Johanna Vater und Leyla Ercan stehen vor einer Wand mit Jahreszahlen mit Namen © NDR Foto: Agnes Bührig

"Say Their Names": Schauspieler erinnern an Opfer rechter Gewalt

Stand: 01.02.2021 16:09 Uhr

Am 19. Februar jährt sich der Terroranschlag von Hanau zum ersten Mal. Das Schauspiel Hannover gedenkt der Opfer rechter Gewalt mit der Aktion "Say Their Names".

von Agnes Bührig

Leyla Ercan und Johanna Vater stehen vor der zentralen Wand im Eingangsreich des Staatstheaters Hannover und lesen die Namen von Todesopfern rechter Gewalt vor. Die Liste zieht sich über die gesamte Fläche, geordnet nach Jahreszahlen. Es beginnt mit dem Jahr 1990, als der aus Angola stammende Amadeu Antonio nach einem Angriff durch Rechtsradikale in Brandenburg starb, bis zum Anschlag von Hanau im letzten Jahr.

Allzu schnell sei dieser in Vergessenheit geraten, sagt die Dramaturgin Johanna Vater: "Es gab auch bei uns ganz viele Kollegen im Ensemble, die das ganz schwer verstehen und akzeptieren konnten, wie tief die rassistischen Strukturen in Deutschland gehen. Wie viel rechte Gewalt es hier gibt und dass das keine Einzeltätersituationen sind, sondern Netzwerke, die sich durchziehen."

Opfer sichtbar machen

Jahreszahlen mit vielen Namen an einer Wand © NDR Foto: Agnes Bührig
Opfer sichtbar machen: Das Ziel von "Say Their Names"

106 Todesopfer durch rechte Gewalt hat die Bundesregierung seit 1990 in Deutschland gezählt. Nach Recherchen der Amadeu Antonio Stiftung, die sich für die Stärkung der Zivilgesellschaft einsetzt, müssten es mehr als doppelt so viele sein. Auf ihre Namen stützt sich die Installation. Inspiriert ist sie auch von den Protesten nach dem Anschlag von Hanau.

Unter dem Hashtag #SayTheirNames teilten Menschen im letzten Jahr die Namen der zehn Getöteten über die sozialen Medien, um sie sichtbar zu machen, darunter auch Mercedes Kierpacz, sagt Leyla Ercan vom Schauspiel Hannover: "Was mir an der Berichterstattung auch sehr stark aufgefallen ist, dass diese Frau unterrepräsentiert war in den Darstellungen der Medien. Und es hat vielleicht damit zu tun, dass sie eine Frau war und nicht so richtig in diese Shisha-Bar-Kultur oder Kontexte reinpasste. Aber auch, weil sie Roma war."

Auf konkrete aktuelle Ereignisse reagieren

Leyla Ercan ist Diversitätsagentin und kümmert sich in Staatstheater und Staatsoper Hannover darum, dass die Diskriminierung von Frauen, von Einwanderinnen und Einwanderern und alle weiteren Facetten der vielfältigen Stadtgesellschaft Hannovers thematisiert werden. Das beginnt mit Workshops, die die Belegschaft für Alltagsrassismus sensibilisieren und geht bis zu öffentlichen Installationen wie "Say Their Names".

Im Ensemble gibt es auch das Bedürfnis, rassistische Gewalt nicht nur künstlerisch auf der Bühne zu bearbeiten, sondern auch auf konkrete aktuelle Ereignisse zu reagieren, sagt die Dramaturgin Johanna Vater: "Diese Aktion ist eigentlich wie eine Weiterentwicklung. Viele Theater haben auch auf die Black-Lives-Matter-Bewegung reagiert. Es ging dann noch einmal um die Frage, wie kann man aber über ein kurzes Statement hinaus ein Zeichen setzen, das nicht sofort wieder verschwindet. Und darum ging es bei dieser Installation im Foyer, dass man jeden Tag daran vorbeikommt."

Weitere Informationen
Eine offizielle Gedenktafel mit den Fotos der neun Opfer erinnert am Anschlagsort in Hanau-Kesselstadt an die Opfer der Anschläge im Jahr 2020. © picture alliance/dpa Foto: Boris Roessler

Ein Jahr nach dem Anschlag von Hanau: Was hat sich geändert?

Der Empowerment-Trainer Modou Diedhiou will vom reinen Gedenken zum gemeinsamen Nachdenken übergehen. Ein Gespräch. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 02.02.2021 | 10:20 Uhr