"Menschenbilder" von Gabriele Münter im Bucerius Kunst Forum

Stand: 08.02.2023 18:00 Uhr

Die Schau in Hamburg präsentiert ab Sonnabend fast 80 Porträts der bedeutenden Expressionistin und Mitbegründerin der Künstlergruppe "Der Blaue Reiter". Sie zeigt eine großartige und unabhängige Künstlerin.

von Kerry Rügemer

Man wird förmlich hineingesogen, in den dunklen Ausstellungsraum. Schräge, ultramarinblaue und schwarze Wände, zarte Lichtstrahler, die auf die farbenprächtigen Porträts gerichtet sind. Das Mädchen mit roter Schleife hat knallrosa Wangen, die in starkem Kontrast zum grünen Hintergrund stehen. Am unteren Rand des mit groben Pinselstrichen gemalten Bildes erkennt man den braunen Malgrund. Das Mädchen gibt es gleich zweimal. Noch nie hingen diese beiden Porträts in einer Ausstellung nebeneinander. Auf beiden Werken blickt das junge Mädchen am Betrachter vorbei in die Ferne, wie viele der Porträtierten Münters.

Gabriele Münters Werke sind keine Abbilder

"Die meisten sind sehr bei sich," erklärt Kathrin Baumstark, die Direktorin des Bucerius Kunst Forums. "Das ist etwas, das sie auch wollte." Die ausgestellten Werke seien keine Abbilder. Man habe nie das Gefühl, dass jemand für sie Modell gesessen habe. "Sie hat einen Menschen beobachtet, gesehen, erkannt und dann gemalt. Das ist etwas Besonderes an ihr: Deshalb ist es keine Porträtausstellung, sondern es sind wirklich Menschenbilder."

Für Baumstark ist diese von ihr kuratierte Ausstellung ein Herzensprojekt. Zu lange habe Gabriele Münter nur im Schatten ihres langjährigen Lebensgefährten Wassiliy Kandinsky gestanden. "Bis Kandinsky sie verlassen hat - also 1914 oder 1915 - war sie wahnsinnig produktiv und expressiv und Führerin im 'Blauen Reiter' und dann ging es bergab." An den Gemälden könne man sehen, dass das nicht so war, erklärt die Kuratorin. "Sie hatte die Energie aus sich selber! Sie brauchte keinen Kandinsky, sondern sie war selber so neugierig!"

Münters locker gehängte Werke zeigen ausdrucksstarke Gesichter, manchmal fast grob und mit viel Farbe geschaffen, später dann glatt und fein, immer aber farblich enorm expressiv. Bevor sie malte oder ihre lebendigen Linoldrucke schuf, zeichnete und fotografierte Münter - letzteres intensiv auf einer zweijährigen Reise durch die USA.

Durchkomponierte Fotografien im Bucerius Kunst Forum Hamburg

"Einige dieser wunderbaren Fotografien sind hier ausgestellt", betont die Kuratorin. "Diese Fotografien sind Kunstwerke! Es sind wirklich durchkomponierte Fotografien, Momentaufnahmen. Mit diesen Fotografien hat sie ihr Auge geschult." Vier Jungs posieren ineinander verkeilt lachend vor Münters Kamera, drei Frauen gehen im Sonntagsstaat spazieren. Eine ganze Wand ist voll mit vergrößerten Zeichnungen Münters. Dort wird die Virtuosität der Künstlerin offenbar: Mit wenigen Bleistiftstrichen gelingt es ihr, einen Menschen in der jeweiligen Stimmung genau darzustellen.

"Eine der größten Künstlerinnen im 20. Jahrhundert"

Dies ist eine sehr schöne Ausstellung, die die beeindruckende Bandbreite dieser außergewöhnlichen Künstlerin zum Strahlen bringt! Sie sei eine Künstlerin gewesen, die "schaut, guckt, entdeckt," schwärmt Baumstark, und eben nicht nur die Frau an Kandinskys Seite für ein paar Jahre. Sie sei eine der größten Künstlerinnen gewesen, die wir im 20. Jahrhundert hatten.

"Menschenbilder" von Gabriele Münter im Bucerius Kunst Forum

Die Schau in Hamburg präsentiert fast 80 Porträts der bedeutenden Expressionistin und Mitbegründerin der Gruppe "Der Blaue Reiter".

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Bucerius Kunst Forum
Alter Wall 12
20457 Hamburg
Öffnungszeiten:
Mo.: 11-19 Uhr
Di.: 11-19 Uhr
Mi.: 11-19 Uhr
Do.: 11-21 Uhr
Fr.: 11-19 Uhr
Sa.: 11-19 Uhr
So.:11-19 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 08.02.2023 | 19:00 Uhr

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