Stand: 25.01.2019 15:33 Uhr

Karl-May-Ausstellung: Fiktion und Wirklichkeit

von Fritzi Blömer

Marterpfahl, Blutsbrüderschaft und Federschmuck – das sind typische Bilder, die noch heute mit den Ureinwohnern Amerikas verbunden werden. Und das, obwohl sie nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen. Viele der Indianer-Klischees stammen aus den erfolgreichen Romanen von Karl May. Das Kulturgeschichtliche Museum Osnabrück zeigt in der Ausstellung "Blutsbrüder"“ verschiedene Facetten rund um den Mythos Karl May.

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Typisches Indianer-Klischee: Kurator Thorsten Heese mit einem Federkopfschmuck.

Schon im Vorraum der Ausstellung begrüßen zwei lebensgroße Bisons die Besucher. Der zweite Blick fällt auf eine Fotowand. "Bramsche, 1972" steht unter einem der 40 Bilder, auf dem verkleidete Kinder zu sehen sind, die Cowboy und Indianer spielen. Die anderen Fotos zeigen ähnliche Szenen. Vor allem in den 60er- und 70er-Jahren prägte Karl May die deutsche Vorstellung vom Wilden Westen wie kein zweiter. Und das, obwohl er selbst niemals dort gewesen ist. "Karl May hat eine Welt erfunden, die er gar nicht gekannt hat, und sie als wahr verkauft. Er hat Lesereisen gemacht und sich als Old Shatterhand verkauft" sagt Thorsten Heese, der Kurator der Ausstellung. "Er hat sich die entsprechende Kleidung genäht und dann das Hemd aufgemacht und die Narben gezeigt, die er im Kampf in seinen Geschichten erfahren hatte. Alles war erfunden - heute würde man sagen Fake."

Karl Mays Strategie ging auf

Ob wahr oder nicht - die Strategie ging auf. Bis heute wurden 100 Millionen Karl-May-Bücher in Deutschland verkauft. Dazu kommen Hörspiele, Filme und Merchandise-Artikel. Old-Shatterhand-Gartenzwerg, Schulranzen und Notizblöcke in Winnetou-Optik sind in der Ausstellung zu sehen. Auch liebevoll gestaltete Schaubilder, die Szenen aus den Romanen nachstellen und originalgetreu nachgebaute Gewehre, wie die berühmte Silberbüchse, können begutachtet werden.

Was ist wahr? Und was nicht?

Die Ausstellung zeigt aber nicht nur den Karl-May-Kosmos, sondern auch die Realität: zum Beispiel einen indianischen Federkopfschmuck aus der ethnologischen Sammlung des Museums. Der klassische Kopfschmuck eines Indianers? Nein. Denn nur eine einzige indigene Kultur Amerikas hatte tatsächlich so einen Federbesatz. Ein gutes Beispiel für die bestehenden Klischees findet Heese: "Zwischen diesen beiden Polen, Erfindung und Realität, ist eine Menge Luft."

Winnetou und Old Shatterhand: Keine Begegnung auf Augenhöhe

In diesen Zwischenraum möchte die Ausstellung eindringen. Auf wissenschaftlicher Ebene bieten die Geschichten von Karl May ebenfalls interessante Einblicke. Deshalb wurde ein umfangreiches Begleitprogramm mit der Universität Osnabrück organisiert. In einem Vortrag geht es deshalb auch um die Freundschaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand: "Wenn man es sich genau anguckt, ist es nicht einfach eine Begegnung auf Augenhöhe", sagt Kunstpädagoge Andreas Brenne. "Es sind nicht zwei gleiche Brüder, die sich begegnen, sondern das Verhältnis ist asymmetrisch."

Neue Rezeption: Fantasie statt sachlicher Roman

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In einer Fotobox können sich die Besucher mit einem Bären ablichten lassen.

Trotz der vielen Klischees bleibt Karl May für den Kunstpädagogen lesenswert: "Ich denke, dass das durchaus genauso spannend wie "Star Wars" und andere Szenarien ist. Die Marvel-Universen funktionieren eigentlich genau so wie Karl May. Wenn man es als fantastisch imaginäre Welt liest, die es ja eben ist."

Die Ausstellung "Blutsbrüder" führt die Besucher immer wieder in die Fantasiewelt Karl Mays. So gibt es zum Beispiel auch eine Fotobox, in der man sich mit einem lebensgroßen Bären und entsprechend kostümiert fotografieren lassen kann. Aber die Ausstellung will mehr sein als nur sentimentale Erinnerung und Dokumentation des Phänomens Karl May. Denn Mays Unwahrheiten sind für viele zur Wahrheit geworden. Kurator Thorsten Heese hofft, dass die Besucher diese Erkenntnis auch auf die Gegenwart übertragen. "Die Ausstellung zeigt, dass Bilder in meine eigene Welt eingedrungen sind, die andere produziert haben. Und wenn man sich damit ein bisschen beschäftigt, dann kann man vielleicht auch in der Realität fragen: Wer will mir hier eigentlich welche Botschaft aufschwatzen und warum sagt er nicht die Wahrheit?"

Karl-May-Ausstellung: Fiktion und Wirklichkeit

Die Ausstellung "Blutsbrüder" im Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück wirft sowohl einen nostalgischen als auch einen kritischen Blick auf die Geschichten Karl Mays.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Museumsquartier Osnabrück
Lotter Straße 2
49078  Osnabrück
Telefon:
0541 323 2207
E-Mail:
museum[at]osnabrück.de
Preis:
5 Euro, ermäßigt 3 Euro, freier Eintritt für Kinder und Jugendliche
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag 11-18 Uhr
Samstag, Sonntag & Feiertage 10-18 Uhr
Montag geschlossen
jeder ersten Donnerstag im Monat 11-20 Uhr
Hinweis:
Am Eröffnungsabend ist der Eintritt frei.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 25.01.2019 | 14:00 Uhr

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