Stand: 09.08.2019 12:34 Uhr

Kunst von Sarah Abu Abdallah über zerstörte Natur

von Anette Schneider

Saudi-Arabien verbindet man sicher mit Vielem: mit der systematischen Unterdrückung von Frauen zum Beispiel, mit nicht eben zimperlichen Geheimdiensten oder mit einem brutalen Krieg gegen den Jemen - jedoch nicht unbedingt mit einer jungen Videokünstlerin. Eine solche ist nun im Hamburger Kunstverein zu entdecken, der Sarah Abu Abdallah die erste Einzelausstellung in Europa widmet. Ihr Titel: "For The First Time In A Long Time".

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In dieser Installation, einem rosa Gewächshaus, sollen bis zum 20. Oktober (Ende der Ausstellung) Tomaten wachsen.

Im Kunstverein steht ein großes Gewächshaus. Es ist eingetaucht in ziemlich fieses rosa Licht. Im Laufe der Ausstellung sollen dort Tomaten wachsen. Sarah Abu Abdallah sagt: "Das Gewächshaus ist ein rosa eingefärbtes Bild über die Kleinbauern meines Heimatortes, deren Höfe für die boomende Stadt abgerissen wurden. Diese Bauern züchteten eine ganz besondere wilde Tomatenart, die es nur dort gab. Diese Tomaten sind nun ausgestorben. Es steht also für etwas, das für immer verloren gegangen ist."

Vom Manga-Zeichnen zum Kunststudium

Sarah Abu Abdallah ist 29 Jahre alt. Sie wurde in Al Quatif, im Osten Saudi-Arabiens geboren, zeichnete in der Schule wie besessen Mangas, studierte dann in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und in den USA Kunst - und ging zurück in ihre Heimat. "Ich ging zurück, weil sich in Saudi-Arabien gerade etwas verändert. Ich möchte ein Teil davon sein", erzählt die Künstlerin.

Videofilme spielen meist in Häusern

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Das Video "The Salad Zone" von 2013 zeigt unter anderem, wie eine Frau sich einen Topf auf den Kopf stülpt.

Sie malt und entwickelt Installationen. Vor allem aber produziert sie beeindruckende Videofilme, die im Kunstverein auf mehreren großen Trennwänden laufen. Eines davon heißt "The Salad Zone". Aus einem fahrenden Auto fällt der Blick auf eine weite Wüstenlandschaft. Schnitt. Eine unruhige Handkamera fährt durch das Innere eines großen Hauses, zeigt Sessel, Sofas, Berge von Kleidung. Schnitt. In einem Zimmer steht eine verschleierte Frau mit einem riesigen über den Kopf gestülpten Topf. Sie umkreist ein Bügelbrett, auf dem ein Gummibaum steht, kauert sich auf den Boden - verschwindet gänzlich unter dem Topf. "The Salad Zone" entstand 2013, ist 21 Minuten lang und typisch für die Filme von Sarah Abu Abdallah, die meistens im Innern von Häusern spielen. "Mir geht es um die Zwänge des Alltags. Die habe ich überall gespürt, in Japan, in den USA." Das Hausinnere stehe für einen Ort, wo man seine Gefühle spüre. "Es ist der Inbegriff der Privatsphäre. Ein Ort alltäglicher Erfahrungen."

Kein kritischer Kommentar an der Situation von Frauen

Auf einem Video der arabischen Künstlerin Sarah Abu Abdallah im Kunstverein Hamburg stehen zwei in Schwarz verhüllte Frauen um einen alten Fernseher in einem Hausinneren © Sarah Abu Abdallah, For the First Time in a Long Time, Installationsansicht, Kunstverein in Hamburg Foto: Fred Dott

Zum Nachhören

Ihre Videofilme zeigen Haushalte und zerstörte Natur: Der Kunstverein Hamburg zeigt die erste Einzelausstellung Europas der arabischen Künstlerin Sarah Abu Abdallahs.

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In ihren Filmen kontrastiert Abdallah immer wieder das Draußen, das den Männern gehört, mit dem Drinnen der großen Häuser, in denen die Frauen in einem Alltag zwischen Kindern und massenhaft aufgetürmtem Besitz gefangen sind, nah am Rande des Nervenzusammenbruchs. In ihrem jüngsten Film "The House That Ate Them Whole" ist das riesige Innere einer Villa menschenleer. Das Haus scheint seine Bewohner verschlungen zu haben. Ob die Metapher für den Konsumwahnsinn im Kapitalismus steht, der alles Menschliche auffrisst, oder für eine repressive Gewaltherrschaft, oder für etwas anderes, kann jeder selbst entscheiden. Nur als kritischen Kommentar zur Situation der Frauen in ihrer Heimat will Abdallah ihre Filme nicht verstanden wissen. Das, so meint die Künstlerin, die auch für das neu geschaffene Kulturministerium arbeitet, sei ein typisch westlicher Blick. "Lass es mich so sagen: Ich habe im Westen gelebt, und habe gesehen, wie der Westen ist. Für mich ist das nicht viel besser als das, was wir sind", so Abu Abdallah.

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Auf diesem Bild von 2019 zeigt Sarah Abu Abdallah abgeholzte und umgeknickte Palmen im Sand.

Doch ihre Filme sind so gut, dass sie über das hinausgehen, was ihre Schöpferin im Gespräch erzählen will oder kann: Die fragmentarische Form, die assoziative Bildsprache, die schnellen Schnitte und Gegenschnitte verdichten sich zu beklemmenden Collagen, die jeder mit seinen Erfahrungen, mit seinem Wissen füllen kann. Schade, dass die als "erste Einzelausstellung der Künstlerin in Europa" beworbene Ausstellung nur gut eine Handvoll Arbeiten umfasst. Immerhin: der Kunstverein hat einen Anfang gemacht.

Kunst von Sarah Abu Abdallah über zerstörte Natur

Ihre Videos zeigen leere Häuser und zerstörte Natur: Der Kunstverein Hamburg zeigt ab Freitag Werke der arabischen Künstlerin Sarah Abu Abdallahs. Es ist die erste Einzelausstellung der Künstlerin in Europa.

Datum:
Ende:
Ort:
Kunstverein in Hamburg
Klosterwall 23
20095   Hamburg
Telefon:
+49 40 32 21 57
E-Mail:
hamburg@kunstverein.de
Preis:
5,- Euro, ermäßigt 3,- Euro ; Freier Eintritt für Mitglieder, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre, oder über den Kunstmeilenpass.
Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag und an Feiertagen 12-18 Uhr,
geöffnet am 3. Oktober
Hinweis:
öffentliche Führung jeden Donnerstag 17 Uhr 
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