Stand: 26.08.2019 13:52 Uhr  - NDR Kultur

Historische Aufführungspraxis in der Musik

von Marcus Stäbler

Kratzende Darmsaiten, schiefe Akkorde und ein staubiger Museumscharme: drei der langlebigen Klischees über die sogenannte historische Aufführungspraxis, die mit Dirigenten wie Nikolaus Harnoncourt aufkam und heute einen Teil der Klassik-Szene prägt. Aber was will diese Aufführungspraxis eigentlich? Und ist sie heute noch zeitgemäß?

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Der Brite Paul McCreesh gründete 1982 das Ensemble Gabrieli Consort & Players.

Wuchtig, schwer und sinfonisch: So klang der Beginn von Bachs Matthäus-Passion vor knapp 60 Jahren unter Leitung von Otto Klemperer - der damalige Standard. Ein vollkommen anderes Bild zeichnet Paul McCreesh in seiner Aufnahme von 2002. Auf den historischen Instrumenten seiner Gabrieli Players klingt Bachs Musik leichter, durchsichtiger und einen Halbton tiefer. Als wäre es nicht dasselbe Stück.

Zwei unterschiedliche Haltungen

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Herbert von Karajan ist eine Art Galionsfigur der Tradition, die ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert hat.

Das sind zwei Extrembeispiele für zwei ganz unterschiedliche Haltungen. Auf der einen Seite steht eine Tradition, die ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert hat. Dort wird die Musik mit großem, warmem Klang zelebriert - als eine Art klingendes Denkmal einer makellosen Schönheit. Der späte Herbert von Karajan ist eine Galionsfigur dieses Ideals, das allen Stilen vom Barock bis zur klassischen Moderne aufgestülpt wurde - wie in der Aufnahme von Vivaldis "Vier Jahreszeiten" mit Anne-Sophie Mutter. Der langsame Satz aus dem Frühling schmeichelt dem Ohr mit weichen Sounds. Davon lässt man sich gerne einlullen.

Aber es geht auch anders. In der Einspielung von Andrew Parrott mit John Holloway und seinen Taverner Players wird der Hörer förmlich aufgeschreckt. Die harschen Töne der Bratschen sind keine spinnerte Idee der Interpreten, sondern eine bewusste Klangmalerei, die zur Musik passt. Vivaldi hat seine berühmten Konzerte auf selbstgedichtete Texte geschrieben und damit typische Szenen der Jahreszeiten porträtiert. Der langsame Satz aus dem Frühling schildert die idyllische Ruhepause eines Hirten auf einer Wiese, mit seinem treuen Hund an der Seite. Über den Bratschentönen steht "Il Cane che grido", also etwa: "Der Hund, der bellt". Und das ist bei Parrott - anders als in der Aufnahme mit Herbert von Karajan und Anne Sophie Mutter - deutlich zu hören.

Botschaft und Geist eines Werks nahe kommen

Ein typisches Beispiel für das, was die Interpreten der historischen Aufführungspraxis ausmacht: Sie lesen den Notentext genau und beschäftigen sich mit den Hintergründen eines Stücks, um dessen Inhalt zu ergründen. Sie kennen die Spielweisen der damaligen Musiker und nutzen oft auch Instrumente aus der Entstehungszeit. Aber das alles geschieht gerade nicht - und das ist ein häufiges Missverständnis - aus einem musealen, einem bewahrenden Anspruch heraus. Es geht gerade nicht darum, ein Stück möglichst immer genau gleich wie am ersten Tag zu reproduzieren, sondern vielmehr darum, das Aufregende und Neue der Musik wiederzubeleben, indem man versucht, der Botschaft und dem Geist eines Werks möglichst nahe zu kommen.

Historische Aufführungspraxis rüttelt Klassiker wach

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Der Brite Christopher Hogwood gründete 1973 die Academy of Ancient Music.

Dass die historische Aufführungspraxis, anders als der Name nahe legt, eher eine aufrüttelnde als eine einmottende Wirkung hat, lässt sich besonders gut am Beispiel von Beethoven aufzeigen. Bei Herbert von Karajan und seinen Berliner Philharmonikern wirkte etwa der Kopfsatz der Siebten Sinfonie relativ brav - weil die Klänge von Streichern und Bläsern homogen gemischt und die Unterschiede geglättet sind. Bei Christopher Hogwood und seiner Academy of Ancient Musik platzen die Hörner dagegen aus dem Zusammenklang heraus, die revolutionäre Kraft der Musik ist dadurch viel rauer zu spüren. Also keine Spur von staubigem Museum. Im Gegenteil: Die historische Aufführungspraxis rüttelt die Klassiker wach und offenbart deren zeitlose Aktualität.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 27.08.2019 | 15:20 Uhr