Blick auf das Kolonialdenkmal. © Janeck Wiechers

Braunschweig: Was tun mit Kolonialdenkmälern?

Stand: 20.07.2021 07:54 Uhr

Immer wieder entfacht sich eine Debatte um das umstrittene Kolonialdenkmal in Braunschweig. Doch wie geht man richtig mit Kolonialdenkmälern um?

von Janek Wiechers

Im beliebten Braunschweiger Altbauwohnviertel "Östliches Ringgebiet" steht am Rande des Stadtparks neben alten Eichen das Kolonialdenkmal. Platziert ist der dreistufige steinerne Quader auf einer Rasenfläche etwas abseits der Straße - ein klotziges Gebilde auf einem niedrigen Sockel, das an einen Sarg erinnert, etwa zweieinhalb Meter hoch und zweieinhalb Meter breit. Vorne zeigt das Kolonialdenkmal einen in Stein gehauenen Löwen, dessen Pranke eine Erdkugel umklammert. Darauf sind kaum noch erkennbar die Umrisse Afrikas und Asiens abgebildet. Unter dem Löwen-Relief gibt es eine Inschrift in verblassten Goldlettern: "Gedenket unserer Kolonien und der dort gefallenen Kameraden".

Fabian Lampe vor dem Kolonialdenkmal. © NDR
Historiker Fabian Lampe hat die Geschichte des Kolonialdenkmals erforscht.

"Der Löwe hat nichts mit dem Wappentier der Welfen oder mit der Stadt Braunschweig zu tun, sondern symbolisiert im Sinne der Erbauer des Denkmals die Kraft, die nötig ist die Kolonien wiederzubekommen und die Tapferkeit deutscher Kolonialsoldaten", sagt der Braunschweiger Historiker Fabian Lampe: "Das ist von einem ganz kleinen Verein 1925 aufgestellt worden,, der sich 'Verein ehemaliger Ostasiaten und Afrikaner zu Braunschweig' nannte. Um an die verlorenen Kolonien zu erinnern und an die dort gefallenen Soldaten. Und auch um diese Kolonien auch zurückzufordern." Diese waren im Zuge der Reparationen nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg gemäß des Versailler Vertrages an den Völkerbund gegangen.

Braunschweigs Umgang mit dem Kolonialdenkmal

Halb vergessen stand das Denkmal lange Zeit im Park. Welch problematische Geschichte mit dem Denkmal verbunden ist, schien lange niemanden zu interessieren. Es gehörte fortan zwar irgendwie zum Stadtbild im Osten Braunschweigs, seine eigentliche Aussage aber geriet in Vergessenheit. Zumal es in den 1930er Jahren an seinem ursprünglichen, prominenten Platz am Ende einer großen Straße abgebaut, und einige Meter weiter, halb in einer Grünanlage, wieder aufgestellt wurde.

Historiker Lampe erklärt: "Das Denkmal wurde „1937 tatsächlich hier von den Nationalsozialisten sprichwörtlich an den Rand gedrängt, um der neuen Ideologie Platz zu machen, als man diesen Stadtparkdurchbruch hier gemacht hat, um das Aufmarschfeld der SA im Prinzenpark zu erreichen. Und deshalb war es also lange Zeit gar nicht im Bewusstsein der Leute". Größere Debatten darum gab es mehr als 60 Jahre lang nicht.  Mit einer kleinen Ausnahme, wie Fabian Lampe berichtet. "1962 hat ein Bürger gesagt, man müsse das jetzt abschaffen. Aber das hat zu keiner besonders großen Debatte geführt. Das wurde dann im Kulturrat besprochen und abgelehnt. Und dann ist das wieder eingeschlafen".

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Erst In den 1980er-Jahren kamen erste kleinere Diskussionen in Braunschweig auf. Und 1990 entzündete sich schließlich eine größere Debatte um das Kolonialdenkmal. Auf Antrag der SPD befasste sich der Rat der Stadt Braunschweig mit dem Vorschlag das Denkmal zu versetzen.  Da es ein Ehrenmal für gefallene Soldaten sei, gehöre es auf einen Friedhof, argumentierten die Gegner. Politisch ungebildete Menschen, könnten im Vorbeigehen falsche Schlüsse ziehen, das Denkmal den Rechtsradikalismus befördern.  Die Verwaltung und die CDU im Stadtrat sahen das anders: ein Denkmal mit problematischer Geschichte könne nur an Ort und Stelle seine mahnende Funktion entfalten, so ihr Argument. 1993 brachten die Grünen im Stadtrat noch die Idee ein, dem Kolonialdenkmal ein Anti-Denkmal gegenüberzustellen. Auch dieses Ansinnen verfing nicht.

Seit 2005 gibt es eine Hinweistafel am Denkmal

Eine erste systematischere Auseinandersetzung gab es 1993. Schüler*innen eines Geschichtsleistungskurses eines Gymnasiums beschäftigten sich unter Anleitung eines engagierten Lehrers mit dem Kolonialdenkmal. Sie sammelten Informationen in Archiven und alten Zeitungen und befragten Passant*innen, was sie über das Denkmal wussten. Es erschien im Braunschweiger Westermann Verlag ein Heft, in dem sie die Ergebnisse ihrer Recherche zusammenfassten.

In den frühen 2000er-Jahren keimte die Diskussion um die Frage, wie mit dem Denkmal umzugehen sei, erneut auf. Im Rat der Stadt und in Leserbriefen in der lokalen Zeitung wurde lebhaft diskutiert. Auch mischten sich regionale Historiker*innen und Friedensinitiativen in den Streit ein. Auch veränderte 2004 der 100. Jahrestag des Völkermords an den Herero und Nama in der einstigen Kolonie Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) einmal mehr die Sicht auf das Kolonialdenkmal. Die Stadt Braunschweig hörte auf alljährlich am Volkstrauertag Kränze am Kolonialdenkmal niederzulegen. 2005 wurden zudem kleine Hinweistafeln am Kolonialdenkmal aufgestellt. Darauf heißt es unter anderem:

Der Kolonialismus mit seinen Auswirkungen auf die besetzten Länder ist heute besonders der jüngeren Generation nicht mehr präsent. Denkmäler wie dieses sind Zeugnisse einer Geisteshaltung, die aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehbar und in besonderer Weise erläuterungsbedürftig ist. Diese Tafel dient daher der Einordnung des Denkmals in den historischen Kontext seiner Entstehungszeit und in das geänderte historische Verständnis der Gegenwart.

Diskussion um Denkmal hat erneut begonnen

Seit dem vergangenen Jahr ist das Braunschweiger Kolonialdenkmal abermals Gegenstand einer zum Teil heftig geführten öffentlichen Debatte geworden. Und die hat sich im Gegensatz zu früheren Diskussionen verbreitert, sagt Historiker Lampe. Das Kolonialdenkmal fungiere diesmal vor allem als Projektionsfläche verschiedener Akteure: "Heute werden eben vor diesem Denkmal Schilder der Black Lives Matter-Bewegung aufgestellt, oder Botschaften dransprüht - die Debatten der Gegenwart hier am Denkmal".

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Das Schutztruppen-Denkmal in Hamburg-Aumühlen im Jahr 2009 © Reinhard Behrens Foto: Reinhard Behrens

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Andererseits ist - wieder einmal - auch die Frage nach dem Umgang mit dem Denkmal selbst wieder in den Fokus gerückt. Wie umgehen mit dem kolonialen Erbe im Straßenraum, das weiter offen Völkermord und Unterdrückung propagiert? Seit dem Mord an George Floyd und dem Sturz rassistisch-kolonialer Denkmäler in den USA wird auch in Braunschweig darüber wieder verstärkt gestritten. So gibt es durchaus Stimmen in der Stadt, die fordern das Denkmal abzureißen, zumindest aber radikal zu verändern. Das basisdemokratisch organisierte und Rassismus kritische Kollektiv "Amo Braunschweig postkolonial" gehört dazu. Es bietet sogenannte "postkoloniale Stadtrundgänge" zu Spuren deutschen Kolonialismus in Braunschweig an. Das Löwendenkmal am Stadtpark bezeichnet das Kollektiv auf ihrer Internetseite als "historische Erzählung von einem rassistischen Erzähler, der sich gewünscht hat, dass Deutschland wieder andere Länder und ihre Bevölkerung unterdrückt und ausbeutet". 

Das Denkmal dürfe in seiner jetzigen Form nicht bestehen bleiben, da es die Kolonialherrschaft verherrliche, zitiert die Braunschweiger Zeitung eine Amo-Sprecherin. Man setze sich deshalb für ein "Entfernen der jetzigen Struktur und die Umgestaltung in ein Mahnmal ein". Daran sollten auch Menschen aus den ehemaligen Kolonien teilhaben dürfen.

AdamaLogosu-Teko im Interview. © Janeck Wiechers
Geht es nach Adama Logosu-Teko, dann sollte das Denkmal ganz entfernt werden.

Auch Adama Logosu-Teko möchte am liebsten, dass das Denkmal mit dem steinernen Löwen ganz aus dem Stadtbild entfernt wird. Er leitet das "Haus der Kulturen" in Braunschweig und stammt ursprünglich aus Togo in Westafrika – ein Land das, wie viele andere nicht nur unter deutschen Kolonialisten zu leiden hatte. "Es reicht aus meiner Sicht bei Weitem nicht nur eine erklärende Tafel hinzustellen, die vielleicht drei Monate später entfernt wird durch Randalierer", so Logosu-Teko. Er sei dafür, dass man das Denkmal abreißt und stattdessen an Ort und Stelle darauf hinweist, was früher dort stand. Das Löwendenkmal sei kein harmloses Zeitzeugnis. Dahinter stehe eine menschenverachtende Ideologie und unvorstellbares menschliches Leid, so Logosu-Teko. Er wünscht sich, dass es eine Diskussion in der Stadtgesellschaft darüber gibt, was mit dem Denkmal jetzt konkret passieren soll. „Es ist nicht egal, wie so ein Denkmal verschwindet. Das Ganze muss in einen Diskurs eingebettet sein und pädagogisch so begleitet sein, damit die Bürgerinnen und Bürger verstehen warum sie verstehen müssen“. Und: Adama Logosu-Teko hätte es am liebsten, wenn die Einwohner der Stadt bei einer Umgestaltung mit einbezogen würden.

Wie es weitergehen könnte

Seit etwa einem Jahr steht am Kolonialdenkmal ein Schild - ein schlichtes Blatt Papier, eingeschweißt in Kunststoff und an eine Holzlatte genagelt.  Es wirkt provisorisch und wird immer wieder umgeworfen, erzählt der Historiker Fabian Lampe. Die Stadt Braunschweig reagierte schon vor einem Jahr mit dem Schild auf die damals entflammte Rassismusdebatte. Auf dem Schild ist ein QR-Code abgebildet, über den man per Smartphone auf die Internetseite der Stadt Braunschweig gelangt. Die kündigt dort an, weitere Forschungen im Zusammenhang mit dem Kolonialdenkmal in Auftrag gegeben zu haben. Dort ist auch von einem Künstlerwettbewerb zu lesen, der auf Grundlage dieser Forschungsergebnisse bald starten soll. Internationale Künstler*innen - auch aus den ehemaligen Kolonien - sollen sich demnach kreativ mit dem Denkmal auseinandersetzen. Der Prozess dazu sei voll im Gange, sagt Annette Boldt-Stülzebach, die Leiterin des Kulturinstituts der Stadt Braunschweig. Momentan würden Kuratorium und Beirat für den Wettbewerb zusammengesetzt. Wegen Corona hätten sich die Pläne für den Künstlerwettbewerb verzögert. Aber, so Boldt-Stülzebach weiter: "Er wird dieses Jahr noch ausgeschrieben". Generell vertrete die Politik in der Stadt die Haltung, dass es nichts bringen würde das Denkmals abzureißen, so Boldt-Stülzebach.

Er habe das Gefühl, dass momentan die Debatte um das Kolonialdenkmal in Braunschweig wieder ziemlich abgeflaut sei, schildert Historiker Fabian Lampe seine Eindrücke. "Also, ich habe jetzt schon länger nicht mehr gehört, dass jemand nochmal eine große Forderung gestellt hat. Ich weiß, dass dieser künstlerische Wettbewerb in Vorbereitung ist. Und dass die Stadt wohl ziemlich ergebnisoffen ist, was dann am Ende wirklich damit passiert". Er sei gespannt, was tatsächlich dabei rauskommt, so Lampe. Einen Abriss des Denkmals, wie ihn einige fordern, den kann auch er als Historiker nicht gutheißen. Denn der Löwe aus Stein sei einerseits "ein Fenster in die Vergangenheit, wo man sieht, wie die Leute in der Vergangenheit über bestimmte Dinge dachten", so Lampe. Zudem sei das Denkmal ein Ort aktueller Debatten. "Das wiederrum ist eine ganz tolle Funktion, die das Denkmal heute hat. Und die könnte es nicht mehr haben, wenn es weg wäre".

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 20.07.2021 | 14:20 Uhr