Kunstmuseum Wolfsburg beleuchtet die Ambivalenz des Lichts

Stand: 12.03.2022 06:00 Uhr

Unter dem Titel "Macht! Licht" präsentieren die Ausstellungsmacher des Kunstmuseums Wolfsburg Licht als tragende Basis der modernen Welt, aber auch als Folterinstrument.

von Janek Wiechers

Die Erfindung der Glühlampe gilt als eine der wichtigsten kulturellen Leistungen der Menschheit. Das elektrische Licht schaffte die Dunkelheit quasi ab. Dank des Lichts können wir rund um die Uhr arbeiten, produzieren, Freizeit gestalten. Doch das elektrische Licht brachte auch massive Probleme: Menschen schlafen schlechter, Vögel singen rund um die Uhr und die erforderlichen riesigen Mengen Elektrizität fressen nach und nach die Ressourcen der Welt auf. Und: das künstliche Licht kann auch missbräuchlich eingesetzt werden. Wer das Licht hat, hat quasi die Macht.

Licht als Folterinstrument

Durch eine Schiebetür lässt sich eine kleine Gefängniszelle betreten. Winzig klein ist sie, klaustrophobisch. Die Wände sind weiß gestrichen, an der Wand befindet sich eine Toilette aus Edelstahl, daneben eine wenig einladende Pritsche. An der Decke befestigt ist eine extrem helle Neonröhre und verbreitet ein sehr unangenehmes Licht. "Weiße Folter" hat der Künstler Gregor Schneider seine Rauminstallation genannt. "Das ist eine Nachbildung einer Zelle aus Guantanamo", sagt Andreas Beitin, der Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg. "Wo Menschen in kleinsten Räumen gehalten werden und teilweise dann eben auch mit einem permanenten Ausgesetztsein einer Lichtquelle." Gleißend hell, kalt und gnadenlos. Wie Licht als Machtinstrument eingesetzt werden kann, gar um Menschen zu quälen - das zeigt Schneiders Kunstwerk eindrücklich.

Licht zur Anziehung und Abschreckung

Blick in die Ausstellung "Macht! Licht" im Kunstmuseum Wolfsburg. © Marek Kruszewski Foto: Marek Kruszewski
Auf etwa 2.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche beleuchtet das Kunstmuseum alle Seiten des Lichts.

Weniger drastisch zwar, aber um ein ähnliches Thema dreht sich eine Installation des Künstler-Duos Heike Mutter und Ulrich Genth. An Gestellen aus Edelstahl und Aluminium haben sie senkrechte Neonröhren angebracht – deren spezielles Licht direkt in die Gesichter der vorbeigehenden Museumsbesuchenden strahlt. "Es ist dieses rosafarbene Licht, das man aus dem Supermarkt kennt, wo eben das Fleisch beschienen wird, damit es möglichst frisch aussieht", sagt Beitin, der die Ausstellung gemeinsam mit Holger Broeker kuratiert hat. Einerseits hat dies also eine Konnotation aus dem Werbungsbereich. Andererseits aber auch aus dem sozialen Bereich. "In London beispielsweise wird dieses Licht in Straßenunterführungen genutzt, um Jugendliche wegzuhalten", erklärt er. "Weil da die Pickel also ganz besonders groß erscheinen, und die sich tatsächlich besonders ungern in diesem Licht aufhalten."

"Macht! Licht" beleuchtet alle Seiten des Lichts

Licht als Machtinstrument, Licht zur Unterdrückung. Licht als Mittel um zu verführen, zu manipulieren und zu blenden, Licht als umweltverschmutzendes Element. Die neue Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg nimmt die eher unangenehmen Aspekte des Lichts in den Blick. Manchmal sehr direkt, an anderer Stelle verschlüsselt und verrätselt. Rund 80 Lichtinstallationen von 65 Künstlerinnen und Künstlern hat das Museum in Wolfsburg zusammengetragen. "Wenn man mal vom natürlichen Sonnenlicht absieht, ist künstliches Licht extrem wichtig. Ich glaube die menschliche Zivilisation hätte es nicht soweit gebracht, wenn es kein künstliches Licht gegeben hätte", sagt Beitin. "Andererseits haben wir aber eben tatsächlich dann eben auch dieses negativen Auswirkungen."

Licht in der Religion sehr positiv besetzt

Der parallel erschienene Katalog geht detailliert auf kulturhistorische, auf biologische, theologische und soziologische Aspekte des Lichts ein. Dabei wird deutlich, dass dieses bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, bis die Elektrizität aufkam, fast ausschließlich positiv besetzt war: "Die christliche Religion, wie auch viele andere Religionen, kennen natürlich das Licht als Metapher, oder als Symbol für das Göttliche, für Gute, für das Wahre", schildert Beitin. Licht galt allgemein als Metapher für Aufklärung. "Wenn sie an den englischen Begriff "Enlightenment" denken - da ist das Wort 'Licht' sogar drin."

Lori Hersbergers Neonröhren

Lori Hersberger: Installation "Sunset". © Lori Hersberger Studio, Courtesy: Lori Hersberger, Zürich. Foto: Hans-Georg Gaul. Foto: Hans-Georg Gaul.
Die Installation "Sunset 164" des Schweizer Künstlers Lori Hersberger- Lori Hersberger (2006, Neon-Systeme, schwarzes Floatglas,164x300x1,8cm (Neon), 164x300x400 cm(Installationsmaße)).

Wie ambivalent das Thema Licht sein kann, wird deutlich auch in einer Arbeit des Künstlers Lori Hersberger. Sie besteht aus farbigen Neonröhren, die halbkreisförmig an der Wand platziert sind. Sie spiegeln sich in einer Fläche aus zersplittertem schwarzen Glas. Dem romantisch-verklärten Motiv des natürlichen Sonnenuntergangs wird darin eine ganz neue Bedeutungsebene hinzugefügt. "Ein Naturschauspiel, hier ist das erweitert durch diese zerbrochene Glaslandschaft", sagt Lori Hersberger. "Diese Zerbrechlichkeit im Zusammenhang mit dieser Herrschaftlichkeit der Natur lässt einen vielleicht auch erahnen, dass eben das Glück, dieses positive Moment, auch etwas sehr Zerbrechliches hat, in diesem Sinne.

 

Weitere Informationen
Eine Halle in moderner Architektur, in der rote Ausstellunswände mit Fotos hintereinander aufgereit sind. © Kunstmuseum Wolfsburg Foto: Kruszewski

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Kulturpartner: Kunstmuseum Wolfsburg

Das Kunstmuseum Wolfsburg bietet mit seiner großen Ausstellungshalle einen idealen Rahmen zur Präsentation internationaler zeitgenössischer Kunst. extern

Kunstmuseum Wolfsburg beleuchtet die Ambivalenz des Lichts

Unter dem Titel "Macht! Licht" präsentiert das Haus Licht als tragende Basis der modernen Welt, aber auch als Folterinstrument.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Kunstmuseum Wolfsburg
Hollerplatz 1
38440  Wolfsburg
Telefon:
(05361) 2669-69
E-Mail:
info@kunstmuseum.de
Preis:
10 Euro/ 8 Euro ermäßigt / 3 Euro (Kinder und Jugendliche von 7 - 17 Jahren)
Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 11 - 18 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 11.03.2022 | 07:20 Uhr

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