Stand: 29.05.2018 10:30 Uhr

Künstler schnitzt Porträts mit der Kettensäge

von Janine Artist

Das Thema von Jared Bartz ist der Mensch, vor allem der Kopf des Menschen. Sein bevorzugtes Material ist seit einiger Zeit Holz. Der Bildhauer schnitzt Reliefs und Skulpturen mit der Kettensäge. Sein Geld verdient er mit Porträt-Büsten, die er im Auftrag von Unternehmern und Privatpersonen herstellt, aber auch mit dem Verkauf freier Objekte. Ein Besuch in der Künstler-Werkstatt in Moorrege in Schleswig-Holstein.   

Kreischender Lärm füllt die Werkstatt. Es riecht nach Benzin. Späne fliegen durch die Luft und legen sich auf den Boden, der bereits knöcheltief mit Holzstaub bedeckt ist. Auf einem Sockel ragt ein großer Kopf aus Eiche in den Raum. Mit laufender Kettensäge in den Händen steht Jared Bartz vor der Büste und schnitzt den Übergang vom Hals zu den Schultern. Ein Gesicht hat die Skulptur noch nicht, aber Ohren sind ansatzweise zu erkennen.

Künstler mit Kettensäge bei der Arbeit

Langsamkeit und Vorsicht sind geboten

Auf dem Eichenholz sind blaue Kringel und Striche zu sehen. Der Künstler hat mit Wachsmalkreide angezeichnet, wo noch etwas weggesägt werden muss oder auf gar keinen Fall weggesägt werden darf. Der 43-Jährige arbeitet langsam und vorsichtig. Mit seinem groben Werkzeug könnte er innerhalb von Sekunden den ganzen Klotz zerlegen - und falsch gesetzte Schnitte lassen sich nicht rückgängig machen.

Ausdruck durch sichtbare Bearbeitungsspuren

Lange hat Jared Bartz für seine Kunstwerke hauptsächlich Stein, Ton und Bronze verwendet, inzwischen ist Holz das Material, das ihn am stärksten fasziniert. Seine Skulpturen haben meistens grobe Oberflächen. "Ich finde es einfach sehr, sehr kraftvoll, die Bearbeitungsspuren im sichtbaren Bereich zu lassen. Das gibt diesen besonderen Ausdruck, eine Kraft, auch ein bisschen etwas surreales", schwärmt der Künstler, der nach der Schule erst Architektur studiert und anschließend eine Tischlerlehre gemacht hat. Heute verdient er sein Geld mit dem Verkauf freier Objekte und mit Auftragsarbeiten. Für die Christuskirche in Hamburg-Wandsbek zum Beispiel hat er eine Skulptur des Reformators Martin Luther geschnitzt. Sie wurde 2016 enthüllt.

Den Kern des Menschen entblättern

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Bevor Jared Bartz die Kettensäge zur Hand nimmt, macht er Porträt-Zeichnungen als Vorlage.

Die meisten seiner Kunden sind Unternehmer, die eine Büste in ihrer Firma aufstellen wollen, oder Privatleute, die etwa ein Porträt ihres Kindes haben möchten. Je nach Größe und Holzart veranschlagt Jared Bartz etwa 300 Arbeitsstunden dafür. Die Preise fangen im fünfstelligen Bereich an - konkreter möchte er nicht werden. Bei einem neuen Auftrag  macht der Bildhauer zunächst Fotos des Menschen aus verschiedenen Perspektiven, dann fertigt er Zeichnungen an.

Wenn es an die Arbeit am Holz geht, müssen die Porträtierten auch ein paar Mal Modell stehen. Dabei stellt der Künstler ihnen nebenbei Fragen, um sich so ihrer Persönlichkeit zu nähern. Er vergleicht es mit einem Gespräch an der Theke mit einem Bierchen in der Hand. "Es gibt Menschen, bei denen man nach zwei bis drei Stunden schon merkt: Jo, den Charakter habe ich jetzt schon gepackt. Und dann gibt es welche, bei denen es länger dauert und bei denen die Zwiebel ein bisschen entblättert werden muss", erklärt der 43-Jährige lachend. "Das Kennenlernen kann mal auf einer ganz oberflächlichen Ebene bleiben. Das kann aber auch mal sehr schnell sehr tief gehen." 

Die Sprache der Kettensäge

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Die Holzskulpturen von Jared Bartz haben meistens sichtbare Bearbeitungsspuren.

Er muss genau beobachten, um mit seinem Porträt den Ausdruck des jeweiligen Menschen treffen zu können. Kleinste Details - zum Beispiel rund um die Augen - sind beim Schnitzen mit einer Kettensäge eher schwierig abzubilden. Trotzdem sollen die Dargestellten am Ende natürlich zu erkennen sein, ohne wie Karikaturen zu wirken. Seine Arbeit sei ein bisschen so, als würde er einen Vortrag in einer Fremdsprache halten, sagt Jared Bartz: "Dann ist der Wortschatz total begrenzt und das, was man sagen will, muss man mit seinen begrenzten Möglichkeiten sagen. Wenn es gut läuft, dann ist das viel plakativer, als wenn man es in seiner Muttersprache ausgedrückt hätte."

Der Betrachter will beschäftigt werden

Seine Kunst ist ein ständiger Wechsel zwischen grob und fein. Die Skulpturen sollen sowohl von Nahem als auch aus der Ferne faszinieren und Raum für Interpretationen lassen: "Manchmal muss man sich auch dazu zwingen, Dinge nicht darzustellen. Damit der Betrachter die nächsten Jahre auch noch etwas zu tun hat mit der Skulptur", meint Bartz. Auch den Kopf, den er gerade in seiner Werkstatt in Arbeit hat, wird er möglicherweise gar nicht mehr bis ins Detail ausgestalten. "Es gibt Skulpturen, die mitten im Schaffungsprozess auf einmal eine totale Präsenz haben und wo man im Nachhinein merkt: Mist, hätte ich doch aufgehört", erklärt der Künstler. Er könne sich vorstellen, noch fünf bis sechs Tage an seinem aktuellen Werk zu arbeiten und es dann gut sein zu lassen. Vielleicht bleibt es also bei einem Kopf mit Ohren, aber ohne Gesicht.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 31.05.2018 | 20:05 Uhr

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