Ein Mikrofon auf einem Ständer, im Hintergrund rote und blaue Bühnenbeleuchtung. © Picture Alliance Foto: Britta Pedersen

Künstler ohne Absicherung? Kritik an der Künstlersozialkasse

Stand: 23.04.2021 08:20 Uhr

Freie Künstler und Künstlerinnen sind über die Künstlersozialkasse (KSK) krankenversichert. Doch ohne künstlerische Arbeit fehlt in der Corona-Pandemie die Grundlage für ihre Mitgliedschaft. Stimmt das?

von Peter Helling

Joachim Griebe stammt aus einer Eisenbahnerfamilie, er hat von Kindesbeinen an gelernt, dass man sich gegenseitig hilft. Der freischaffende Musiker aus Hamburg, der jetzt in Koblenz lebt, hat das im Blut. Seit mehr als 25 Jahren ist er Mitglied bei der Künstlersozialkasse. 190.000 Künstlerinnen und Künstler sind in der KSK versichert. Griebe kümmert sich seit vielen Jahren ehrenamtlich auch um die Sorgen anderer Mitglieder. Und die stapeln sich auf seinem Schreibtisch. Bis zu 40 Anfragen erreichen ihn pro Tag. "Das sind Musiker, das waren auch sehr berühmte Schauspieler und Autoren", sagt er. "Dazu gehörten aber auch freiberufliche Redakteure oder Zeitungsleute. Ich konnte das gar nicht fassen, und dann habe ich angefangen, das zu sammeln." Die freien Künstler und Künstlerinnen sind zurzeit oft verzweifelt. Viele denken ans Aufhören, ein Drittel aller Musiker, sagt Griebe. Und sie haben Angst, aus der Krankenversicherung zu fallen.

Kritik: KSK werfe Mitglieder zu schnell raus

Seit Beginn der Corona-Krise sei das regelrecht explodiert. "Ich mache das nicht nur allein, ich habe Anwälte im Hintergrund, ich mache das alles ehrenamtlich!". Griebe unterstützt und berät, wo er kann. Die Kritik des freischaffenden Musikers: Die KSK prüfe zu hart, werfe Leute zu schnell raus, informiere nicht gut genug. Dennoch ist Griebe ein großer Befürworter der Behörde. Die Künstlersozialkasse wurde 1983 nach einer Idee Helmut Schmidts gegründet. Künstler und Künstlerinnen sollten an eine günstige Kranken- und Pflegeversicherung kommen. Und eine gewisse Aussicht auf Rente haben.

3.900 Euro aus selbständiger künstlerischer Arbeit

Finanziert wird die Versicherung zu 50 Prozent durch den Versicherten, den Rest übernimmt zum Teil der Bund, den anderen bezahlen die Verwerter künstlerischer Leistungen wie Konzertveranstalter. Jedes Mitglied muss mit Dokumenten und Anträgen belegen, dass sie oder er mindestens 3.900 Euro im Jahr selbständig künstlerisch verdient. Aber das ist gerade in Corona-Zeiten so gut wie unmöglich. Stattdessen beantragen viele Hartz IV oder arbeiten nebenher. Doch was passiert bei einem Taxijob, bei dem man mehr als 450 Euro im Monat verdient? Griebe warnt davor. "Das ist ja gerade das, was im Moment so richtig hochkocht: Wenn ich hauptsächlich Taxi fahre und nicht durch meine Gitarre meinen Lebensunterhalt verdiene, schmeißt die KSK mich raus, wenn sie das herausbekommt!"

Ruhende Mitgliedschaft statt Rauswurf

Claudia Reimer widerspricht vehement. Der freiberuflichen Schauspielerin wurden vor einem Jahr alle Verträge gekündigt. Sie hatte seit zehn Jahren bei einem großen Kreuzfahrtunternehmen gearbeitet, war in Shows aufgetreten und hatte Lesungen gemacht. Dann hat sie von Hartz IV gelebt. Seit Ende des Jahres hat sie einen neuen Job beim Impfzentrum, der hält sie bis Juli über Wasser. Ihre Mitgliedschaft bei der KSK ruhe aber nur, sagt sie. Von Rauswurf keine Spur. Sie kenne aber viele Kollegen, die sich beschweren, dass sie aus der KSK geflogen sind. Aber das versteht sie nicht. "Ich habe eine Meldung gemacht, dass ich in einem bestimmten Zeitraum in fester Arbeit bin und dann meine selbständige Tätigkeit wieder aufnehme. Dann ist das ganz normal immer weiter gegangen."

Kein Verständnis für Alarmstimmung

Die 54-Jährige ist nicht nur Mitglied in der Künstlersozialkasse, sie sitzt auch im Beirat, einem Kontrollorgan der Behörde in Wilhelmshaven, bei der etwa 220 Menschen arbeiten. Die Alarmstimmung, die sich gerade unter ihren Kolleginnen und Kollegen breit mache, kann sie nicht nachvollziehen. Wer sich mit einem anderen Job über Wasser hält, der mehr als 450 Euro monatlich bringt, würde mitnichten rausgeworfen. Und sie kritisiert diejenigen, die in der Künstlersozialkasse nur eine billige Form der Krankenversicherung sehen.

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Vorurteile über die KSK ausräumen

Monika Heinzelmann arbeitet bei der KSK. Sie kann die Sorgen der Künstler verstehen, denn wessen Krankenversicherung wegen eines anderen Jobs "ruhe", müsse sich selbstständig versichern. Das ist teurer als über die KSK. Aber als Behörde müsse sie den Weisungen des Gesetzgebers folgen, und der habe im März gehandelt. "Innerhalb von sechs Jahren kann man zweimal unter der Mindesteinkommensgrenze von 3.900 Euro jährlich liegen", sagt sie. "Bei der Betrachtung werden die Jahre 2020 und 2021 nicht berücksichtigt, die bleiben also außen vor." Konkret heißt das: Wer in den Corona-Jahren nichts als Künstlerin verdient, deren Mitgliedschaft wird nicht automatisch enden. Heinzelmann will mit einigen Vorurteilen aufräumen. Auch, dass man nach einem Nebenjob nicht mehr in die KSK zurückkomme, "das ist so eine alte Mär, mit der wir auch zu kämpfen haben", sagt sie. Joachim Griebe findet die neue Regelung gut. Er ist überzeugt, die Behörde bewege sich jetzt, endlich, "weil Leute eben aktiv geworden sind, weil die Künstler gesagt haben: Das kommt jetzt nicht auch noch oben drauf! Dann werde ich noch rausgeworfen, weil ich im Impfzentrum arbeite!"

Künstlersozialkasse soll besser informieren

Joachim Griebe wünscht sich, dass die Informationspolitik der KSK besser wird. Selbst Monika Heinzelmann räumt ein, da gehe noch mehr. Sie versichert: "Wer eine künstlerische Tätigkeit ausübt und die Kriterien für die Versicherungspflicht erfüllt, der wird versichert." Alle drei, Heinzelmann, Griebe und Reimer, wollen den Aderlass in der Kunst durch Corona unbedingt vermeiden. Griebe klingt fast verzweifelt: "Leute, ihr könnt nicht alle aufhören, wir brauchen euch doch."  Sein klarer Appell: Die Mitglieder müssen sich für ihre Rechte in der Künstlersozialkasse noch aktiver einsetzen.

Vielleicht ist die laufende Diskussion ein Ergebnis von Druck, Engagement und Einsicht. Vielleicht liegt das Problem auch ganz wo anders. Die Kunst muss besser, auch sozialversichert, vergütet werden. Claudia Reimer macht sich nicht Sorgen um ihre Krankenversicherung, sondern um ihre Zukunft als Künstlerin. Fast kommen ihr die Tränen, als sie sagt: "Ich bin eigentlich keine Pessimistin, aber ich glaube, dass ich mich letztes Jahr von meinem Leben verabschieden musste."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kulturjournal | 22.04.2021 | 19:00 Uhr