Stand: 13.05.2020 14:02 Uhr  - NDR 90,3

"Gute Aussichten": Unsichtbares wird sichtbar gemacht

von Kerry Rügemer

Unsichtbare Datenströme sichtbar machen, scheinbar eindeutige Bilder verschwimmen lassen. Die Deichtorhallen zeigen in der Ausstellung "Gute Aussichten 2019/2020" die Werke der neun diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger des gleichnamigen Foto-Nachwuchspreises. Im 16. Jahr des Wettbewerbs sind 82 Bewerbungen von 36 Hochschulen von der Fachjury gesichtet und beurteilt worden.

Große Bilder, die an alte Schlachtengemälde erinnern, verwirren den Betrachter im ersten Moment: Eine Flut einzelner Bilder scheint ineinander zu verschmelzen. Vage erkennt man mal ein panzerartiges Gefährt, ein aggressiv verzerrtes Gesicht, Gewehre oder Leichensäcke.

"Das sind Bilder, die überlagert sind und dem Betrachter eigentlich dieses klare, eindeutige Bild eines Krieges entreißen", erklärt Fotokünstlerin Lisa Hoffmann ihre Werke. Bis zu 1.000 Kriegs- oder Katastrophen-Fotos aus Syrien, Afghanistan und anderen Krisengebieten vereint Lisa Hoffmann zu ihren verstörenden Werken, die sie "Atlas der Essenz" nennt.

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In ihrer Fotoreihe "Atlas der Essenz" legt Lisa Hoffmann bis zu 1.000 Bilder übereinander.

"Ich fordere den Betrachter auf, selbst zu interagieren", sagt Hoffmann. "Er muss suchen und stößt dabei immer wieder auf Lücken, auf Bruchstücke, auf Schmerzen, auf Unklarheiten, auf Chaos." All das seien Elemente, wie sie jedem Zeugnis und somit auch jedem Ereignis auf dieser Welt eminent zu eigen sind. "Es gibt nicht das eine, klare Bild, was uns von einem Event berichtet - auch wenn uns das oft durch die Presse so vermittelt wird."

Desinformation und Authentizität ist Thema von "Gute Aussichten"

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"Schusslicht Sarajevo": Von der Pansion Osmice aus hielt die jugoslawische Volksarmee Sarajewo im Bosnienkrieg 1.425 Tage lang unter Beschuss.

Fake News, überhaupt Nachrichten und Bilder, die sich in Sekundenschnelle weltweit viral über das Internet verbreiten. Krieg und Frieden in Zeiten globaler Desinformation - das sind die Themen, die die Preisträgerinnen und Preisträger in diesem Jahr besonders beschäftigt haben, verrät Josefine Raab, die Gründerin von "Gute Aussichten". Zudem werden die Gebrauchsweisen von Fotografie hinterfragt. "Es geht um Täuschung, Manipulation, es geht darum, andere Bilder zu finden."

Marco Mehringer zeigt in seiner Reihe "Schusslicht Sarajevo" Fotos von Schusslöchern in der berüchtigten Pansion Osmice. Das ehemalige Hotel diente im Bosnienkrieg als ein Stützpunkt der bosnischen Serben. Mehringer fotografiert die Löcher, durch die Menschen geschossen haben - oder beschossen wurden -, um zu töten.

Datenflut: Unsichtbares wird sichtbar gemacht

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Malte Sänger hat es in "Daemon" geschafft, abzubilden, wie Smartphones beim Entsperren unser Gesicht scannen.

Malte Sänger, schon im letzten Jahr Preisträger und in diesem Jahr Gewinner der Sonderauszeichnung Grant III, nennt seine Arbeiten "Daemon". Er versucht, das Nicht-Greifbare, das sich zwischen uns und unserer digitalen Umwelt abspielt, sichtbar zu machen: die ständige Datenflut.

Manche der Bilder zeigen ein Gesicht, das von unzähligen Punkten übersät ist - alles nur in Rot. "Das ist der Moment, in dem Menschen ihre Smartphones entsperren. In dem Moment schickt das Handy Tausende kleine Rasterpunkte aufs Gesicht, erkennt sie und entsperrt sie", erklärt Sänger. Mit einer speziell umgerüsteten Kamera fing er dieses Licht ein: "Ich habe diesen Moment genutzt und stand daneben mit meiner Kamera und habe die Menschen porträtiert in dieser Millisekunde, in der diese Punkte die Gesichter abgefasst haben."

Selten war ein Jahrgang von "Gute Aussichten" so politisch aktuell. Wer wissen will, was junge Fotografen inspiriert, antreibt und beschäftigt, der sollte sich unbedingt diese umfangreiche und überaus spannende Ausstellung ansehen. Sie regt in vielerlei Werken sehr zum Nachdenken an.

"Gute Aussichten": Unsichtbares wird sichtbar gemacht

Unsichtbare Datenströme sichtbar machen, scheinbar eindeutige Kriegsbilder verschwimmen lassen: Die Deichtorhallen zeigen beeindruckende Werke aus dem Foto-Nachwuchspreis "Gute Aussichten".

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Deichtorhallen - Haus der Photographie
Deichstorstr 1 - 2
20095  Hamburg
Preis:
12 Euro (ermäßigt 7)
Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 11 - 18 Uhr
Montags geschlossen
Jeden 1. Do im Monat 11 - 21 Uhr
Hinweis:
Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren frei
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 12.05.2020 | 19:00 Uhr

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