 122 4230
E-Mail: museen[at]luebeck.de

Öffnungszeiten:
Di - So 11 - 17 Uhr

Die Ausstellung "Günter Grass: Mein Fußballjahrhundert" endet am 30. August 2020.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 23.03.2020 | 06:00 Uhr