Stand: 09.03.2017 14:47 Uhr

"Gute Aussichten" in den Deichtorhallen

von Melanie von Bismarck

Einmal im Jahr ist in der Ausstellung "Gute Aussichten" in den Deichtorhallen preisgekrönte junge Fotografie zu sehen. "Gute Aussichten" ist Deutschlands wichtigster Nachwuchswettbewerb. Und der funktioniert so: Professoren von Hochschulen und Fachhochschulen schlagen herausragende Fotografiestudenten vor, aus den Einsendungen wählt eine Jury die Preisträger. Die Fotos der sieben Gewinner sind nun in den Deichtorhallen ausgestellt. Die Hansestadt ist in diesem Jahr sehr gut vertreten - denn gleich zwei der Gewinner sind Absolventen der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW).

Das Eigene, das Fremde, das Befremdliche

Zärtlich umarmt eine Frau einen Mann. Erst beim genauen Hinsehen erkennt man: Die Frau ist eine täuschend echte Puppe. Ihre schadhafte Silikonhaut verrät sie. Menschen, die mit Puppen leben wie mit Lebenspartnern - eine ganze Serie hat Julia Steinigeweg fotografiert. Frauen mit Kinderpuppen, Männer mit Frauenpuppen, Frauen mit Männerpuppen. "Ich habe da drei Jahre dran gesessen und insgesamt vielleicht 20 Tage fotografiert. Also, es war sehr viel reden und sehr viel Vertrauen aufbauen", erzählt die Fotografin.

Fotos lösen widerstreitende Gefühle aus

Puppen, die als Sexspielzeug dienen - das ist schon oft fotografiert worden. Dabei sei der Mensch oft der Freak, der Einsame, der niemanden abbekomme und deswegen zur Puppe greift. "Ich wollte das mal anders erzählen", erklärt Steinigeweg. Um Liebe sei es ihr gegangen. Und Liebe brauche offenbar ein Gegenüber. Auch wenn es nur eine Attrappe ist. Wenn beim Betrachter angesichts der Fotos widerstreitende Gefühle aufkommen, ist ihr das nur Recht. Entstanden sind die Fotos bei den Besitzern zu Hause, nur eine Frauenpuppe hat Julia Steinigeweg wirkungsvoll in einer Landschaft drapiert. Denn: "Die sind sehr schwer. Die wiegen zwischen 65 und 70 Kilo. Wir haben das zu zweit gemacht, und ich hatte wirklich zwei Wochen lang Rückenschmerzen."

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Vor einem Jahr hat die Fotografin ihr Studium mit dem Master abgeschlossen. Sie lebt von Auftragsarbeiten, denn mit freien Projekten wie diesem verdient sie nichts. Das sei aber auch in Ordnung, sagt Julia Steinigeweg, denn wenn die Kunden aus der freien Wirtschaft oder aus Redaktionen zahlen und das fließe in diese Arbeit, dann sei sie glücklich. "Wenn das so weiterläuft, ist alles super."

Bruchstücke einer Familiengeschichte

Auch Andreas Hopfgarten ist zweigleisig unterwegs, als Künstler und Auftragsfotograf. Seinen Abschluss an der HAW hat er in der Tasche, aber sein Parallelstudium an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg läuft noch. Erinnerung ist sein Thema, jahrelang hat er sich mit seiner Familiengeschichte beschäftigt. Er habe sich auf drei Schlüsselerlebnisse konzentriert, sagt der Künstler. "Vor allem auf den frühen Tod meines Onkels. Er ist mit 13 Jahren gestorben. Die Kriegsgefangenschaft meines Großvaters und die Bombardierung Hamburgs. Auch meine Großmutter musste fliehen."

Installation ist Puzzle aus Erinnerungen

Da sind Kinderzeichnungen, Texte, Fotos und Erinnerungsstücke, die er auf seinen Fotos sorgfältig arrangiert. Wie die eigenen Milchzähne. Seine Installation ist ein Erinnerungspuzzle - mit vielen Fehlstellen. Zum Beispiel aus der Zeit des Nationalsozialismus. "Ich weiß, dass meine beiden Großväter wohl beide Oberleutnant waren. Meine Großmutter hat mir gesagt, dass sie beide nicht in der Partei waren. Dann habe ich aber Dokumente gefunden, wonach sie doch in der Partei waren. Das gibt’s eben auch so Fälle, wo ich nicht so genau weiß, was da passiert", sagt der Fotograf.

Körperliche Auseinandersetzung mit der Nazi-Zeit

Die Lücken füllt Andreas Hopfgarten mit Eigenem auf. Er hat sich selbst gefilmt, den Arm zum Hitlergruß erhoben. Er wollte eine körperliche Auseinandersetzung damit haben, um zu schauen, was so was mit einem macht, oder wie Faschismus sich vielleicht anfühlen könnte unter Zwang, beschreibt Hopfgarten seine Arbeit - eine sehr persönliche, die seit Jahren wächst.

Ein Bild aus der Ausstellung "Gute Aussichten".

Die besten Fotos junger Nachwuchskünstler

Hamburg Journal 18.00 -

In den Hamburger Deichtorhallen werden jährlich die herausragendsten Fotografien junger deutscher Nachwuchskünstler gezeigt. "Gute Aussichten" läuft noch bis zum Mai.

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"Gute Aussichten" in den Deichtorhallen

Die Auseinandersetzung mit dem Eigenen, dem Fremden und Befremdlichen: Die Ausstellung "Gute Aussichten 2016/2017" zeigt Fotografien junger, deutscher Nachwuchskünstler.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Haus der Photographie
Deichtorstraße 1-2
20095  Hamburg
Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag 11 - 18 Uhr
Jeden 1. Donnerstag im Monat: 11 - 21 Uhr (außer an Feiertagen)
Hinweis:
10 €, ermäßigt 6 €
Dienstagskarte: 5 € (ab 16 Uhr)
Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren: frei
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 09.03.2017 | 19:00 Uhr

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