Stand: 25.11.2018 19:30 Uhr

FAQ: Nolde, der NDR und seine Kunstsammlung

Welche Geschichte verbindet die "Sonnenblumen" mit dem NDR?

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Adolf Grimme war der erste Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR).

Dieses Ölgemälde von 1926 hat der erste Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR), Adolf Grimme, im Jahr 1950 aus dem Besitz von Emil Nolde gekauft. Die beiden sind sich persönlich begegnet und pflegten einen Briefwechsel. Nach der Aufteilung des NWDR in NDR und WDR verblieb das Bild beim NDR und hing dort über die Jahre in verschiedenen Büros in Hamburg. Über das Pfingstwochenende 1979 wurde es aus einem verschlossenen Büro gestohlen, zusammen mit dem Nolde-Aquarell "Landschaft mit Bauernhaus". Die Zeitungen berichteten damals groß über den Diebstahl, die Kriminalpolizei ermittelte - jedoch ohne Erfolg. Das Gemälde blieb fast vier Jahrzehnte lang verschollen.

Unter welchen Umständen sind die "Sonnenblumen" jetzt wieder aufgetaucht?

Im vergangenen Jahr hat sich eine Frau über eine Berliner Anwältin mit folgender Geschichte an den NDR gewandt: Ihr verstorbener Mann habe von einem Freund - einem ehemaligen NDR Mitarbeiter, der ebenfalls bereits tot ist - einmal ein Sonnenblumen-Motiv geschenkt bekommen. Auf diesen Freund, einen damaligen Produktionsmitarbeiter des NDR, fällt jetzt ein schwerwiegender Verdacht. Der Mann hatte damals offenbar behauptet, das Bild für "kleines Geld" aus dem Requisitenfundus des NDR erworben zu haben. Das habe das Berliner Ehepaar geglaubt. Die Witwe dachte nach eigener Aussage lange, es handele sich bei dem Bild um eine Reproduktion. Nachdem sie herausgefunden hatte, dass es sich doch um ein gestohlenes Original handeln könnte, bot sie dem NDR das Bild zum Rückkauf an. Der Sender schloss einen Vergleich mit ihr und zahlte ihr einen "Finderlohn" von 20.000 Euro - unter dem Vorbehalt, dass das Bild echt ist.

Ist das "Sonnenblumen"-Bild überhaupt echt?

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Manfred Reuther vor Emil Noldes Bild "Tänzerin und Harlekin" in der Nolde Stiftung Seebüll.

Das renommierte Rathgen-Institut der Staatlichen Museen zu Berlin hat das Gemälde und die verwendeten Materialien wissenschaftlich untersucht - und kommt zu dem Schluss, dass die "Sonnenblumen" aus der Zeit stammen, aus der sie stammen sollten (Mitte der 1920er-Jahre). Auch eine kunsthistorische Expertise von Manfred Reuther, dem langjährigen ehemaligen Direktor der Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde, liegt vor; er schätzt das Gemälde als Werk Noldes ein. Das Auktionshaus Sotheby's hat den Wert auf 900.000 bis 1,2 Millionen Euro taxiert.

Was hat es mit Noldes "Sonnenblumen" auf sich?

Die "Sonnenblumen" wurden 1926 von Emil Nolde gemalt. Es ist das erste Ölbild von Emil Nolde mit Sonnenblumen und das erste Bild einer Werkserie von Sonnenblumen, die dann etwa "Sonnenblumen im Wind", "Hohe Sonnenblumen" oder "Dahlien und Sonnenblumen" heißen. Das Bild "Sonnenblumen" ist ein mattes Ölbild, was typisch ist für Nolde, seine Maltechnik und die von ihm verwendeten, eher düsteren Farben. Das Bild hat eine Größe von 72 x 90 Zentimetern.

Warum investiert der NDR Geld in den Rückkauf eines Gemäldes, das ihm gestohlen wurde?

Der NDR hatte rechtlich keinen Anspruch mehr auf das Bild, der Diebstahl ist verjährt. Die bisherige Besitzerin hat das Werk ausdrücklich dem NDR angeboten, nachdem sie mithilfe von Nolde-Werksverzeichnissen recherchiert hatte, dass sie womöglich ein gestohlenes Original besitzt. Ein Verkauf an Dritte wäre deshalb legal nicht mehr möglich gewesen. Schlimmstenfalls wäre das Bild unter der Hand verkauft worden und für immer in Privatbesitz verschwunden. Dies wollte der NDR verhindern, um die "Sonnenblumen" den Menschen im Norden wieder zeigen zu können.

Was passiert nun mit Noldes "Sonnenblumen"?

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Emil Noldes "Sonnenblumen" werden voraussichtlich von Frühjahr 2019 an im Sprengel Museum Hannover zu sehen sein.

Von Anfang an war für den NDR klar, dass das Bild der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Es wird in den großen Museen der Landeshauptstädte des Sendegebiets zu sehen sein. Die geplanten Stationen sind: Sprengel Museum in Hannover (voraussichtlich ab Frühjahr 2019), Kunsthalle Hamburg, Kunsthalle Kiel und das Staatliche Museum Schwerin. Später soll das Bild auch in Seebüll in der Nolde-Stiftung ausgestellt werden.

Warum besitzt der NDR überhaupt eine Kunstsammlung?

Wie andere ARD-Häuser hat auch der NDR (zuvor: der NWDR) seit seiner Gründung Kunst gesammelt. Dies war das Selbstverständnis und auch die gesellschaftliche Erwartung an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Der NDR war - wie die anderen ARD-Sender auch - nicht nur selbst eine Kulturinstitution - und ist es bis heute, sondern auch aktiver Kulturförderer. Der Sender entspricht damit seinem Kulturauftrag. Aus den Ankaufslisten ergibt sich, dass der NDR überwiegend Werke lebender norddeutscher Künstlerinnen und Künstler gekauft hat. In der Sammlung befinden sich zum Beispiel Werke von Otto Modersohn, Paula Modersohn-Becker, Horst Janssen oder Günter Grass. Damit hat der Sender - wie in der literarischen Welt auch, etwa durch die Förderung von Autoren wie Siegfried Lenz - unmittelbar das kulturelle Leben im Norden unterstützt. Der NDR besitzt Inventarlisten und umfangreiche Unterlagen zu den von ihm getätigten An- und Verkäufen.

Warum verkauft der NDR die "Sonnenblumen" und andere Werke aus seiner Sammlung nicht?

Nach dem Diebstahl der beiden Nolde-Bilder aus dem NDR gab es Verkäufe, die aber vor allem versicherungsbedingt waren. Das dadurch erlöste Geld floss in ein neues Ausstellungskonzept, zu dem sich der NDR vor mehr als 20 Jahren entschlossen hat: Wichtige Werke aus der eigenen Sammlung werden seitdem unter dem Titel "Weite und Licht - Norddeutsche Landschaften" im ganzen Norden gezeigt und so dem Publikum zugänglich gemacht. Die Ausstellung war bereits in mehreren Dutzend Städten im Sendegebiet zu sehen; die Bilder stammen aus der Zeit von Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Der Marktwert der Exponate reicht bei Weitem nicht an den der "Sonnenblumen" heran. Bei einem bloßen Verkauf wären die Bilder womöglich in Privatbesitz gelandet und nicht öffentlich gezeigt worden. Durch "Weite und Licht" bleibt der NDR auch ein Mitgestalter des Kulturangebots im Norden. Auch die "Sonnenblumen" sollen in dieser Weise der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Was ist mit dem ebenfalls gestohlenen Nolde-Aquarell "Landschaft mit Bauernhaus"?

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Das Aquarell "Landschaft mit Bauernhaus", das ebenfalls 1979 gestohlen wurde, ist bislang nicht wieder aufgetaucht.

Dieses Bild, das 1979 zusammen mit den "Sonnenblumen" gestohlen wurde, ist bislang nicht wieder aufgetaucht, bleibt also verschwunden. Das Aquarell mit dem Titel "Landschaft mit Bauernhaus" ist vergleichsweise klein, 33 x 49 Zentimeter. Es ist ein typisches Nolde-Bild mit viel Himmel, Wolken, Weiden und eben einem friesischen Bauernhaus. Wenn jemand weiß, wo es ist - oder wo es sein könnte: Melden Sie sich!

Programm-Tipp

Die spannende Geschichte von Emil Noldes "Sonnenblumen" ist Inhalt einer Fernseh- und einer Hörfunk-Dokumentation. Beide tragen den Titel "Das Geheimnis der Sonnenblumen - Emil Nolde und der NDR". Das NDR Fernsehen sendet die Dokumentation als Kulturjournal extra am Montag, 26. November, um 22.45 Uhr. Das Feature im Radio auf NDR Kultur ist zu hören am Dienstag, 27. November, um 20.00 Uhr.

Weitere Informationen

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