Stand: 03.07.2018 15:41 Uhr

Projekt soll Herkunft kolonialer Raubkunst klären

von Hans Stallmach

"Koloniale Raubkunst" - dieser Begriff ist in den vergangenen Wochen in der kulturpolitischen Debatte immer wieder aufgetaucht. Gemeint sind die Museums-Bestände, die auf die Kolonialgeschichte zurückgehen; Sammlungsstücke also, die entweder schlicht gestohlen worden waren, oder deren Herkunft zumindest unklar ist. Die Aufarbeitung dieser Geschichte sei eine "enorme moralische und politische Herausforderung", hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters unlängst erklärt und die deutschen Museen aufgefordert, diese Arbeit in Angriff zu nehmen. Eine Vorreiterrolle nehmen dabei die niedersächsischen Museen ein. Sie haben jetzt - bundesweit bislang ohne Vorbild - ein "Netzwerk Provenienzforschung Niedersachsen" gegründet.

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Deutschen Museen zeigen Tausende alte Kunstgegenstände aus anderen Ländern.

Im Städtischen Museum Braunschweig ist ein ganzer Trakt den Exponaten aus Übersee gewidmet: Tibetanische Gebetstrommeln kann man dort bewundern, kunstvoll verzierte Elefanten-Stoßzähne aus dem Kongo, Tabakpfeifen der Herero aus Namibia, Muschel-Geld aus Samoa  und Hunderte andere Exponate aus Afrika, Asien, dem Pazifikraum. Museumsleiter Peter Joch verweist auf einen runden hölzernen Hocker aus Kamerun, die Sitzfläche wird von kunstvoll herausgeschnitzten, menschlichen Figuren getragen. Ganz klar ein Herrschersitz, ein Thron, sagt Joch: "Sie können keinen Stamm finden, der sagt: Wir geben den Thron des Herrschers weg. Stellen Sie sich mal vor, dass Frankreich in absolutistischen Zeiten einen Thron verkauft hätte. Das ist einfach undenkbar. Das ist so ein Fall, wo man denkt: Hier müsste die Provenienzforschung gucken, was passiert ist. Wie können so kultische Gegenstände, die Zentrum eines Gemeinwesens sind, in deutschen Besitz geraten?"

Bewertung teils schwierig

Der hölzerne Thron stammt aus einer Sammlung des deutschen Kolonial-Offiziers Kurt Strümpel, der eine Kompanie der Kaiserlichen Truppen in der damaligen deutschen Kolonie Kamerun leitete. Weit mehr als 1.000 Exponate hat Strümpel aus Afrika mitgebracht, einen großen Teil davon vermachte er seiner Heimatstadt Braunschweig. Die Bewertung der einzelnen Stücke ist ausgesprochen schwierig, wie Museumsleiter Joch erläutert: "Teilweise erfolgten augenscheinlich legale Käufe; er hat also aus Gebieten gekauft, die er selbst gar nicht bereist hat, zum Beispiel im Norden Kameruns. Und zum anderen gab es auch durch Kampfhandlungen bedingte Raubzüge, die stattfanden. Wie können wir das unterscheiden, was ist legal? Das ist für uns ein Paradebeispiel, mal rauszukriegen: Wie können wir uns als Provenienzforscher betätigen, was können wir über Recht und Unrecht dieser Hintergründe sagen?" 

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Kunsthistorikerin Claudia Andratschke koordiniert das Projekt "Provenienzforschung in außereuropäischen Sammlungen Niedersachsens".
Forschungs-Infrastruktur etablieren

Die Sammlung Strümpel wird nun genau unter die Lupe genommen, und  zwar im Rahmen des neuen Projektes "Provenienzforschung in außereuropäischen Sammlungen Niedersachsens". Beteiligt sind - neben Braunschweig - die Georg-August-Universität Göttingen mit ihrer ethnografischen Sammlung, das Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg, das Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim sowie das Landesmuseum Hannover. Dort laufen die Fäden zusammen, und das ist kein Zufall: Schließlich hatte man in Hannover vor zwei Jahren mit der bundesweit beachteten Ausstellung "Heikles Erbe" schon einmal die eigenen kolonialen Bestände kritisch hinterfragt. Koordinatorin Claudia Andratschke verweist darauf, dass man im Grunde noch ganz am Anfang steht: "Da gibt es noch keine Forschungs-Infrastruktur in dem Sinne, wie sie sich für die NS-Raubgut-Forschung etabliert hat. Es gibt nur punktuelle Initiativen, in Stuttgart und Tübingen, in Bremen. Das, was wir jetzt eben vorhaben, das große Verbundvorhaben in Niedersachsen, will im Prinzip genau diese Forschungs-Infrastruktur schaffen, weil man allein eben sehr schlecht weiterkommt."

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Rund 5.000 Kolonial-Objekte besitzt allein das Landesmuseum Hannover. Darunter - als eines der bekanntesten Exponate - die sogenannte "Colon-Figur": eine etwa ein Meter hohe Holz-Skulptur, die einen Afrikaner mit weit aufgerissenen Augen darstellt, der in einer europäischen Militär-Uniform steckt. So rätselhaft die Darstellung selbst ist, so unklar ist die Herkunft. Eigentlich weiß man nur, dass  die Figur aus Kamerun kommt. "Man kann dann schauen, ob man über andere Sammlungen weiterkommt, weshalb die Vernetzung in der Provenienzforschung auch so wichtig ist - andere Häuser haben eben vielleicht noch andere Informationen zu den Objekten", so Andratschke.

Teilhabe, Augenhöhe, Mitbestimmung

Im Rahmen des Verbundprojektes werden jetzt acht wissenschaftliche Stellen in Niedersachsen ausgeschrieben. Nach und nach sollen Tausende von Objekten untersucht werden, in Hildesheim, Göttingen, Hannover und den anderen teilnehmenden Museen. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, so Andratschke, dass die Herkunftsländer letztlich nur selten darauf bestehen, die Objekte zurückzuerhalten. Denkbar ist zum Beispiel eine Dauerleihgabe, oder ein zeitlich befristeter Austausch: "Dann wird es von Fall zu Fall einfach auch auszuhandeln sein: Es geht nicht immer um Restitution, es geht um Teilhabe, es geht um Augenhöhe, Mitbestimmung."

Was aber ist, wenn ein Land doch auf Restitution besteht, wenn also beispielsweise Kamerun die "Colon-Figur" schlicht zurückhaben will? "Juristisch sind alle Fristen abgelaufen", erklärt Claudia Andratschke. "Das ist eine moralisch-ethische Entscheidung. Aber ich denke, dass sich dem in der heutigen Zeit keiner versperren wird."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Kulturspiegel | 03.07.2018 | 19:05 Uhr

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