Stand: 08.05.2017 11:19 Uhr

Briefkunst mit tanzenden Nanas und Fettflecken

von Agnes Bührig

Im prädigitalen Zeitalter schrieb man persönliche Briefe meist mit der Hand. Neben dem Inhalt gaben Handschrift, Wahl von Schreibmittel und Briefpapier Auskunft über den Gefühlszustand des Absenders. An diese Zeit erinnert die Ausstellung "Zwischen den Zeilen" im Sprengel Museum Hannover, die am 10. Mai 2017 beginnt. Gezeigt werden Postkarten und Briefe von 17 Künstlern aus den 1960er-Jahren bis heute - von Niki de Saint Phalle und Joseph Beuys bis Sophie Calle.

Nanas springen über die Blätter

Niki de Saint Phalles Briefe sind leicht zu erkennen: Fröhlich-bunte Frauenfiguren - die Nanas - springen da über die Blätter. Dazwischen tanzende Buchstaben und flächig-bunte Symbolbilder. Ihre Überschrift auf einem Liebesbrief von 1970 etwa lautet "I rather like you a lot you fool". Eine Liebe wider besseren Wissens: Zu sehen ist auch ein Geldschein mit dem handschriftlichen Kommentar "du bist nicht sehr reich". Die Gesamtbotschaft erschließt sich intermedial, sagt Alessandra Nappo, eine der beiden Kuratorinnen der Ausstellung: "Jeder Brief besitzt drei interessante Komponenten. Wir haben immer eine Überschrift, wie einen Titel. Dann ein Bild, die illustrative Komponente. Dann eine Art Unterschrift. Diese Komponenten kommunizieren alle zusammen."

Trennungsbriefe, Fettflecken, tanzende Frauen

Geschrieben hat Niki de Saint Phalle an ihren Mann und an Freunde. Die Briefe vermitteln einen tiefen Einblick in ihre Gedanken und Gefühle. Gleichzeitig zeigen sie die öffentliche Künstlerin, die sich in den 1960er- und 1970er-Jahren für die Selbstbestimmtheit der Frau einsetzt. Ganz anders die Werke von Joseph Beuys: Briefbögen sind da zu sehen, nur mit Kopfzeile und Unterschrift versehen, dazwischen seine berühmten Fettflecken.

Postkarten mit Fettflecken von Beuys

Weiter Postkarten aus Holz, Eisenblech und Filz, die die Materialität thematisieren: "Wir haben Materialpostkarten von Joseph Beuys gefunden, die ein ganz anderes Licht auf das Thema Postkarten oder Schriftverkehr bringen", sagt die Kuratorin Patricia Hartmann. Etwa James Lee Bayars riesige rote Briefbahnen in Phallusform. Sorgsam gefaltet hat der amerikanische Künstler sie an Joseph Beuys geschickt. Die beiden waren sich in den 1960er-Jahren im Rahmen ihrer Aktivitäten in der Fluxusszene begegnet.

Ein Trennungsbrief geht an 107 Frauen

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Die Exponate von Niki de Saint Phalle sind leicht zu erkennen: Sie sind bunt und fröhlich.

Einen eher konzeptuellen Ansatz verfolgt Sophie Calle, Jahrgang 1953. Zu sehen ist ein Teil ihres Werkes "Passen Sie auf sich auf", das 2007 auf der Biennale von Venedig im französischen Pavillon gezeigt wurde. Es ist die Verarbeitung eines Trennungsbriefes, den sie unerwartet von ihrem Freund erhielt und an 107 Frauen aus ihrem Freundeskreis zur Verarbeitung weiterleitete.

Es ist eine Ausstellung, die zum Nachdenken über Kommunikation anregt und die überzeugend Form und Inhalt zum Kunstbrief in verschiedenen Kunstepochen thematisiert. Ein Muss für alle, die gern Briefe schreiben und eine Bestätigung, dass Totgesagte länger leben, sagt die Kuratorin Patricia Hartmann: "Was besonders interessant war, ist eben, dass das Interesse am Thema Brief und Postkarten nicht abgerissen ist, auch bei den Künstlern. Gerade bei der Gegenwartskunst ist es so, dass die Künstler häufig auf die Welt reagieren wie sie nun einmal gerade ist, und der Brief und die Postkarte haben da nach wie vor immer noch einen hohen Stellenwert – und das eben gerade auch im digitalen Zeitalter. "

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Handgeschriebene Briefe sagen viel über den Absender aus. Das Sprengel Museum widmet dem Thema eine Ausstellung mit Exponaten von Künstlern wie Niki de Saint Phalle und Joseph Beuys.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Sprengel Museum Hannover
Kurt-Schwitters-Platz
30169  Hannover
Telefon:
(0511) 16 84 38 75
E-Mail:
sprengel-museum@hannover-stadt.de
Preis:
7, ermäßigt 4 Euro, freitags frei
Öffnungszeiten:
Montag geschlossen
Dienstag 10 - 20 Uhr
Mittwoch bis Sonntag 10 - 18 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

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