Gäste sitzen bei schönsten Sonnenschein am Elbstrand im Ahoi Strandkiosk. Im Wasser steht einer der "Vier Männer auf Bojen" von Stephan Balkenhol und schaut in die Ferne. Gekleidet ist er mit einem weißen Hemd und einer schwarzen Hose. © picture alliance/dpa Foto: Marcus Brandt

Stephan Balkenhols Skulpturen: Hamburgs stille Bewohner

Stand: 10.08.2021 10:35 Uhr

Den Figuren des Bildhauers Stephan Balkenhol kann man in Rom, Meran, Leipzig und Berlin begegnen. Oder in Hamburg, wo verteilt über die Stadt gleich mehrere seiner unbeteiligt ins Nichts starrenden Figuren stehen.

von Anette Schneider

Das unbeteiligte Auftreten der Figuren sorgt für immer neue Lesarten. Es sind meistens männliche "Normalbürger" in weißen Hemden und schwarzen Hosen. Oft dümpeln Balkenhofs Bojen-Männer auf der Alster und der Elbe. Stoisch-gelassen begrüßen sie alle Vorbeikommenden, darunter sind kleine Segler, große Pötte und Spaziergänger. Und obwohl sie da schon viele Jahre herumschaukeln, provozieren sie bei jedem Wiedersehen ein breites Grinsen - als träfe man einen netten Bekannten. Nur die Figur auf der Elbe hat ihre Launen. Manchmal wirkt sie völlig abweisend und blickt sehnsüchtig in die Ferne, bis man plötzlich merkt, dass man gerade sein eigenes, nagendes Fernweh auf die Figur überträgt. Stephan Balkenhol lässt bewusst viele Projektionsmöglichkeiten zu, sagt er: "Die Menschen, die ich darstelle, sind eben sehr indifferent im Ausdruck. Man könnte dann beim Betrachten denken, dass sie vielleicht im nächsten Moment anfangen, was zu machen. Zu lächeln - oder nicht. Und das finde ich viel spannender und lebendiger, als wenn ich die Figur jetzt auf einen expressiven Ausdruck festnageln würde."

Fünf Meter hohe Balkenhol-Figuren vor der Zentralbibliothek

Direkt neben den Gleisen des Hauptbahnhofs und jenseits einer vierspurigen Straße, stehen vor der Zentralbibliothek die Skulpturen eines Mannes und einer Frau, die mit ihren überlangen Beinen gut fünf Meter in die Höhe ragen. Auf den ersten Blick wirkt das witzig. Doch dann fragt man sich: "Was soll das?" Zumal sie der Bibliothek ihre Rücken zuwenden, als würde sie der Ort der Erkenntnis gar nicht interessieren. Auf dem Vorplatz hockt auf einer der vielen großen, hölzernen Sitz- und Liegeflächen eine Frau und sichtet ihre ausgeliehenen Bücher. Dann blickt sie nachdenklich auf die hohen, schmalen Figuren. Menschen, die vorbeigehen, überlegen, was das bedeuten könnte. "Ich habe mir da noch keine Gedanken gemacht. Ich finde finde sie schon ganz passend: Menschen, die vor einer Bibliothek stehen." Und auch die langen Beine werfen bei Betrachtenden Fragen auf. "Vielleicht, weil man dadurch einen größeren Überblick hat, wenn man lange Beine hat. Die gucken ja auch so als hätten sie eine ganz gute Übersicht."

Skulpturen scheinen ihr Umfeld zu beobachten

Zu sehen ist eine Figur von Stephan Balkenhol, die ein weißes Hemd und eine schwarze Hose trägt und auf der Elbe bei Neumühlen auf einem Schwimmponton steht. Im Hintergrund sieht man blaue Kräne des Hafens. © picture alliance/dpa Foto: Daniel Bockwoldt
Der "Bojenmann" grüßt von der Elbe aus Spaziergänger und Seeleute. Er steht bei Neumühlen auf einem Schwimmponton.

Was den beiden Figuren ins Blickfeld gerät und damit auch dem Betrachter ist trist. Zur linken die Innenstadt, die nur auf Konsum setzt. Vor einem, direkt neben dem Hauptbahnhof, ist die Rückseite des Museums für Kunst und Gewerbe zu sehen. Dort finden - versteckt vor den Augen der gutsituierten Museumsbesucher*innen - Obdachlose und Drogenabhängige auf einigen Stufen für Momente Ruhe. Und rechts, von der Bibliothek nur durch eine Brücke getrennt ist eine Drogenberatungsstelle, die von Abhängigen Tag für Tag hoffnungslos überfüllt ist. So sind für einige die langen Beine der Figuren nur folgerichtig, sagt ein Vorbeigehender: "Damit sie den besseren Überblick haben über das ganze Elend, was hier noch teilweise herrscht, glaube ich" oder, so ergänzt eine junge Passantin "Weil das Wasser ihnen bis zum Hals steht?"

Mann auf Giraffe bei Hagenbecks Tierpark

Eine Überlegung, die auch zu der Skulptur passt, die unweit vom Eingang zu Hagenbecks Tierpark steht. Da klammert sich ein kleines Balkenhol-Männchen mit Armen und Beinen an den Hals einer neun Meter hohen Giraffe. Auch das überrascht erst mal. Doch schnell tauchen Fragen auf: Ein übergriffiger Zoobesucher, der begeistert sein Lieblingstier umarmt? Oder der Inbegriff des "Weißen Mannes", der Afrika kolonisierte und den Kontinent dabei fast erwürgte? Vor dem Tierpark, der einst in sogenannten Völkerschauen Menschen anderer Kontinente ausstellte wie Zootiere, würde das passen!

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 10.08.2021 | 18:00 Uhr