Stand: 21.01.2019 00:01 Uhr

Tierliebe: Was steckt eigentlich dahinter?

von Thomas Samboll
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Eine Tierbeziehung ist einer Menschenbeziehung sehr ähnlich: Es geht um Gefühle, Hormone und Bedürfnisse.

Ein kuscheliges Fell, kleine Knopfaugen oder auch ein sanftes Miauen - viele Menschen sind völlig hingerissen, wenn sie zum Beispiel Hunde- oder Katzen-Babys oder auch Kaninchen erblicken. Gerade Kinder gelten als besonders tierlieb. Aber auch viele Erwachsene haben ein Herz für Tiere. Doch woher kommt eigentlich unsere Begeisterung für die Zwei- oder Vierbeiner, die wir uns auch gern als Haustiere halten? Was steckt hinter der sogenannten Tierliebe?

Pablo ist ein lebhafter schwarzgelockter Terrier-Mischling. Ihr "Second-Hand-Hund", sagt die Hamburger Tierärztin Dagmar Vogel. Denn Pablo hatte früher eine andere Besitzerin. Eine sehr tierliebe Frau, betont Dagmar Vogel, aber: "Sie hat ihr Tier derart geliebt, dass sie permanent Krankheiten in ihr Tier interpretiert hat. Es kommt tatsächlich vor, dass Menschen so in Sorge um ihr Tier sind, dass sie Symptome erfinden, die das Tier überhaupt nicht hat. Und in dem Fall war es so, dass die Besitzerin sich von dem Tier getrennt hat.“

Tierliebe ist evolutionäres Erbe

Tierliebe kann also manchmal ganz schön kompliziert sein. Dass wir uns überhaupt für Tiere interessieren, ist aber ziemlich einfach zu erklären, meint die Psychologin Andrea Beetz, die unter anderem auch an der Universität Rostock lehrt: "Das scheint von der Evolution her in uns angelegt zu sein. Das Ganze nennt sich Biophilie. Und das hat uns wohl auch beim Überleben geholfen: Wer auf Tiere in seiner Umgebung geachtet hat, hat zum einen mehr Erfolg beim Jagen gehabt. Zum anderen kann man am Verhalten der Tiere Naturkatastrophen vorhersagen. Heutzutage ist es so, dass wir immer noch von diesem evolutionären Erbe mitbestimmt werden."

Streicheln gegen Angst und Depressionen

Bei der Tierliebe ist es dann ganz ähnlich wie bei Beziehungen zu Menschen. Es geht um Gefühle - und Hormone. Wenn man zum Beispiel einen Hund streichelt, den man gut kennt und den man gern mag, dann wird, genau wie bei Mutter-Kind- oder Paar-Beziehungen Oxytocin ausgeschüttet, das auch als Bindungs- oder Kuschelhormon bekannt ist. Oxytocin ist aber auch gut gegen Stress, sagen die Wissenschaftler. Wer also Tiere mag, ist im besten Fall auch viel entspannter: "Es tut uns Menschen gut, wenn wir uns längere Zeit mit einem Tier beschäftigen und kuscheln. Durch das Streicheln eines netten, freundlichen Tieres, vor allem, wenn man es gut kennt, wird Angst und Stress reduziert, die Stimmung steigt. Depressive Symptome werden vermindert", erklärt Beetz.

Hund und Katze als Ersatz-Familie

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Wer einen Hund hat, muss zwangsläufig an die frische Luft. Das stärkt nicht nur die Gesundheit, sondern auch die soziale Interaktion.

Gerade Menschen, die allein leben und sich einsam fühlen, könnten von der Beziehung zu einem Tier sehr profitieren, betont Tierärztin Dagmar Vogel. Der Hund oder die Katze werden dann quasi zu einer Art Ersatz-Familie. Und: "Die regelmäßigen Spaziergänge mit dem Hund sorgen dafür, dass der Mensch das Haus verlässt. Und erstaunlicherweise ist es so, dass Hundebesitzer einander grüßen! Ein Mensch mit einem Hund hat somit auch soziale Kontakte zu Menschen, die er vielleicht als alleinstehender Mensch sonst nicht hätte."

Gesünder und beliebter durch ein Haustier

Kurzum: Menschen mit Tieren sind oftmals besser drauf und anscheinend auch gesünder als andere. Auch dafür gebe es einige Anhaltspunkte, so die Psychologin Andrea Beetz: "Bespielsweise sinken der Blutdruck und die Herzfrequenz. Aus dem schulischen, pädagogischen Bereich wissen wir, dass wenn da ein ruhiges, wohlerzogenes Tier in der Umgebung ist, sogar die Konzentrationsfähigkeit der Kinder ein bisschen besser ist. Und wenn Kinder mit einem Tier aufwachsen, gerade mit Hunden oder Katzen - also Tiere, die sehr interaktiv sind -, dann scheinen sie etwas empathischer zu sein und etwas beliebter bei Klassenkameraden."

Die wirkliche Bedeutung guter Mensch-Tier-Beziehungen müsste allerdings noch viel mehr erforscht werden, räumt Andrea Beetz ein. Noch gäbe es in dieser Hinsicht nicht allzu viele Studien. Dennoch meint der Verhaltensforscher und Biologe Kurt Kotrschal von der Uni Wien: "Wenn man sich ansieht, was eine gute Beziehung, speziell zu Hunden und anderen 'Kumpan-Tieren' für unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit tun kann, könnte man auf die Idee kommen, dass Menschen ohne die Tier-Beziehung nicht ganz vollständig sind!"

Fürsorge geben und Grenzen aufzeigen

Aber wie geht echte Tierliebe? Eigentlich ganz einfach, lächelt Tierärztin Dagmar Vogel - so wie jede gute Beziehung: "Wahre Tierliebe ist, wenn ein Mensch sich wirklich um sein Tier kümmert. Das heißt, die Bedürfnisse des Tieres in allen Belangen berücksichtigt - und dafür sorgt, dass es dem Tier artgerecht gehalten gut geht. Und: Der Hund braucht Grenzen! Das ist ein wichtiges Thema: Tierliebe beinhaltet auch, dass das Tier Grenzen bekommt. Das wäre für mich Tierliebe. Angewandte Tierliebe!"

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 21.01.2019 | 08:55 Uhr