Rebecca Seidler © dpa Foto: Julian Stratenschulte

Gewalt gegen Juden stoppen: "Jetzt sind alle gefragt"

Stand: 14.05.2021 14:34 Uhr

Der Konflikt im Nahen Osten ist längst auch in Deutschland angekommen. Ein Gespräch mit der Vorsitzenden der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hannover, Rebecca Seidler.

Rebecca Seidler © dpa Foto: Julian Stratenschulte
Beitrag anhören 7 Min

Am Mittwochabend konnte in Gelsenkirchen ein Demonstrationszug nahe der Synagoge von einer Polizeikette gestoppt werden. In Münster, Bonn und Solingen wurden israelische Flaggen angezündet. Auch in Hannover wurde demonstriert, und für Sonnabend sind bereits wieder antiisraelische Protestaktionen in mehreren Städten angekündigt.

Frau Seidler, die Stimmung in Israel ist beunruhigend. Sorgen Sie sich nach den Ereignissen der vergangenen Tage auch um die Sicherheit hier vor Ort? Wie konkret schätzen Sie die Bedrohung ein?

Weitere Informationen
Teilnehmende der Demonstration verschiedener palästinensischer Gruppen gehen begleitet von Polizei durch Hannovers Innenstadt. © dpa Foto: Philipp Schulze

Nahostkonflikt: Hunderte Menschen bei Demos in Niedersachsen

Die meisten Demonstrationen richteten sich gegen das Vorgehen Israels. Die Proteste verliefen friedlich. mehr

Rebecca Seidler: Die eskalierende Situation in Israel ist sehr bedrohlich für den Nahen Osten und hat auch massive Auswirkungen auf die jüdischen Gemeinden und Institutionen hier in Deutschland. Wir Jüdinnen und Juden werden als Stellvertreter des Staates Israels angesehen und in die Verantwortung genommen. Wir konnten schon in den vergangenen Tagen die Aggressionen sehen, die sich hier entzünden. Antisemitische Vorfälle haben massiv zugenommen. Ich möchte aber an dieser Stelle auch noch mal betonen, dass es bei diesen Vorfällen in Deutschland nicht um eine Kritikäußerung am politischen Handeln des Staates Israels geht, sondern wir haben es mit massiven judenfeindlichen Bedrohungen zu tun, was aufs Schärfste zu verurteilen ist.

In der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" war heute zu lesen, dass sich ein anonymer Anrufer bei Ihnen gemeldet und einen Brandanschlag auf die Synagoge in Stöcken angekündigt hat. Das wird Sie sehr beunruhigen. Welche Unterstützung wurde Ihnen deshalb zugesagt?

Seidler: Natürlich, das war sehr beunruhigend. Bereits am selben Tag wurden umgehend der Staatsschutz und der Innenminister informiert. Seitdem stehen wir in einem sehr engen Austausch. Die Polizeibeamtinnen vor Ort sind rund um die Uhr mit höchster Wachsamkeit und Sensibilität an der Synagoge. Diese gute und aktive Zusammenarbeit zwischen den Sicherheitsbehörden, dem Innenministerium, aber auch unserer jüdischen Gemeinde ist enorm wichtig für das Befinden unserer Gemeindemitglieder. Denn wir dürfen mit dieser Bedrohungslage nicht allein gelassen werden.

Haben Sie persönlich eine Erklärung dafür, weshalb sich Hass und Antisemitismus so stark in Deutschland formiert? Woher kommt diese Energie, diese Aggressivität?

Weitere Informationen
Israelische Luftangriffe auf ein Wohngebiet im südlichen Gazastreifen © picture alliance / ZUMAPRESS.com | Yousef Masoud Foto: Yousef Masoud

Kein Ende der Gewalt

Im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern haben sich beide Seiten erneut beschossen. Mehr bei tagesschau.de. extern

Seidler: Letztlich ist es keine neue Erscheinung. Es ist seit jeher so, dass die Situation in Israel auch immer Auswirkungen auf das jüdische Leben außerhalb von Israel hat. Wie ich bereits betonte, werden wir immer als Stellvertreter*innen des Staates Israels angesehen. Es ist auch nicht zu verschweigen, dass der Judenhass in islamistischen Milieus sehr stark vertreten und verankert ist und somit auch in Deutschland zum Ausdruck kommt. Antisemitismus hat viele Gesichter, kommt auch in vielen Milieus vor und ist auch ein Verbindungsstück zwischen diesen, wodurch sich eine enorme Energie aufbauen kann. Und diese Aggressivität, die wir in diesen Tagen auch hier erleben, ist für uns als jüdische Gemeinde sehr besorgniserregend.

Am Sonnabend soll es wieder Demonstrationen geben, auch in Hannover. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, hat muslimische Verbände zu einer Distanzierung von Gewalt gegen Juden aufgefordert. Reicht das aus?

Seidler: Es ist ein wichtiges Signal, aber jetzt sind alle gefragt. Es kommt jetzt auf die Zivilbevölkerung an und auf die politischen Akteur*innen. Das heißt, sich für den Schutz jüdischen Lebens hier in Deutschland stark zu machen und sich klar zu positionieren. Das gilt für jeden Einzelnen, nicht nur für muslimische Verbände. Sich gegen Judenhass einzusetzen und jüdisches Leben zu schützen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die wir nur gemeinsam bewältigen können.

Andere Antisemitismusbeauftragte, zum Beispiel der hessische, Uwe Becker, fordern ein Verbot der Demonstrationen. Auch jüdische Gemeinden tun das. Wie stehen Sie persönlich dazu?

Seidler: Ich kann diese Forderungen sehr gut nachempfinden. Mir persönlich würde es damit auch besser gehen. Aber das Demonstrationsrecht und die freie Meinungsäußerung sind ein hohes Gut unserer Demokratie, und von daher hadere ich immer wieder mit solchen Gedankenspielen. Ich persönlich würde mich eher dafür aussprechen, dass bei solchen Demonstrationen entschiedener und deutlicher eingeschritten wird, wenn Judenhass verbreitet wird. Denn es kann nicht sein, dass judenfeindliche Parolen vor einer Synagoge von einer Menschenmasse gerufen werden und nicht eingeschritten wird, weil es zu wenige Beamten gibt. Das darf nicht wieder passieren. Man muss sich bewusst machen, dass solche Demonstrationen dazu dienen, antisemitische Äußerungen zu machen. Das muss von den Sicherheitsbehörden entsprechend vorbereitet werden. Und wenn antisemitische Aussagen getroffen werden oder - wie jetzt auch in Hannover - Israel-Flaggen verbrannt werden, dann muss man diese Demonstrationen sofort abbrechen und sagen: Hierfür ist kein Platz.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen.

Weitere Informationen
Die Seite eines Polizeibusses. © NDR Foto: Thomas Hans

Polizei beendet Anti-Israel-Demo in Hannover

Rund 550 Menschen hatten am Mittwoch in der Innenstadt protestiert. Viele verstießen laut Polizei gegen Corona-Regeln. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.05.2021 | 18:00 Uhr