Stand: 31.01.2019 10:10 Uhr

Von Aurich ans Bauhaus: Designer Hin Bredendieck

von Laura-Nadin Naue
Ein Pionier des Industriedesigns: Der in Aurich geborene Hin Bredendieck lernte am Bauhaus in Dessau.

In drei schuhkartongroßen Kisten liegt beim Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg ein Schatz: der Nachlass des in Aurich geborenen Bauhaus-Designers Hin Bredendieck. Der Fund ist eine Sensation, die genau richtig kommt zum 100-jährigen Bauhaus-Jubiläum 2019. Bauhaus steht für modernes Design, für die Zusammenführung von Kunst und Handwerk. In dieser Zeit sind viele Designklassiker entstanden, die auch heute überall zu finden sind: die leicht federnden Stahlrohrstühle in Wartezimmern, die dazu passenden Schreibtische oder die typischen schwarzen Schreibtischleuchten.

Das Bauhaus

1919 gründete Walter Gropius in Weimar das "Staatliche Bauhaus". Die Kunstschule wollte Kunst und Handwerk in den Bereichen Architektur, Kunst und Design zusammenbringen.
1925 zog die Schule nach Dessau und 1932 nach Berlin. Nur ein Jahr später schloss die Schule auf Druck der Nationalsozialisten.

In den 14 Jahren Bauhaus, von der Gründung 1919 bis zum endgültigen Aus 1933, lernten an der Kunstschule rund 1.250 Studenten, unter ihnen Hin Bredendieck. Der Designer emigrierte in die USA und arbeitete als Dozent an den Bauhaus-Nachfolgeinstituten in Chicago. Er stritt mit den Bauhaus-Lehrern László Moholy-Nagy und Walter Gropius über den Aufbau der Kurse. Und er entwickelte in Atlanta seine eigene Theorie für Industriedesign.

Landesmuseum Oldenburg auf den Spuren Bredendiecks

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Rainer Stamm und Gloria Köpnick initiierten ein Symposium zu ihrer geplanten Ausstellung.

Auf seine Spuren kommen im November 2017 Rainer Stamm, Direktor des Landesmuseums, und die Wissenschaftliche Mitarbeiterin Gloria Köpnick. Sie planen zum 100-jährigen Bauhausjubiläum die Ausstellung "Zwischen Utopie und Anpassung. Das Bauhaus in Oldenburg", die ab Ende April 2019 zu sehen sein wird. Dafür wählen sie vier Künstler aus, die mit der Region verbunden sind. Einer von ihnen ist Hin Bredendieck.

Zu einem vorbereitenden Symposium haben die beiden nicht nur Bauhaus-Experten, sondern auch die Verwandtschaft der ausgewählten Künstler eingeladen. Bredendiecks Enkelin Leah hat Bilder von Skizzen und Entwürfen ihres 1995 verstorbenen Großvaters dabei. Die Fotos wecken die Neugier der Ausstellungsmacher.

4.000 Dokumente in Bredendiecks Nachlass

Sie besuchen Hin Bredendiecks Sohn Karl in Irland und können dort einen Blick auf den gesamten Nachlass werfen. "Um die Proportionen deutlich zu machen: Wir kannten diese 50 Blatt in Berlin und haben dann in der Familie noch mal etwa 4.000 Blatt Zeichnungen, Manuskripte, Briefwechsel mit den Bauhausdirektoren und den Bauhausfreunden gefunden", erzählt Rainer Stamm. Die beiden Wissenschaftler gewinnen das Vertrauen der Familie: Bereits einen Monat später sendet die den Nachlass nach Oldenburg.

Der Nachlass von Hin Bredendieck

Vom Möbelschreiner zum Bauhaus-Designer

Hinrich Hermann Focko Bredendieck, genannt Hin Bredendieck, wird am 9. April 1904 in Aurich geboren. Mit 14 Jahren beginnt er eine vierjährige Ausbildung als Möbelschreiner und besucht parallel dazu eine Abendschule. 1922 findet er seine erste Stelle in Leer bei einer Möbeltischlerei, wo er allerdings nur ein Dreivierteljahr bleibt. Er besucht die Kunstgewerbeschulen in Stuttgart und Hamburg, verlässt beide aber nach kurzer Zeit wieder. Die Schulen legen noch Wert auf Verzierungen, was er ablehnt. Nachdem er in Berlin an einer Aufnahmeprüfung scheitert, kehrt er ins Elternhaus nach Aurich zurück und überlegt, wie es weitergehen soll. 

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1930 bekommt Hin Bredendieck sein Bauhaus-Diplom.

Erst im April 1927 kommt er zum Bauhaus nach Dessau. Bredendieck absolviert einen Vorkurs unter anderem bei Josef Albers und Wassily Kandinsky, später unterrichtet ihn auch Paul Klee. Nach dem bestandenen Probesemester möchte er in die Holzwerkstatt gehen. Doch László Moholy-Nagy motiviert ihn zu etwas Neuem. Er rät Bredendieck zur Metallwerkstatt.

Bereits als Student entwickelt und verbessert Bredendieck Lampen für die Leipziger Firma Kandem. Erfindungen, die nicht nur Lehrstücke sind, sondern tatsächlich produziert und verkauft werden. Anders als die meisten Bauhaus-Absolventen erhält Bredendieck zum Abschluss im Mai 1930 nicht nur ein Zeugnis, sondern ein Diplom.

New Bauhaus in den USA

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Hin Bredendieck (mittlere Reihe rechts außen) konnte in den USA unter anderem in Chicago unterrichten.

Damals verschärft sich der politische Streit über das Bauhaus. Im Oktober 1932 muss die Schule in Dessau schließen. Als Privatinstitut führt Ludwig Mies van der Rohe das Bauhaus in Berlin noch für wenige Monate weiter, dann lösen die Lehrkräfte die Schule endgültig auf. Viele Meister emigrieren in den Folgejahren. Bredendieck verlässt mit seiner Frau Virginia 1937 Deutschland. Es hilft beiden, dass Virginia amerikanische Wurzeln hat. Moholy-Nagy holt Hin Bredendieck als Dozent an das New Bauhaus nach Chicago.

Doch es kommt zu einem Streit zwischen ihm und Moholy-Nagy. Bredendieck möchte den Vorkurs verändern und an die neue Welt, an die amerikanischen Studierenden anpassen. Moholy-Nagy widerspricht. Auch Walter Gropius schaltet sich in die Kontroverse ein. Die Wogen glätten sich, als dem New Bauhaus das Geld ausgeht.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs holt Moholy-Nagy Bredendieck erneut an ein Bauhaus-Nachfolgeinstitut, an das Institute of Design. 1952 geht Hin Bredendieck an das Georgia Institute of Technolgy in Atlanta, wo er "so etwas wie eine Art Gründungsdekan für Industriedesign war", erklärt Rainer Stamm. Hin Bredendieck habe dort "als Pionier Industriedesign in Amerika (...) aufgebaut".

Mit 91 Jahren verstirbt Hin Bredendieck - den Kontakt nach Deutschland hat er nie verloren. Und so liegt auch sein Grab in seiner Heimatstadt Aurich.  

Ein Mann tippt auf einem Notebook © Panthermedia

100 Jahre Bauhaus: Designer Hin Bredendieck

NDR Info - Forum am Sonntag -

Ein Coup des Oldenburger Landesmuseums. Sie haben den Nachlass des Bauhaus-Designers Hin Bredendieck in Irland gefunden, auf einem Dachboden.

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