Stand: 12.10.2017 19:33 Uhr

Alice Neel: Porträts einer unbequemen Künstlerin

von Jens Büchsenmann

Sie begann ihre berufliche Laufbahn mit einer Ausbildung als Sekretärin und wurde schließlich eine der wichtigsten amerikanischen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Alice Neel (1900 - 1984) widmete ihr Hauptwerk der Porträtmalerei und war zeitlebens bestrebt, das Innere ihrer Modelle nach außen zu kehren. Andy Warhol bezeichnete ihr Porträt einst als das beste Bildnis, das von ihm existiere. Die Hamburger Deichtorhallen würdigen das Werk dieser Ausnahmekünstlerin mit der Ausstellung "Alice Neel - Painter of Modern Life" und zeigen erstmals die Höhepunkte aus all ihren Werkphasen in Deutschland.

Die ehrlichen Porträts der Malerin Alice Neel

Die Schau ist eine Sensation!

Die Malerin ist, obwohl sie ihr ganzes Leben lang wie besessen gemalt hat, beim großen Publikum immer noch weitgehend unbekannt. Dazu muss man wissen, dass es Frauen in der Kunstwelt immer besonders schwer hatten. Warum, kann man an den 110 Bildern, die zum ersten Mal in Hamburg zu sehen sind, ablesen: So direkt, so schockierend genau hinzugucken, das trauen sich sonst eher Männer. In einem Satz: Diese große Alice-Neel-Schau ist eine Sensation.

Zu unkonventionell für den Kunstbetrieb

Auch wenn sich Andy Warhol von ihr hat porträtieren lassen, war die alleinerziehende Mutter wohl zu unbequem, zu unkonventionell, um in der Kunstschickeria Manhattans ein Star zu sein. Sie wollte einfach ihr Ding machen.

Film "Alice Neel"

Regie: Andrew Neel (Dokumentarfilm)
Mit Hartley Neel, Richard Neel, Phil Bonosky, Jeremy Lewison, Robert Storr, Christina Lancella, Juan Martinez, Chuck Close; GB 2007, 81 Min., engl. O.m.U.

Der Film über die Malerin läuft im Hamburger Abaton Kino
Oktober: 15.10.+29.10. um 13.00 Uhr
November: 5.+12.+26.11., um 13.00 Uhr
Dezember: 10.+17.+31.12., um 13.00 Uhr
Januar 7.1.2018, um 13.00 Uhr.

Jeremy Lewison kennt Alice Neel wohl besser als jeder andere außerhalb der Familie. Er verwaltet das enorme Werk der Malerin, hat etliche Ausstellungen organisiert und den hervorragenden Katalogtext geschrieben. Sie kannte nichts anderes als zu malen, erzählt Lewison: "Sie hatte einfach ihren Job als Sekretärin hingeschmissen und Kunst und Grafikdesign studiert."

Das Malen war für sie kein Beruf, sondern Leidenschaft. Eine Obsession. Sie musste einfach malen - einer von vielen Sätzen, die von ihr überliefert sind. Zu sehen und zu hören in einem Film, den ihr Enkel gemacht hat, der 39-jährige Andrew Neel. Er ist begeistert von der Auswahl der Bilder, noch größer als zuvor, in London, Amsterdam und Malmö.

Scharf und schmerzhaft-direkt

Ihren Enkel Andrew hat Alice Neel noch kurz vor ihrem Tod porträtiert - sie musste den sechsjährigen Zappelphilipp mit Schokolade bestechen.

Buchtipp

Alice Neels Bilder vom Menschen

In dem Bildband mit Porträts von Alice Neel begegnen uns mehr als 70 Männer, Frauen und Kinder, die sie gemalt hat. Menschen, die mit jedem Blick neue Facetten von sich offenbaren. mehr

Kinder hat sie überhaupt viel gemalt und gezeichnet, oft nackt, so wie sie halt sind - für Andrew Neel ganz normal in einer Künstlerfamilie. Ihn hat höchstens schockiert zu erleben, wie andere reagiert haben, oder zu erfahren, wie Ausstellungen von seiner Großmutter verboten wurden.

"Als wenn du bei ihnen auf dem Schoß sitzt, den jungen Paaren in New Yorker Stadtteilen wie Spanish Harlem oder Greenich Village", beschreibt Andrew Neel die Bilder: "Du sitzt am Bett der Schwangeren, der Nackten, die dich direkt anschauen. Oft sehr explizit, was die Anatomie betrifft, so scharf und schmerzhaft-direkt wie es höchstens Otto Dix gewagt hat."

Die Kunstgeschichte hat Alice Neel einfach ausgeklammert, sagt der Kurator aus New York. Denn sie war Kommunistin, hat Einwanderer und Arbeiter gemalt, Gesichter der Weltwirtschaftskrise. Man muss sich langmachen, genau hingucken, sagt Jeremy Lewison. Und dann kriegt diese Show etwas Hypnotisches. Alice Neel, die Vergessene, Unbequeme - sie ist ein Entdeckung!

Alice Neel: Porträts einer unbequemen Künstlerin

Diese Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen ist eine Sensation: So scharf wie Alice Neel traute sich kaum eine Künstlerin, auf ihre Motive zu schauen. Trotzdem war sie lange vergessen.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Deichtorhallen, im der Halle für Aktuelle Kunst
Deichtorstraße 1+2
20095  Hamburg
Preis:
Erwachsene: 10 Euro, ermäßigt: 6 Euro, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren: frei. Dienstagskarte (ab 16 Uhr): 5 Euro.
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr, jeden ersten Donnerstag im Monat 11 - 21 Uhr (außer an Feiertagen).
Hinweis:
Ausstellung: "Alice Neel - Painter of Modern Life"

Öffentliche Führungen
Samstags und sonntags sowie an den gesetzlichen Feiertagen um 16 Uhr, an jedem ersten Donnerstag im Monat um 19 Uhr.
Im Eintritt der Ausstellung inbegriffen, keine Anmeldung erforderlich.

Der üppig bebilderte Katalog zur Ausstellung, in dem zu jedem Bild ausführlich die Hintergründe und Umstände erläutert werden hat 240 Seiten und kostet 39,80 Euro.
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 12.10.2017 | 19:00 Uhr

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