Stand: 12.07.2019 14:58 Uhr

Hannover: Ausstellung zur deutschen Identität

von Andrea Schwyzer

Sie hat sich der deutsch-deutschen Wiedervereinigung seit 1989 gewidmet und beobachtet, wie diese die Identität geprägt hat: Henrike Naumann. 30 Jahre nach dem Mauerfall widmet sich die Ausstellung "Henrike Naumann. 2000. Mensch. Natur. Twipsy" der Postwende-Zeit mit Objekten und Möbeln aus dieser Epoche. Bis zum 25. August ist die Schau im Kunstmuseum Hannover zu sehen. Sie entstand in Zusammenarbeit mit dem Verein Exposeeum, der Relikte von der Weltausstellung Hannover gesammelt hat.

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Installation mit Twipsy, dem Maskottchen der Expo 2000, von Henrike Naumann.

Da liegt sie, diese menschengroße Plüschfigur: Zwei unterschiedliche Hände; abgewetzte, ungleiche Schuhe; Miró-haft bunt. Twipsy - das Maskottchen der Expo 2000. Das bemitleidenswerte Ding ist in die Jahre gekommen. Doch jetzt ist ja alles gut. Henrike Naumann hat sich dem Maskottchen angenommen und ihm im Kunstverein einen eigenen Raum eingerichtet. Dort kann Twipsy nun seinen Ruhestand genießen, an den Fenstern hängen Expo-gelbe Jalousien.

Maskottchen im Ruhestand

"Ich habe Twipsy einen offiziellen Entspannungssessel der Expo 2000 gegeben, den wir für die Ausstellung reparieren konnten. Über Knopfdruck begibt sich ein grauer, knochenförmiger Sessel in eine Liegeposition und dann wird Twipsy wie ein Baby gewiegt. Das soll entspannend sein, wirkt aber sehr mechanisch und auch ein bisschen bedrohlich", erzählt Künstlerin Naumann. "Ich fand, das ist ein schönes Bild - auch für das Motto der Expo 'Mensch. Natur. Technik', was ich in 'Mensch. Natur. Twipsy' umgewandelt habe. Ich habe mich mit der Frage beschäftigt: Inwieweit sieht man sich als Mensch im Verhältnis zu Natur und Technik? Ganz viele technische Errungenschaften, mit deren Folgen wir heute zu kämpfen haben wie etwa der Klimawandel, wurden auf der Expo sehenden Auges beworben. Also: absolute Unnachhaltigkeit unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit."

Postwende-Zeit: deutsch-deutsche Identität in Möbeln

"Gib Wessis eine Chance"

Die meisten Pavillons sind heute Ruinen. Auch das erzählt die Ausstellung. Naumann lässt Kritikerstimmen aufleben, stellt Gastgeschenke in den Fokus - die allerdings nicht so sehr die Welt zeigen als vielmehr das Bild, das die Welt gern von sich präsentiert. Naumann hat sich für das Pressefoto des Kunstvereins übrigens das Twipsy-Kostüm übergestülpt - sich in das Maskottchen hineinversetzt. Beim Rundgang durch ihre Ausstellung trägt sie dann allerdings eine Nadelstreifenhose, Socken mit IKEA-Aufdruck und ein T-Shirt, auf dem steht: "Gib Wessis eine Chance". "Gerade in der Nachwendezeit, als viele Leute ihre DDR-Möbel auf die Straße gestellt haben, ist meine Mutter mit mir durch die Stadt gegangen und wir haben nach schönen Holzmöbeln gesucht", erzählt die 1984 in Zwickau geborene Künstlerin. "Dadurch haben sich mir auch die Bilder dieser Möbel so extrem eingeprägt. Bei Möbeln gucke ich halt zweimal hin."

Möbel sagen mehr als Worte

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Der "Traueraltar zur Deutschen Einheit": Möbel sagen mehr als Worte, findet die Künstlerin Naumann.

Möbel können für Naumann oft mehr sagen als Worte. Sie hat viele Nachwendezeit-Stücke erworben - zum Beispiel über Kleinanzeigen - und drapiert sie zu skurril anmutenden, teils bedrückenden Wohnlandschaften. Ihr "Traueraltar zur Deutschen Einheit" ist eine klobige Wohnwand aus Holz, die Platz für vermeintliche Luxus-Artikel bietet. Eine Lux-Seife beispielsweise, zu DDR-Zeiten heiß begehrt und in so manchem Päckchen aus dem Westen zu finden. Nach dem Mauerfall wurde den Ostdeutschen bewusst: Lux ist eine stinknormale Seife. So steht die Wohnwand denn auch auf wackligen Beinen. Da liegt ein Kranz aus weißem und lilafarbenem Plüsch. Milka-farbenes Beileid für die Deutsche Wiedervereinigung. Veranstaltungen zu ihren Ausstellungen lässt Naumann bewusst in den Installationen selbst, auf den Möbeln stattfinden. Das verändert Debatten und wie wir über Dinge sprechen. Davon ist Naumann überzeugt: "In dem Moment, in dem man selber auf diesem Jugendzimmerbett von Beate Zschäpe sitzt, das ich anhand von Fotos rekonstruiert habe, spricht man ganz anders über den NSU."

Räume für gemeinsame Erinnerungen

Unser Interview findet sitzend, auf einem originalen Expo-Teppich, statt. Gelb, fleckig, möchtegern-poppig. Naumann will offene Räume schaffen, wo man Erinnerungen teilen kann. Sie nähert sich auf diese Weise haptisch und intuitiv einem Thema, das mit Worten, gerade in der oft aufgeheizten, öffentlichen Debatte, nicht leicht zu umschreiben ist. Dass sie mit ihren Wohnlandschaften zum Gespräch, zur Reflexion anzuregen vermag, beweist unter anderem eine beiläufige Bemerkung von Kathleen Rahn, der Direktorin des Kunstvereins: Sie sitze, seit sie hier in Hannover sei, auf einem ausrangierten Expo-Stuhl. Das war ihr bisher gar nicht bewusst.

Hannover: Ausstellung zur deutschen Identität

Künstlerin Henrike Naumann beobachtet, wie sich die deutsche Identität in der Postwende-Zeit verändert. Die Schau "Mensch, Natur, Twipsy" beleuchtet dies - auch unter dem Aspekt der Expo 2000.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Kunstverein Hannover
Sophienstraße 2
30159  Hannover
Telefon:
0511/1699278-0
E-Mail:
mail@kunstverein-hannover.de
Preis:
6 € / ermäßigt 4 € / Mitglieder frei
Öffnungszeiten:
Montag: geschlossen
Dienstag - Samstag: 12 - 19 Uhr,
Sonn- und Feiertag: 11 - 19 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 15.07.2019 | 10:20 Uhr

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