Stand: 05.05.2020 19:11 Uhr  - NDR Kultur

"Ableismus ist etwas, was alle Menschen erleben"

Die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung, der sogenannte Ableismus, ist tief in unserem Denken verankert und kommt auf vielfältige Arten und Weisen daher. Darüber sprechen wir mit Rebecca Maskos, Fachjournalistin, Wissenschaftlerin im Bereich Disability Studies und Aktivistin der Behindertenbewegung.

Frau Maskos, was verbirgt sich hinter dem Begriff Ableismus?

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Rebecca Maskos lebt und arbeitet in Berlin.

Rebecca Maskos: Der Begriff kommt eigentlich aus dem Englischen: In "ableism" steckt der Begriff "ability" drin, "Fähigkeit" - man könnte auch "Handlungsfähigkeit" sagen. Ableismus ist eigentlich eine Form von Diskursen, wie wir sie auch im Sexismus oder im Rassismus kennen. Also Ideologien und Diskurse, die eine bestimmte Norm von Handlungsfähigkeit konstruieren - und danach werden Menschen je nach Grad ihrer Handlungsfähigkeit bewertet. Ableismus ist etwas Grundlegendes, was alle Menschen erleben, in der einen oder anderen Form. Deswegen ist das auch ein bisschen breiter als Behindertenfeindlichkeit, was der Begriff ist, den wir eher kennen. Es sind aber natürlich nicht alle Menschen gleichmäßig von Ableismus betroffen, sondern die Menschen in höherem Maße, die offiziell als behindert einsortiert werden. Sie werden stärker benachteiligt, durch fehlende Barrierefreiheit, durch die Exklusion, die wir alltäglich erleben.

Schauen wir auf die aktuelle Krise: Wird dem Thema Behinderung im Kontext von Corona aus ihrer Sicht ausreichend und in angemessener Form Beachtung geschenkt?

Maskos: Wir hören und lesen viel von den sogenannten Risikogruppen - da erleben wir eine Unterteilung in zwei Gruppen. Es gibt auf der einen Seite "die Gesunden" und auf der anderen Seite "die Kranken", "die Schwachen" und "die Alten". Dass dem nicht so ist, das können wir zeitgleich auch überall nachlesen: dass junge Menschen davon genauso betroffen sind und dass im Grunde jeder zur Risikogruppe dazugehört. Das heißt, dass dieser Begriff des Risikos ein Konstrukt ist, und dieser Begriff wird gebraucht, damit eine Norm entsteht. Das ist ein ableistisches Phänomen, dass die Konstruktion eines Kranken, Behinderten gebraucht wird, um überhaupt erst einmal die Vorstellung eines "Gesunden", "Nichtbehinderten" entstehen zu lassen. Das erleben wir gerade bei Corona wie unter einem Brennglas, mit sehr unangenehmen und stigmatisierenden Folgen für die Leute, die davon betroffen sind.

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Es wird ja immer von der egalisierenden Wirkung des Coronavirus gesprochen, aber Sie sprechen von dem gegenteiligen Effekt, dass da eine noch größere Kluft aufgetan wird, richtig?

Maskos: Auf der einen Seite gibt es Leute, die darauf hinweisen, dass dieses Virus uns alle gleichermaßen betrifft. Und auf der anderen Seite gibt es immer wieder Stimmen, die sagen, dass das nur eine kleine Minderheit betrifft, und wenn diese Minderheit in ihrer Freiheit eingeschränkt und für die nächsten anderthalb Jahre zu Hause bleiben würde, dann könnte die Mehrheit ihre Freiheit wieder in vollen Zügen genießen. Das ist eine Vorstellung, die zum einen nicht mit unserem Grundgesetz vereinbar ist und zum anderen ist das zutiefst diskriminierend. Ich plädiere auch dafür, dass wir das Coronavirus als eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft sehen, was nur mit einer solidarischen Herangehensweise bewältigt werden kann.

Wegen Ihrer sogenannten Glasknochen zählen Sie selbst auch zu den vulnerablen Personen. Was bedeutet Covid-19 konkret für Sie und Ihren Alltag?

Maskos: Für mich bedeutet das, dass ich seit fast zwei Monaten in Quarantäne bin - zusammen mit meinem Partner, der netterweise meinetwegen auch auf alle Kontakte verzichtet. Freunde bringen uns die Lebensmittel - das klappt zum Glück total gut, und wir sind auch sehr gut in der Nachbarschaft vernetzt. Aber insgesamt bedeutet das, dass ich zu Hause arbeite und Freunde maximal online treffe. Es ist vor allem schwierig, dass die Perspektive so unklar ist. Wenn alle anderen bald wieder ungestört raus können, dann wird es für mich noch lange keine Sicherheit geben, weil ich mich mit diesem Virus auf keinen Fall anstecken sollte.

Es gibt seit ein paar Wochen die Twitter-Aktion #Risikogruppe, und anlässlich des Europäischen Protesttages zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung startete heute eine Demonstration als Online-Livestream unter dem Hashtag #Unsichtbar. Worum geht es dabei konkret?

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Maskos: Es geht zum einen darum, darauf hinzuweisen, dass Menschen, die in Heimen leben, gerade massiv von diesen Corona-Einschränkungen betroffen sind, dass es dort keine Schutzkleidung gibt, dass Leute nicht besucht werden können. Es geht aber auch darum, dass auch vor Corona das Leben in Einrichtungen eine große Benachteiligung darstellte, dass dort kein selbstbestimmtes Leben möglich ist. Wir müssten eigentlich darauf hinarbeiten, Einrichtungen abzuschaffen, und eine Möglichkeit schaffen, dass Menschen zuhause mit persönlicher Assistenz leben können.

Andere Forderungen sind die, dass das Werkstättensystem genau unter die Lupe genommen werden soll. Menschen mit Behinderungen arbeiten dort für einen Hungerlohn in Arbeitsverhältnissen, die völlig getrennt sind von dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Gleichzeitig wird das teilweise als inklusive Maßnahme verkauft. Kein Land der Welt hat einen so exklusiven Arbeitsmarkt wie Deutschland.

Wie viel kann so ein Protesttag bewirken?

Maskos: Ich habe den Eindruck, dass diese Online-Demonstration ein interessantes Experimentierfeld ist, weil sich im Grunde jeder dort einklinken kann - vielleicht auch Leute, die sonst niemals zu dieser Demo gegangen wären. Wir müssen immer wieder Aktionen machen, vielleicht auch provokante Aktionen, die ein bisschen wehtun und den allgemeinen Ablauf stören. Da müssen wir weiter dranbleiben.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Rebecca Maskos © privat

"Ableismus ist etwas, was alle Menschen erleben"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung, der sogenannte Ableismus, ist tief in unserem Denken verankert. Das erlebt die Journalistin Rebecca Maskos fast täglich. Ein Gespräch.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 05.05.2020 | 19:00 Uhr

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