Stand: 10.05.2019 16:09 Uhr

Der "Herr der Fliesen" im Alten Elbtunnel

von Stefanie Wittgenstein

Keramikmeister Hans Kuretzky hat 18 Jahre lang die Restaurierungsarbeiten in der Oströhre des Alten Elbtunnels begleitet. Am Donnerstag zeigte er einer Besuchergruppe des Museums für Hamburgische Geschichte die neue "Haut" des Tunnels - und berichtete von den vielen Herausforderungen.

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Nach 18 Jahren mit Restaurierungsarbeiten der Oströhre ist Keramikmeister Hans Kuretzky eine Art "wandelndes Elbtunnel-Lexikon".

Wie oft Hans Kuretzky schon im Elbtunnel war, kann er nicht genau sagen. "18 Jahre lang, keine Ahnung, 100 Mal im Jahr? Ich habe keinen Biografen dabei." Der Titel seiner Biografie könnte allerdings lauten: Der Mann, der jede Fliese kennt! Unzählige Fliesenleger hat er in den letzten zwei Jahrzehnten angeleitet und sich einer Sache höchstpersönlich angenommen: der Restauration der 80 graugrünen Tier-Reliefs.

Hans Kuretzky montiert eine Fliese im alten Elbtunnel

Neue Fliesen für den alten Elbtunnel

Hamburg Journal -

18 Jahre arbeitete der Keramiker Hans Kuretzky für ein Hamburger Wahrzeichen: Für die Sanierung des Alten Elbtunnels entwarf, brannte und glasierte er Tausende Fliesen und Kacheln.

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Alle Tiermotive auf den Kacheln waren ursprüngliche Brackwasserbewohner

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Die Herausforderung bei den Tunneltieren war, den graugünen, leicht rissigen und lebendig aussehenden Farbton der Glasur zu treffen.

"Ob Seestern, Seehund, der Hummer, die Störe, Kabeljau, Karpfen: Alle Fische waren hier im Brackwasser der Elbe. Die waren hier im Hafen vorhanden, man konnte viel davon essen", sagt Kuretzky. 14 verschiedene Tiermotive in der Größe 30 mal 75 Zentimeter gibt es. Der Keramiker Otto Perl hat die Tierreliefs 1910 entworfen.

Die Hälfte davon haben Kuretzky und sein Team retten können. "Wir haben alle alten Tunneltiere, die wir wieder eingebaut haben, entsalzen. Die lagen drei Monate lang in destilliertem Wasser." So trat über chemische Prozesse das Salz aus und die Reliefs konnten wieder eingebaut werden. Die andere Hälfte musste in einem aufwendigen Verfahren komplett neu gebaut werden. 100 Jahre Elbtunnel haben eben ihre Spuren hinterlassen.

100 Jahre Elbtunnel haben ihre Spuren hinterlassen

Daten und Fakten

Baubeginn: 22.07.1907
Einweihung: 07.09.1911
Länge: 426,5 Meter
Tiefe (Fahrbahn): 23,5 Meter
Röhrendurchmesser: 5,92 Meter
Fahrbahnbreite: 1,82 m (seit 1928: 1,92 m)
Zahl der Aufzüge: 12
Bauweise: Schildvortriebverfahren
Konzept: Oberbaurat Ludwig Wendemuth
Architekt: Otto Wöhlecke
Durchführung: Philipp Holzmann & Cie.
Nutzung: Fußgänger und Radfahrer können den Tunnel rund um die Uhr kostenfrei nutzen, PKW nur an Wochentagen von 8 Uhr bis 18 Uhr (2 Euro pro Fahrt). Da der Tunnel momentan renoviert wird, steht nur eine Röhre zur Verfügung. Sie ist Richtung Steinwerder von 8 Uhr bis 13 Uhr befahrbar, in umgekehrter Richtung von 13 bis 18 Uhr.

Mit am schwierigsten für Kuretzky dabei war, den richtigen graugünen, leicht rissigen und irgendwie lebendig aussehenden Farbton der Glasur zu treffen: Sein Vorgänger hatte keine Anleitung hinterlassen. Zwei Jahre lang hat er allein daran getüftelt. Seinem Nachfolger soll es da mal besser gehen. "Wir haben jetzt hier im Elbtunnel ein kleines Museum, wo archiviert werden kann, wo man was aufheben kann."

Mit noch einer Sache hat er sich verewigt: Auf die Rückseite von drei Fliesen sind Gedichte eingebrannt - von Goethe, Rilke und Heine. "Das machen wir immer," sagt Kuretzky. "In der Mitte haben wir eins von Heinrich Heine. Unser alter Fliesenleger hat die Fliesen dann auch so verlegt, bisschen hohl, damit man sie in 100 Jahren wieder lesen kann."

Kuretzky hat mündliche Zusage fürs Restaurieren der Weströhre

Für die anstehenden Restaurierungsmaßnahmen der zweiten, also der Weströhre des Alten Elbtunnels, hat Hans Kuretzky eine mündliche Zusage erhalten. Er wird also wahrscheinlich wieder als Berater und Keramikmeister für die Reliefs und Fliesen tätig werden. Und wird dadurch wohl endgültig zum wandelnden Elbtunnel-Lexikon. Denn Hans Kuretzky kann die tollsten Geschichten erzählen.

Geschichten aus der Eröffnung des Elbtunnels 1911

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Bei der Eröffnung des Alten Elbtunnels gab es noch kein Licht im Tunnel. Die Menschen wurden gebeten, Kerzen mitzubringen.

Wie die von der Eröffnung des Elbtunnels 1911, als alle Hamburger gebeten wurden, selbst Licht mitzubringen. "Man konnte noch kein Licht machen. Das ist wirklich verbrieft. Die Uroma meiner Gesellin hat das erlebt, und die hat das auch wirklich erzählt. Es gab kein Licht, die Leute wurden angehalten, 'bringt doch ein Licht mit, eine Kerze, eine Petroleumlampe mit, damit wir das machen können'. Das muss unglaublich gewesen sein", erzählt der Keramikmeister. Es seien 10.000 Leute bei der Eröffnung des Tunnels gewesen. "Man musste hier rein, und jeder hatte in irgendeiner Form ein Lämpchen mit. Stellen Sie sich das mal vor, wie schön!"

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 10.05.2019 | 19:00 Uhr

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