Stand: 02.05.2019 16:41 Uhr

"Artistic Intelligence" im Kunstverein Hannover

von Agnes Bührig

Künstliche Intelligenz (KI) ist überall präsent, als Drohkulisse wie als Stichwort für technischen Fortschritt gleichermaßen. Doch was bedeutet sie für Künstlerinnen und Künstler? Dieser Frage geht die neue Gruppenausstellung im Kunstverein Hannover nach. Ihr Titel: "Artistic Intelligence". Also künstlerische statt künstlicher Intelligenz?

Künstler und Künstliche Intelligenz

Ein riesiger schwarzer Greifarm liegt auf steinernen Platten und beginnt plötzlich, seine Tentakel zu strecken. Kratzend bewegt er sich durch den neutralen weißen Ausstellungsraum, hinterlässt Spuren auf dem Untergrund, gesteuert von einem Bewegungssensor, den der italienische Künstler Arcangelo Sassolino programmiert hat. Von der Wand blickt unterdessen Whistleblower Edward Snowden, mehrfach verfremdet von einem grafischen Algorithmus - zwei Facetten der KI, sagt Kurator Sergey Harutoonian. "Die Vorstellung, die wir lange Zeit von künstlicher Intelligenz hatten, ist natürlich maßgeblich von Science-Fiction-Filmen geprägt. Es beginnt mit '2001', mit 'Blade Runner' und 'Terminator'", erklärt Harutoonian. "Das sind alles Filme, die das kollektive Bewusstsein der Menschen, was künstliche Intelligenz angeht, beeinflusst haben. Wir versuchen das als Gegenposition zu präsentieren. Zu diesem berühmten Foto, dem Porträt von Edward Snowden, die im selben Raum zu sehen sind. Das heißt, das, was wir eigentlich fürchten müssen, ist das, was für den Menschen nicht sichtbar ist."  

Sichtbarmachen des Digitalen

Immer wieder geht es in den elf Kunstwerken aus den vergangenen 30 Jahren um das Sichtbarmachen des Digitalen und die Interaktion von Mensch und Maschine. Etwa, wenn die britische Künstlerin Anne Ridler Tulpen auf- und wieder verblühen lässt - im Rhythmus des aktuellen Börsenkurses der Kryptowährung Bitcoin. Oder wenn Mario Klingemann in seiner Arbeit "Mistaken Identity" Porträtbilder von einem gestörten Algorithmus der Gesichtserkennung verfremden lässt - und so zu ganz eigenen Werken mit großer Rätselhaftigkeit werden lässt.

Mensch oder Maschine: Wer fällt die Entscheidungen?

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Helen Knowles' Videoinstallation "Trial of Superdebthunterbot" widmet sich der Frage: Wie viel Verantwortung kann ein Bot übernehmen?

In der Videoinstallation von Helen Knowles "Trial of Superdebthunterbot" nimmt ein digitaler Akteur sogar höchstpersönlich physischen Raum ein. Es ist eine verkabelte Plexiglasbox mit grün durchschimmernder Festplatte, aus der Datenkabel hängen. Sie steht in einem englischen Gerichtssaal vor einem Richter in roter Robe, der Vorwurf lautet auf fahrlässige Tötung. Helen Knowles hat dabei unter anderem die Frage beschäftigt, welche Verantwortung ein Computerprogramm wie ein Bot übernehmen kann.

"Bei der KI gibt es immer das Rätsel: Wer fällt die Entscheidungen?", sagt Helen Knowles. "Sind das noch die menschlichen Wesen? Oder gibt es da das Potential einer künstlichen Intelligenz, die mit genug Daten gefüttert ist? Es geht also um das Übertragen von Macht auf die Computer. Und ein Gerichtsverfahren ist ein Prozess von menschlichen Wesen, die zusammenkommen, um über Ethik oder andere Fragen zu entscheiden. Und mich interessiert die Frage, an welcher Stelle Macht und Entscheidungsfindung entfernt werden."

Kunstwerke visualisieren Abstraktes

Es sind Kunstwerke, die etwas visualisieren, von dem wir zwar alle wissen, das aber oft sehr abstrakt bleibt. Darauf macht nicht zuletzt der britische Künstler Matthew Plummer-Fernandez mit einer mehrteiligen Arbeit zur Arbeitsweise der NSA aufmerksam. Er verfremdete Bilder mit Hilfe von Algorithmen. Sie nutzte auch der amerikanische Geheimdienst in seinem Kampf gegen den Terrorismus nach der Unterzeichnung des Patriot Acts und anderer Gesetze, die auf die Anschläge vom 11. September folgten, sagt Kurator Sergey Harutoonian. "Die Unterzeichnung dieser Gesetze, die sehen im Fernsehen immer sehr staatstragend aus, wenn der amerikanische oder der Präsident eines anderen Landes einschneidende Gesetze unterschreibt", sagt er. "Aber was sich dann tut, um diese Gesetze umzusetzen, das sehen wir nicht. Das bleibt immer unsichtbar, und da kommen die Algorithmen ins Spiel, die dann entscheiden, wann die Kriterien erfüllt sind, um ein Gesetz auszuführen und wie diese Gesetze ausgeführt werden sollen."

Künstliche Intelligenz, die mithilfe von künstlerischer Intelligenz hinterfragt wird - das bietet die neue Ausstellung im Kunstverein Hannover überzeugend.

"Artistic Intelligence" im Kunstverein Hannover

Die neue Gruppenausstellung "Artistic Intelligence" im Kunstverein Hannover zeigt, wie Kunstschaffende mit künstlicher Intelligenz umgehen. Eine Schau, die zum kritischen Nachdenken anregt.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Kunstverein Hannover
Sophienstraße 2
30159  Hannover
Telefon:
(0511) 169 92 78 12
Preis:
6 Euro / ermäßigt 4 Euro / Mitglieder frei
Hinweis:
Öffnungszeiten:
Dienstag - Samstag 12 -19 Uhr
Sonn- und Feiertag 11 - 19 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 02.05.2019 | 16:20 Uhr

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