Ein Blick in einen tunnelartigen Raum mit Schauvitrinen in der Ausstellung über jüdische Geschichte im Landesmuseum Braunschweig © Landesmuseum Braunschweig

Braunschweig zeigt Ausstellung zur jüdischen Geschichte

Stand: 09.12.2021 08:38 Uhr

Die Ausstellung "Ein Teil von uns. Deutsch-jüdische Geschichten aus Niedersachsen" wurde komplett überarbeitet. Heute eröffnet das Landesmuseum Braunschweig die Schau.

von Michael Brandt

Zwei Jahre lang wurde die Ausstellung im Landesmuseum Braunschweig am Standort Hinter Aegidien in ehemaligen Klostergebäuden renoviert und überarbeitet. Die Kosten in Höhe von 1,5 Millionen Euro haben das Land Niedersachsen und einige Stiftungen übernommen. Rund 140 Exponate zählt die Dauerausstellung, das älteste stammt aus dem Jahr 1726.

Objekte erzählen persönliche Geschichten

Eine Löwen-Bronzeskulptur © Anja Pröhle Foto: Anja Pröhle
Die Bronzeskulptur eines Löwen ist eine Leihgabe. Dahinter steckt eine bewegte Geschichte.

Einige dieser historischen Objekte erzählen vor allem persönliche Geschichten von Jüdinnen und Juden. So auch eine Tischskulptur in Gestalt eines Löwen, dem Braunschweiger Stadtwappen. Diese Bronzenachbildung ist eines der Exponate in der neuen Dauerausstellung. Sie ist etwa so groß wie ein DIN-A5-Schreibheft und gehörte Walter Heinemann: "Walter Heinemann war Arzt in Braunschweig und hat diesen Löwen mitgenommen 1935 - er ist erst nach Palästina und dann in die USA emigriert. Der Löwe hat ihn immer begleitet", sagt Kuratorin Lea Weik.

Walter Heinemann: Flucht vor den Nationalsozialisten

Heinemann war Jude und musste vor den Nationalsozialisten fliehen. 1966 saß er an seinem Schreibtisch in New York. Damals arbeitete Heinemann gerade an einem Gedenkbuch über die Schicksale der Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Braunschweig. Darin schreibt er: "Dieweil ich hin und her überlege, fällt mein Blick zu meiner Rechten auf eine Bronzenachbildung des Braunschweiger Löwen, der mich seit meiner Niederlassung als Arzt nunmehr über 50 Jahre begleitet hat."

Die Löwen-Skulptur habe immer auf dem Schreibtisch ihres Großvaters Walter Heinemann gestanden, erinnert sich seine Enkelin Suzan Goldhaber. Die 76-jährige US-Amerikanerin lebt heute in Long Island. Sie schenkte die Löwen-Skulptur einer befreundeten Braunschweiger Familie: "Ich dachte, es wäre symbolisch als ein Zeichen unserer Freundschaft und als ein Zeichen seiner beständigen Treue zu Braunschweig, dass die Löwen-Skulptur zurückkehren sollte", erklärt Goldhaber.

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Löwen-Skulptur berichtet von persönlicher Erfahrung

Nun steht die Skulptur als Leihgabe in der neuen Dauerausstellung und ist eines von zahlreichen kleinen historischen Objekten, die alle von persönlichen Erfahrungen berichten. Darunter auch von grausamen Erinnerungen wie die von Gisela Uhlmann. Sie schrieb nach der Shoa: "Noch immer bedeutet Deutschland beziehungsweise Braunschweig Angst und braune Stiefel."

Familienerbstücke in Ausstellung

Trotzdem hatte Uhlmann dem Landesmuseum Ende der 90er-Jahre einige Familienerbstücke übergeben, als Mahnung. Darunter auch ein paar Serviettenringe, berichtet Kuratorin Weik: "Das sind sentimentale Erinnerungsstücke an ihren ermordeten Onkel und das finde ich schon etwas sehr Besonderes und Privilegiertes, dass wir diese Stücke jetzt in unserer Sammlung ausstellen dürfen", freut sich Welk.

Inneneinrichtung der Hornburger Synagoge

Ein Mann steht im Landesmuseum Braunschweig vor einer Wand mit historischen Fotos © NDR / Michael Brandt Foto: Michael Brandt
Auch die Geschichte der heutigen jüdischen Gemeinde in Braunschweig ist in der neuen Dauerausstellung im Landesmuseum Braunschweig zu sehen.

Die Sammlung existiert bereits seit den 1920er-Jahren. Ihr Herzstück sei die Inneneinrichtung einer historischen Synagoge aus Hornburg, sagt Museumsdirektorin Heike Pöppelmann: "Sie gehört in Deutschland zu den herausragenden Objekten jüdischen Erbes und ist noch eine der wenigen Überbleibsel der Hornburger Gemeinde, die sich eben im 18. Jahrhundert sich gegründet hat und 1923, als die letzte Jüdin verstarb, erloschen ist."

Die Synagoge sollte damals eigentlich abgerissen werden. Der damalige Museumsdirektor Karl Steinacker habe sie aber davor bewahrt - gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde Braunschweig, berichtet Pöppelmann. Sie bezeichnet die Hornburger Synagoge 1924 als "außergewöhnliches Denkmal für ganz Westdeutschland". Zehn Jahre später, während des Nationalsozialismus, amtierte ein anderer Museumsdirektor - da wurde die Synagoge dann mit dem Etikett "Fremdkörper deutscher Kultur" versehen: "Der damalige Direktor war natürlich auch ein strammer Nazi. Heute betrachten wir es als museales Objekt mit einer eigenen Objektbiografie", erklärt Pöppelmann.

Keine Hinweise auf geraubtes Kulturgut

Es sei nun eine der Hauptaufgaben gewesen, die Herkunft der Objekte zu erforschen. Hinweise auf geraubtes Kulturgut gebe es bisher aber nicht, sagt Pöppelmann. "Ein Teil von uns. Deutsch-jüdische Geschichten aus Niedersachsen" - dieser Ausstellungstitel sei auch ein Statement: Jüdische Geschichte solle als Teil einer gemeinsamen Geschichte verstanden werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 09.12.2021 | 10:20 Uhr