Ein Kind steht vor dem Modell eines Carnotaurus vor dem Landesmuseum Hannover. © picture alliance/dpa | Julian Stratenschulte

Wie norddeutsche Museen dem Klimawandel begegnen

Stand: 04.10.2021 08:03 Uhr

Ausstellungen haben oftmals eine schlechte CO2-Bilanz, denn viele Kunstwerke legen teilweise weite Reisen zurück. In den Museen im Norden rückt das Thema Nachhaltigkeit immer mehr in den Fokus.

von Anina Pommerenke

Als Leuchtturmprojekt in Sachen Nachhaltigkeit gilt derzeit die Kunsthalle Emden. Mit 30 Millionen Euro aus Berlin wird das Haus umgebaut und möchte in Zukunft ressourcenschonend arbeiten. Dafür wird unter anderem die komplette Haustechnik erneuert und auch an der Konzeption von Ausstellungen angesetzt. Wo kommen die Kunstwerke her? Die Gäste? Die Mitarbeiter? Auch das Kunstmuseum Wolfsburg hat jüngst angekündigt, seinen ökologischen Fußabdruck verkleinern zu wollen. So wird in Zukunft unter anderem eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach des Museums Strom erzeugen. Wie eine Umfrage von NDR Kultur in Norddeutschland zeigt, haben viele andere Häuser das Thema ebenfalls schon auf dem Schirm.

Europäisches Hansemuseum: Nachhaltigkeit durch Recycling

Das Europäische Hansemuseum in Lübeck etwa sieht Nachhaltigkeit nicht nur als einen Trend, den es gerade zu bedienen gilt. Kommunikations-Chef Sören Affeldt bewertet ressourcenschonendes Arbeiten als eine der zentralen Aufgaben unserer Zeit. Er sieht bei Museen die naheliegenden Schwierigkeiten in den Bereichen Ausstellung und Sammlung. Dazu gehören ein besonderes Klima, das für viele Exponate nötig sei. Zudem gebe es eine Erwartungshaltung an moderne Ausstellungen, mit Licht und Medien zu arbeiten. Beides verbrauche viel Energie.

Dem Thema Nachhaltigkeit nehme sich das Hansemuseum besonders im Bereich Bildung und Vermittlung an. Indem etwa die Teilnehmenden motiviert werden, das eigene Handeln zu überdenken. Dabei orientiere sich das Haus an den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen.

In den Sonderausstellungen ist Nachhaltigkeit laut Affeldt immer wieder ein Thema. "Uns ist es wichtig, aus unseren historischen Themen heraus einen aktuellen, gesellschaftlichen Bezug herzustellen und dabei heutige Probleme, aber auch Lösungsansätze zu zeigen." Zudem werde im Hause wo immer möglich mit recycelten Materialien gearbeitet. So würden etwa Möbel mehrfach genutzt oder einzelne Elemente aus den Sonderausstellungen nach deren Ende in die Dauerausstellung überführt.

Das Lübecker Hansemuseum setzt den Nachhaltigkeitsgedanken noch auf einer anderen Ebene um. So werden wissenschaftliche Erkenntnisse und Ausstellungskonzeptionen bewahrt, indem alle Ausstellungen als 3D-Scan digitalisiert werden. So stehen sie jahrelang für die Bildungsarbeit des Hauses zur Verfügung.

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Blick in einen Saal des Burgklosters zu Lübeck im Europäischen Hansemuseums © Europäisches Hansemuseum Foto: Thomas Radbruch

Kulturpartner: Europäisches Hansemuseum Lübeck

Das Europäische Hansemuseum verschmilzt das alte Lübecker Burgkloster mit einer modernen Museumsanlage. extern

Landesmuseum Hannover: CO2 sparen durch weniger Leihobjekte

Das Landesmuseum Hannover hat das Thema Nachhaltigkeit ebenfalls für sich identifiziert. Beispielsweise wird bei der Planung von Ausstellungen auf Themen gesetzt, die in erster Linie durch Objekte aus den eigenen Sammlungen veranschaulicht werden können. Das spart lange und CO2-lastige Anfahrtswege von Exponaten. In Planung seien in den nächsten Jahren etwa Ausstellungen zu den ethischen Grenzen des Museums, die von den MeToo-Debatten oder der Black-Lives-Matter-Bewegung, aber auch von Klima- und Naturschutz geprägt sind. Oder zum Thema Geschwindigkeit, die im Tierreich ebenso wie in der Geschichte der Menschheit ein dauerhafter, überlebenswichtiger Faktor ist.

Der positive Nebeneffekt: das Potenzial des Hauses könne besser genutzt und so auch der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden, führt Sprecher Dennis von Wildenradt aus. Allerdings sieht er Grenzen bei dem Thema. "Für ein Museum steht der Erhalt von Kulturgütern an oberster Stelle", erklärt der Sprecher des Landesmuseums. "Da hierfür hohe Anforderungen an Licht, Klima, Präsentation und Aufbewahrung gestellt werden, kann dies noch nicht in jedem Fall mit dem nachvollziehbaren Wunsch nach Nachhaltigkeit und Energieeinsparungen einhergehen."

Auch baulich sucht das Haus nach Optimierungsmöglichkeiten - bei den historischen Räumlichkeiten durchaus eine gewisse Herausforderung: Denn das Gebäude des Landesmuseums Hannover wurde 1902 errichtet. Bedingt durch den Denkmalschutz begegnen den Ausstellungsmacherinnen und -machern viele Herausforderungen, wenn es ums Thema energetische Verbesserung gehe. Gemeinsam mit dem für das Haus zuständigen Staatlichen Baumanagement Hannover bemühe man sich trotzdem proaktiv, Energieeinsparpotential aufzuspüren. So werde seit 2019 das Dach des Museums aufwendig saniert. Der Umbau soll vor allem dazu führen, das Raumklima mit erheblich weniger Klimatechnik halten zu können als mit den alten verglasten Dächern. Außerdem wurde eine neue Lichttechnik verbaut und großteils auf eine energetisch günstige LED-Beleuchtung umgestellt. Beim Ausstellungsbau versucht das Haus zum Großteil auf nachwachsende Rohstoffe zu setzen, wie etwa Holz oder Materialien, die recycelt werden können.

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Blick vom Neuen Rathaus auf das Landesmuseum in Hannover © Axel Franz / NDR Foto: Axel Franz

Kulturpartner: Landesmuseum Hannover

Unweit des Maschsees lädt das größte staatliche Museum Niedersachsens zu einer Weltenreise ein. extern

Museum und Park Kalkriese: Aufforstungen im Außengelände

Das Museum und Park Kalkriese geht davon aus, dass das Thema Nachhaltigkeit im Museum in den kommenden Jahren immer wichtiger werden wird. Gleichzeitig erwartet das Haus nicht unbedingt eine bessere Ausstattung in Sachen Finanzen. Gerade nach der Corona-Pandemie rechne man eher mit sinkenden Budgets und Kürzungen. Vor diesem Hintergrund dürfte es eine wahre Herausforderung werden, die neuen Anforderungen zu bewältigen. In Kalkriese steht die Ressourcennutzung in betrieblicher Hinsicht auf dem Prüfstand. Konkret heißt das: Strom, Heizung, Wasser. Angefangen bei der LED-Beleuchtung bis hin zu Blockheizkraftwerk und Wärmepumpen sei an dieser Front auch schon einiges passiert, teilt Museums-Leiterin Heidrun Derks mit.

Eine Besonderheit des Museums ist das große Außengelände, das in Sachen Nachhaltigkeit noch einmal ein ganz anderes Themenfeld aufmacht: "Hier haben Stürme, Trockenheit und Krankheiten den Baumbestand stark verringert, sodass wir nun im Rahmen nachhaltiger Forstwirtschaft allein in den letzten sechs Jahren rund 600 Bäume nachgepflanzt haben", berichtet Museumsleiterin Derks. Insgesamt setze das Park-Management seit einigen Jahren sehr bewusst auf eine Erhöhung der Artenvielfalt und stetige Erhöhung beim Anteil der naturbelassenen Flächen.

Schwierigkeiten beobachtet Derks im gesamten Ausstellungsbetrieb, der das Haus auch immer wieder vor neue Herausforderungen stelle. Selbst mit nur einer Sonderausstellung pro Jahr, dem Willen, vorhandenes Mobiliar mehrfach zu nutzen und den Leihverkehr so begrenzt wie möglich zu halten: Die Besucherinnen und Besucher erwarten für jede Ausstellung einen anderen Look und attraktive, neue Exponate. Einem komplett nachhaltigen Ansatz seien demnach auch Grenzen gesetzt, wenn man vom Publikum wahrgenommen werden möchte, gibt Derks zu bedenken. Grundsätzlich denke sie über verschiedene Lösungen nach: zum Beispiel mehr Sonderausstellungen im Rahmen von Kooperationen zu realisieren oder aber als Wanderausstellungen zu planen. Das hätte allerdings bis zu 60 Prozent höhere Planungs- und Produktionskosten zur Folge, da sich Transportfähigkeit und Robustheit der Ausstellungen unmittelbar in Material- und Baukosten niederschlage. "Hier haben wir noch keine Lösung - aber Nicht-Ausstellen ist eben auch keine Antwort."

Zudem wolle das Museum das Thema Nachhaltigkeit bei der Vermittlungsarbeit stärker aufgreifen. Hier lotet das Haus derzeit aus, was nachhaltige Bildungskonzepte auszeichne und was sie inhaltlich für das Museum bedeuten. Da stehen für Derks nicht nur ökologischen Themen im Raum, sondern auch die Frage nach einem gesunden Urteilsvermögen. Beispielsweise wie sich Fakten von Lügen unterscheiden lassen, und was Argumente, Thesen, Hypothesen und Behauptungen sind. Ihr gehe es um Wissenschaftsverständnis, Kommunikations- und Sozialkompetenzen. Da stehe das Museum allerdings noch am Anfang eines intensiven Prozesses.

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Außenansicht des Museums Kalkriese im Osnabrücker Land © VARUSSCHLACHT im Osnabrücker Land Foto: Karl Johaentges

Kulturpartner: VARUSSCHLACHT im Osnabrücker Land

Seit fast 30 Jahren bieten Ausgrabungen in Kalkriese neue Erkenntnisse zum Schlachtgeschehen zwischen Römern und Germanen. extern

Nachhaltigkeit ist ein Schwerpunktthema der Verbände

Das Thema Nachhaltigkeit beschäftigt die norddeutschen Museen auf vielen unterschiedlichen Ebenen. Branchenübergreifend findet es ebenfalls Beachtung: Ende Oktober tagt der Bundesverband Museumspädagogik zum Thema Nachhaltigkeit und Bildung im Museum. Der Deutsche Museumsbund (DMB) befasst sich am 5. November in einer Tagung mit der Frage nach Nachhaltigkeit im Museum und auch der neueste Band der Fachzeitschrift Museumskunde ist ein Schwerpunktheft zum Thema Nachhaltigkeit.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 09.09.2021 | 07:50 Uhr