Rachel posiert © Ceren Saner Foto: Ceren Saner

Ausstellung in Rendsburg verbindet Queerness und Religion

Stand: 16.08.2021 11:55 Uhr

Dass queeres jüdisches Leben in Deutschland präsenter denn je ist, zeigt eine Ausstellung im Jüdischen Museum Rendsburg. "This is me - queer und religiös?" läuft bis zum 17. April 2022.

Rachel posiert © Ceren Saner Foto: Ceren Saner
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von Frank Hajasch

Es sind 15 großformatige, fast raumhohe Farbfotos, die als Multilayer oder Doppelbelichtung je eine Person und, darüber gepackt, einen ihrer Lieblingsgegenstände zeigen. Letzterer drängt sich dezent in den Vordergrund, während die Protagonisten sinnierend oder herausfordernd schauen. Und wüsste man nicht, dass hier "queer und religiös" mit Fragezeichen verhandelt wird, könnte man die Bilder einfach für Porträtstudien halten.

"Wir wollten etwas machen, das nicht rückwärtsgewandt ist, sondern etwas Gegenwärtiges, etwas Relevantes," sagt Jonas Kuhn, Leiter desJüdischen Museums in Rendsburg. "Und wir wollten etwas machen, was Themen aufgreift, die einfach mehr Leute betreffen. Die Ausstellung zeigt nicht nur queere, jüdische Personen, sondern auch queere Personen aus anderen religiösen Communities: aus dem Islam, aber auch aus dem Christentum mit seinen verschiedenen Richtungen. Auch eine Buddhistin ist dabei. Uns war es einfach wichtig, eine Plattform für verschiedenste Minderheiten zu bieten und auf bestimmte Themen hinzuweisen."

Ausstellung in Rendsburg stellt Lebenswege dar

Eric posiert © Ceren Saner Foto: Ceren Saner
Erik stammt aus Connecticut und lebt am Bodensee.

Einer der Abgebildeten ist Erik aus Lindau am Bodensee - wir erfahren nur die Vornamen. Auch ihn hat Co-Kuratorin Mirjam Gläser besucht, gemeinsam mit der türkischstämmigen, in Berlin lebenden Fotografin Ceren Saner. Erik kam aus Connecticut nach Deutschland, erzählt die Ausstellungsmacherin. Auch er habe zum Fotoshooting nicht nur einen Chanukka-Leuchter mitgebracht, ein Geschenk seiner Schwester, sondern seine wechselhafte Geschichte: "Er wollte eigentlich Rabbiner werden", so Gläser. "Er ist auf ein liberales rabbinisches Seminar in den USA gegangen und hat dann aber in der Auseinandersetzung mit der Theologie festgestellt, dass er eigentlich dem Glauben nach orthodox wäre. Er ist jetzt Kommunikationsberater und hat Abstand davon genommen, Rabbiner zu werden." Erik hat damit seine Homosexualität über den wenig kompatiblen strengen jüdischen Glauben gestellt.

Kampf gegen Vorurteile und Ablehnung

Auch Michal ist jüdischen Glaubens. Sie ist eine Queer-Feministin mit Sozialisierung in der DDR. Auch in der Ausstellung vertreten: Cleo, eine Berliner Künstlerin, die aus Schweden stammt, afroamerikanische Wurzeln hat und sich deshalb neben "genderqueer" als "biracial" bezeichnet. Auch sie kämpfte lange gegen Vorurteile, Ablehnung, Homofeindlichkeit und Antisemitismus.

Adriana posiert © Ceren Saner Foto: Ceren Saner
Auch Adriana ist für die Ausstellung porträtiert worden.

Museumsleiter Kuhn führt aus: "Ich glaube, dass viele Leute das Thema nicht zuerst im Jüdischen Museum erwarten würden. Es ist auch kein Thema, das groß in der Presse oder vom Zentralrat der Juden behandelt wird. Aber es ist eindeutig ein Thema für ein jüdisches Museum. Es ist Teil der Gegenwart und hat heute große Relevanz für sehr viele junge Jüdinnen und Juden in Deutschland."

Auswahl aus 100 verschiedenen Persönlichkeiten

Unter den Porträtierten sind aber eben nicht nur Juden. Da ist auch Eylem, eine Muslima und Sozialpädagogin aus Berlin. Oder Julia: Sie ist Christin, Transfrau und Model. "Wir haben auch ein Paar dabei," erzählt Kuhn. "Einen schwulen Pastor, der mit einem Israeli verheiratet ist. Nachdem wir von den über 100 Interessenten 15 ausgewählt haben, habe ich Zoom-Interviews mit den einzelnen Menschen geführt. Daraus haben wir Texte erstellt, die im Magazin zu finden sind. Und dann bin ich mit der Fotografin durch die Republik gefahren und sie hat die Menschen fotografiert, überwiegend an Orten, die sie sich selber ausgesucht haben."

Respektvoller Umgang mit Porträtierten

Ahmed posiert © Ceren Saner Foto: Ceren Saner
Allen Teilnehmer*innen wurden die Fotos und Texte vor Ausstellungsbeginn zur Abnahme vorgelegt.

Am Anfang stand ein Aufruf, sagt Miriam Gläser - und der sei schleppend angelaufen. Dann hätten sie mehr auf soziale Netzwerke für die LGBTQI+-Szene gesetzt, stärker mit Vereinen wie Keshet gearbeitet, die fürs queere jüdische Leben stehen. Danach habe sich eine Art Schneeball-Prinzip entwickelt. "Ich glaube, es war für die Menschen auch wichtig, dass es eine sensible Atmosphäre ist und sie hier eben nicht ausgestellt werden und selber keinen Einfluss darauf haben", so Gläser. "Wir haben mit den Protagonisten abgesprochen, dass alles, was über sie veröffentlicht wird, noch einmal mit ihnen rückgekoppelt wird."

Denn wer sich bisher vielleicht nur in aktivistischen Kreisen oder der Queer-Szene bewegt hat, ist jetzt mehr in der Öffentlichkeit. Im gut und hochwertig gemachten Begleitheft erzählen sie alle von ihren Erfahrungen bei der Vereinbarkeit von Queerness und Religion.

"Das gibt es in anderen religiösen Communities genauso"

"Wir sind und bleiben ein jüdisches Museum," meint Kuhn, "aber wenn wir uns mit der deutschen Geschichte beschäftigen, ist die Verantwortung, die ich daraus ableite, dass wir für eine plurale, vielfältige Gesellschaft eintreten müssen. Ganz wichtig ist: Es gibt eben auch Angehörige anderer Minderheiten, die machen ähnliche Erfahrungen. Und ein wichtiger Punkt ist eben auch, dass wir nicht diese Separierung des Jüdischen aufrechterhalten wollten und immer wieder betonen wollten, dass ist das Besondere, sondern auch einfach zeigen wollten, das gibt es in allen anderen religiösen Communities genauso."

 

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Ausstellung in Rendsburg verbindet Queerness und Religion

Dass queeres jüdisches Leben in Deutschland präsenter denn je ist, zeigt eine Ausstellung im Jüdischen Museum Rendsburg.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Jüdisches Museum
Prinzessinstraße 7-8
24768  Rendsburg
Öffnungszeiten:
Di - So 12.00 - 17.00 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 16.08.2021 | 14:20 Uhr