Stand: 01.07.2019 17:55 Uhr

Hannover: Ausstellung mit übermalter Fotografie

von Agnes Bührig

Warum gibt es seit einigen Jahren verstärkt übermalte Fotografien in der zeitgenössischen Kunst? Ist das eine Reaktion auf die digitale Welt, die uns mit Fotos überschwemmt? Das sind Fragen, die die neue Ausstellung "Gezielte Setzungen" im Sprengel Museum Hannover aufwirft und dazu historische wie gegenwärtige Positionen von Künstlerinnen und Künstler präsentiert. Am 2. Juli wird sie eröffnet.  

Der erste Raum des Museums stellt Arbeiten der 1960er- bis 1980er-Jahre von Gerhard Richter, Sigmar Polke und Arnulf Rainer aus. Richter lässt Teile von Fotos hinter bunten Farbschichten verschwinden, Polke verstärkt farbige Amateurfotos bunt und Arnulf Rainer setzt expressive schwarze Pinselstriche auf ein Porträt.

"Gezielte Setzungen" im Sprengel Museum in Hannover

Nicht die Fotografie habe damals an erster Stelle gestanden, sondern eine Kritik der Malerei, sagt der Kurator der Ausstellung, Stefan Gronert: "Die Fotografie kam erst in den 70er-Jahren als künstlerische Form auf. Es gibt eine lange Verschwisterung zwischen beiden Bildformen, schon seit der Erfindung der Fotografie. Dann hat es in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts verstärkt einen Dialog gegeben, in dem Fotos mit malerischen Mitteln negiert oder kritisiert wurden. Das galt aber auch umgekehrt: Wenn man sich Rainer anschaut, dann ist das eine wahnsinnig expressive Malerei, die aber ganz offensichtlich auf ein fotografisches Vorbild reagiert."

Malerei und Fotografie befruchten sich gegenseitig

Das ist bei den sechs gegenwärtigen Positionen, die gezeigt werden, nur zum Teil so. Florian Merkel, Jahrgang 1961 und neben der bildenden Kunst als Musiker und Autor tätig, hat inszenierte Szenen von Schauspielerinnen und Schauspielern fotografiert, die Bilder coloriert und quadratisch zugeschnitten. Daneben sind Peter Klares Stadtansichten zu sehen. Sie sind flächig hell übermalt. Surreal wirken einzelne Details, die noch aus dem Originalfoto herausragen, Malerei und Fotografie befruchten sich so gegenseitig.

"Ich glaube schon, dass es ein wechselseitiger Prozess ist. Vielleicht ist dies auch ein Zeichen dafür, dass eigentlich dieses klassische Gattungsdenken gar nicht mehr so wichtig ist, dass es heute viel stärker das Überlappen der verschiedenen Gattungen ist. Wenn man sich die Biografien, der hier vertretenen Künstler und Künstlerinnen anschaut, dann ist es auch häufig so, dass sie in mehreren Medien tätig sind", so Gronert.

Dreidimensionale Arbeiten von Helen Feifel

So wie Helen Feifel, Jahrgang 1983, die Malerei und Fotografie mit Bildhauerei und Performance verbindet und als einzige in der Ausstellung mit einer dreidimensionalen Arbeit vertreten ist: Eine Skulptur aus bunten Tonscherben steht neben Bildern von Menschen in Bewegung - Schwarz-Weiß-Bilder, farbig übermalt. Die Künstlerin Anna Vogel hingegen hat düster wirkende Fotos eingeritzt und macht so aus seriellen Bilder Einzelstücke.

"Dass hier die Fotografie als eigentlich das reproduktive Medium in seiner manuellen Bearbeitung hier nur Unikate hervorbringen kann, ist natürlich etwas, was vielleicht auch auf unsere Zeit reagiert. Wir werden ständig überflutet mit digitalen Bildern und hier werden Preziosen geschaffen, mit manueller Bearbeitung. Aber vielleicht ist das eine zu einfach Antwort."

Übermalte Fotos: Ein wenig erforschtes Thema

Antworten hat auch die kuratorische Assistentin der Ausstellung, Theresia Stipp, gesucht. Sie hat ihre Masterarbeit zu übermalten Fotos geschrieben und dabei festgestellt, dass das Thema nur wenig erforscht ist. Dass Künstlerinnen und Künstler erst vor rund 50 Jahren begannen, diese Ausdrucksform stärker zu nutzten, könnte mit der Entwicklung der Farbfotografie zusammenhängen, sagt die Kunsthistorikerin. 

"Selbst die Farbfotografie hat bis in die 70er-Jahre in der Kunstfotografie fast keine Rolle gespielt. Wir denken, es gibt da so eine Parallelentwicklung zwischen Farbfotografie in der Kunst aber auch in Übermalungen in der Kunst. Es ist, glaube ich, kein Zufall, dass eben gerade hier in den 70er- und 80er-Jahren Übermalung in der Fotografie Thema wird", so Stipp.

Hannover: Ausstellung mit übermalter Fotografie

Warum gibt es übermalte Fotografie in der zeitgenössischen Kunst? Die Ausstellung "Gezielte Setzungen" im Sprengel Museum Hannover geht ab dem 2. Juli dieser Frage nach.

Datum:
Ende:
Ort:
Sprengel Museum Hannover
Kurt-Schwitters-Platz
30169  Hannover
E-Mail:
sprengel-museum@hannover-stadt.de
Preis:
7 Euro (Freitags ist der Eintritt frei)
Öffnungszeiten:
Montags geschlossen
Dienstag 10.00 - 20.00 Uhr
Mittwoch bis Sonntag 10.00 - 18.00 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 02.07.2019 | 06:20 Uhr

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