Stand: 21.12.2021 15:42 Uhr

Plagiatsvorwürfe gegen den Künstler Werner Büttner

von Franziska Storch

32 Jahre lang war Werner Büttner Professor an der Hochschule für Bildende Künste. Mit einer Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle hat er seinen Abschied gefeiert. Das Titelbild "Büttner geht von Bord" hängt jetzt dort nicht mehr.

Man sieht den Scherenschnitt von Yin Meng eines Treppenhauses, in rot, braun und beige Tönen. © Yin Meng Foto: Galerie Carolyn Heinz / Yin Meng
Meng Yin: Ohne Titel (2005), Scherenschnitt, Aquarell und Tusche auf Reispapieren, 33 x 33 cm

Vor mehr als 15 Jahren hat die ehemalige Schülerin Meng Yin bei Werner Büttner studiert. 2006 schenkt sie ihm einen Scherenschnitt. Der zeigt das Treppenhaus der Hochschule mit einer Schattenfigur auf den Stufen. 2020 malt Werner Büttner das Bild nach, stark vergrößert. Als Meng Yin jetzt das Bild auf der Internetseite der Kunsthalle entdeckt, stellt sie Ihren ehemaligen Professor am Telefon zur Rede. "Ich war erst mal ein bisschen schockiert. Das ist ein bisschen respektlos, dass er mich als Künstlerin nicht beachtet", sagt Meng Yin. Danach schaltet sie einen Anwalt ein. Die Konsequenz: Werner Büttner unterschreibt, dass er sein Bild nie wieder zeigt.

Inwiefern ist das Bild von Büttner eine Bearbeitung?

Tobias Bier, Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz, stellt die juristische Kernfrage: "Ist das eine freie Bearbeitung? Also, hat sich Herr Büttner hier inspiriert gefühlt durch das Bild? Oder ist es eine unfreie Bearbeitung? Also eine Übernahme der wesentlichen gestalterischen Merkmale des Ursprungswerks." Weil eine extrem hohe Ähnlichkeit vorliegt, ist es für Tobias Bier eindeutig eine unfreie Bearbeitung. Das verletzt das Urheberrecht von Meng Yin. Kunstwerke sind vor Nachahmung geschützt. Doch was darf ein Künstler von anderen übernehmen?

Es gibt in der Kunst viele Hommage Bilder

Die Kunstgeschichte ist voll von Hommagen an Rembrandt, Parodien von Leonardo Da Vinci, Bildern im Stil von Andy Warhol. Im Urheberrecht ist erst dieses Jahr Paragraph 51a ergänzt worden, der die Kunstfreiheit stärken soll. Fachanwalt Bier erklärt: "Es muss sich entweder um eine Parodie, eine Satire oder eine Pastiche handeln. Das heißt: Ich muss mich darüber lustig machen, ich muss es überzeichnen oder ich muss es in besonderer Art und Weise wertschätzen."

Es gibt eine Vorbedingung: Das Ursprungswerk muss veröffentlicht sein, also bekannt sein. Die Mona Lisa mit Schnurrbart, zerfließende Uhren wie bei Dali. Am besten ist ein Hinweis im Titel, wie Hommage an Frida Kahlo. "Die Kopie oder das Plagiat erweckt nicht den Eindruck, dass es aus fremder Feder sei", sagt Tobias Bier. Wer behauptet, das Rad selbst erfunden zu haben, verletzt das Urheberrecht.

Einen Rechtsstreit will Werner Büttner vermeiden

Ein bisschen verrückt in der Rechtswelt: Auch ein nachgemaltes Bild ist wieder ein Kunstwerk und genießet selbst Urheberrechtsschutz, ergänzt der Anwalt. Künstlerinnen und Künstler haben bis 70 Jahre nach ihrem Tod Ausstellungsrecht, Vervielfältigungsrecht und das Recht gegen Entstellung. Tobias Bier weiß aus Erfahrung, dass Rechtsstreitigkeiten häufig ein Ergebnis schief gelaufener Kommunikation und unterschiedlicher Grundauffassung seien. Werner Büttner äußert sich dazu in der Wochenzeitung DIE ZEIT: "Ich bedauere dies sehr und hoffe, dass wir nun eine gemeinsame Lösung gefunden haben, mit der alle leben können", heißt es dort. Einen Rechtsstreit wolle er vermeiden: "Mir erscheint es auch nicht richtig, dass die Juristerei entscheiden soll, was Kunst ist und was nicht." So Büttner in DIE ZEIT weiter.

Für Meng Yin ist der Fall abgeschlossen

Werner Büttner hat inzwischen eine Unterlassungserklärung unterschrieben, erzählt Meng Yin, und die schließt diesen Fall ab. "Gegen ihn hab ich nichts. Er bleibt immer der Professor, der mir geholfen hat, daran ändert sich nichts." Die Künstlerin hätte sich gewünscht, dass ihr Professor sie vorher um Erlaubnis gefragt hätte. Diese Möglichkeit ist auch juristisch sauber. Dass auch die Kunstfreiheit Grenzen hat, scheint Werner Büttner offenbar überrascht zu haben. Im Nachhinein ist man immer schlauer.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 21.12.2021 | 15:40 Uhr