Stand: 05.06.2019 13:18 Uhr

Noldes Sonnenblumen in der blauen Stunde

von Johannes Avenarius

Natur umgibt uns. Heute früh hören wir die Vögel singen. Der Wind bläst durch die Bäume. Auch wir Menschen sind Teil der Natur. Das ist soweit alles klar. Weniger eindeutig ist die Stellung der Kunst in der Natur. Ein Bild ist schließlich nur das, was ein Mensch in die Natur hineininterpretiert. Ein Musikstück kann Natur auch nur in Töne übersetzen. Wenn also Mitglieder der NDR Radiophilharmonie mit der Schauspielerin Sonja Beißwenger zu einer blauen Stunde zum Thema "Natur" ins Hannoversche Sprengel Museum laden - dann ist das ein enormer Spagat nach allen Regeln der Kunst.

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Martina Kothe (NDR Kultur), Ulrich Krempel (ehemaliger Direktor des Sprengel Museums) und Claudia Christophersen (NDR Kultur) im Gespräch auf der Bühne.

Über allem schwebt ein Nolde. Seine "Sonnenblumen" strahlen von der Wand im Calder Saal des Sprengel Museums, sie sind überlebensgroß. Das Originalbild ist erst seit Kurzem wieder im Besitz des NDR, nachdem es 40 Jahre als verschollen galt. Drei Sonnenblumen dominieren das Bild, obwohl sie eigentlich am Rande gemalt sind. Natur pur, könnte man sagen.

"Ein astreiner Antisemit allerschlimmsten Kalibers"

Was ist an drei Sonnenblumen schon so besonders? Na ja, zum Beispiel, dass man sich heute einen Nolde nicht mehr ansehen kann, ohne den Maler selbst zu sehen, wie der frühere Leiter des Sprengel Museums Ulrich Krempel dem Publikum vorab erzählt: "Das war ein astreiner Antisemit allerschlimmsten Kalibers. Das muss begriffen werden als das große Dilemma, das wir eben eigentlich im 20. Jahrhundert auch zu bewältigen haben hier in Deutschland mit uns, mit unserer Liebe für die schönen, romantischen Dinge und der Wirklichkeit, die leider dann auch manchmal dahintersteht."

So trifft das Publikum der blauen Stunde auf schöne Sonnenblumen mit düsteren Hintergrund. Es ist einer von vielen Gegensätzen an diesem Abend. In der Musik des niederländischen Komponisten Jan Koetsier treffen die zarte Harfe und Blechbläser aufeinander. Die Melodien sind wohlbekannt, Koetsier nutzt Auszüge aus Smetanas "Vaterland"-Zyklus - und variiert sie. Bei so viel gewichtiger Musik will auch Schauspielerin Sonja Beißwenger nicht zurückstehen. Sie hat sich neben einer großen Wohnzimmerstehlampe eingerichtet - und zitiert Arno Holz.

Smetanas "Moldau" fließt durch den Saal

Martina Kothe (NDR Kultur), Ulrich Krempel (ehemaliger Direktor des Sprengel Museums), Claudia Christophersen (NDR Kultur) © NDR Foto: Joahnnes Avenarius

Noldes Sonnenblumen in der Blauen Stunde

NDR Kultur Matinee

In der Blauen Stunde im Hannoveraner Sprengel Museum standen Emil Noldes "Sonnenblumen" im Fokus. Mit von der Partie waren Mitglieder der NDR Radiophilharmonie und Schauspielerin Sonja Beißwenger.

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In der blauen Stunde treffen Walther von der Vogelweide auf Alfred Döblin, Smetanas "Vaterland" aus Tschechien auf Morley Calverts' "Monteregian Hills" in Kanada. Gemeinsam haben - zumindest die musikalischen Werke des Abends -, dass sie keine konkrete Natur widerspiegeln wollen, sondern immer die Sicht des Komponisten auf einen bestimmten Aspekt der Natur. Die ausgewählten Texte stammen zumeist aus der Zeit der Komposition, sie ergänzen und bereiten vor. Besonders gelungen ist dies im Gedicht "Das Lied von der Moldau" von Bertolt Brecht. Die NDR Radiophilharmonie folgt mit Metamorphosen über ein Thema aus "Die Moldau" von Friedrich Smetana.

So war die blaue Stunde diesmal ein künstlerisches Kleinod mit Malerei, Musik und Dichtung. Das Publikum im Calder-Saal belohnte den runden Abend mit lang anhaltendem Applaus.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 05.06.2019 | 09:20 Uhr