Stand: 29.01.2019 11:28 Uhr

"Remote Control": Irritation in unsicheren Zeiten

von Agnes Bührig

Können Sie sich einen Humanismus vorstellen, bei dem das Humane nicht mehr durch den Menschen, sondern durch eine künstlich intelligente Maschine bestimmt wird? Eine Frage, die sich stellt, wenn man die Ausstellung "Remote Control" von Louisa Clement im Sprengel Museum in Hannover besucht. Denn die Fotografin und Künstlerin, Jahrgang 1987, stellt den Körper und Fragen, was das Menschsein in digitalen Zeiten ausmacht, in den Mittelpunkt ihres Schaffens. Nun wird ihre erste museale Einzelausstellung im Sprengel Museum eröffnet.

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Auch Videos gehören zur Ausstellung von Louisa Clement - hier eine Aufnahme von "not lost in you 16, 2017".

Mithilfe einer VR-Brille betritt der Ausstellungsbesucher einen schlichten, digital erzeugten Raum und kann das Gespräch mit drei programmierten Figuren beginnen. Es sind sogenannte Bots. Zum Stichwort Kunst etwa erfährt man von ihnen, dass die Mona Lisa keine Kunst sei, vielmehr gehe es um Frau/Mann mit einem wundervollen Lächeln. Dann bittet die Kunstfigur um mehr Daten. Für die 31-jährige Künstlerin ist es die Auseinandersetzung mit der Frage, ob ein Bot dem Menschen jemals gleich sein kann. "Können wir später mit Robotern leben? Oder: Können wir ohne den Körper leben? Die Roboter lernen auch allein in den Gesprächen und von den Gesprächen, die in diesen Ausstellungen passieren", erklärt Louisa Clement. "Sie werden also immer besser, aber natürlich gibt es immer noch den Unterschied zum Menschen."

Kommunikation mithilfe Künstlicher Intelligenz

Schon in ihrer Abschlussarbeit "Heads" als Meisterschülerin von Andreas Gursky an der Kunstakademie Düsseldorf hinterfragte Louisa Clement 2014 Körperformen. Die 55 Porträts von Schaufensterpuppen-Köpfen zeigen ausnahmslos runde Körper ohne Augen, Mund und Nase, gesichts- und geschlechtslos. Dagegen setzt sie in ihrer aktuellen Ausstellung einen Raum, dessen Wände komplett mit E-Dermis tapeziert sind - einem Material, das Prothesenträgern als eine Art elektronische Haut den Tastsinn zurückbringen soll. Es sei Kommunikation mithilfe Künstlicher Intelligenz, sagt der Kurator der Ausstellung Stefan Gronert. "Das ist keine reine Fotoausstellung, das ist eine - wie man heute sagt - transmediale oder intermediale Ausstellung", so Gronert. "Diese neuen Medien, die im Alltag schon längst angekommen sind und mit denen unsere Kinder spielen, sind auch der Kunst nicht ganz fremd. Die Kunst wäre auch blöd, wenn sie die Augen vor solchen Medien verschließen würde."

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"Avatar" von Louisa Clement ist eine bunte Serie von Schaufensterpuppen.

Intuitiv in seinen Bann zieht einen vor allem "Avatar" von 2016, eine bunte Serie von Schaufensterfiguren. Louisa Clement hat sie mit dem Mobiltelefon fotografiert. Ästhetische Körper in durchscheinendem Rosa, Gelb und Grün begegnen sich da und erinnern an Candies. Süß und scheinheilig wirken sie, oberflächlich wie das Bild von Avataren, die sich in der Welt des Internets mit perfekten Eigenschaften ausstatten lassen.

Diskrepanz zwischen Kommunikation und Nicht-Kommunikation

Daneben hängen Spiegel, die uns in die Wirklichkeit zurückbringen. Wir sehen uns selbst darin, gefärbt in Cyan, Magenta und Yellow, die zu den Grundfarben des Vierfarbdruckes gehören. Das Glas von Ray-Ban-Sonnenbrillen ist auf Bildergröße hochgezogen. Dass sich ihre Träger dahinter verstecken, ist für Louisa Clement ein Paradoxon von Kommunikation: "Man geht mit fast verspiegeltem Glas durch die Straßen und lässt dadurch sein Gegenüber nicht mehr in die Augen sehen. Das Gegenüber sieht sich selbst und die Welt hinter einem. Und das fand ich eben ziemlich interessant: Man verdeckt die Augen und schirmt damit den Blick in die Seele oder das, wo Emotionen sichtbar sind, ab", erklärt die Künstlerin. "Auch in einem Gespräch. Das ist eine totale Diskrepanz zwischen Kommunikation und Nicht-Kommunikation, aber passiert in unserer heutigen Welt."

Spannende Auseinandersetzung mit den neuen Medien

Geschützte Kommunikation im realen Leben als Analogie zur emotionslosen Digitalwelt, die von der Künstlichen Intelligenz erschaffen wird. Louisa Clement zeigt in "Remote Control" eine spannende Auseinandersetzung mit den neuen Medien, nicht zuletzt in unserem Verhältnis zum menschlichen Körper. Zugleich transportieren ihre Werke unterschwellig ein Gefühl von Irritation in gesellschaftlich und politisch wankenden Zeiten. 

"Remote Control": Irritation in unsicheren Zeiten

In der Schau "Remote Control" im Sprengel Museum Hannover können Besucher mittels VR-Brille in digitale Welten schlüpfen. Es geht um Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Sprengel Museum
Kurt-Schwitters-Platz
30169  Hannover
Telefon:
(0511) 168 - 4 38 75
E-Mail:
Sprengel-Museum@Hannover-Stadt.de
Preis:
7 Euro, ermäßigt 4 Euro, freitags freier Eintritt
Öffnungszeiten:
Montag geschlossen
Dienstag 10 - 20 Uhr
Mittwoch bis Sonntag 10 - 18 Uhr
Hinweis:
Karfreitag geschlossen
Ostersonntag und -montag 10 - 18 Uhr
1. Mai geschlossen
Himmelfahrt 10 - 18 Uhr
Pfingstsonntag und -montag 10 - 18 Uh
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 29.01.2019 | 19:00 Uhr

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