Szene aus dem Film "Der Kanal" von Andrzej Wajda © imago

"Der Kanal": Filmklassiker zum Warschauer Aufstand

Stand: 02.06.2021 06:00 Uhr

In einer kleinen Retrospektive erinnert Arte an einige Cannes-Gewinner der letzten Jahre und Jahrzehnte. Das älteste Werk ist Andrzej Wajdas Film "Der Kanal" von 1957. Bis zum 24. Juni ist er in der Arte Mediathek.

von Hartwig Tegeler

August 1944, der Aufstand gegen die Nazi-Besatzer ist gescheitert. Die Hoffnung der polnischen Widerstandskämpfer auf die Rote Armee, die den weichenden deutschen Truppen bis zum Ostufer der Weichsel gefolgt sind, ist aussichtslos. Dann kommt der Befehl vom Hauptquartier, durch das unterirdische Abwassersystem ins Zentrum der Stadt zu fliehen. Die letzten Überlebenden dieser Einheit am Stadtrand machen sich auf den Weg. Aber sie werden in den Kanälen zersprengt in kleine Gruppen. Und da unten, in diesem Labyrinth aus Gestank, Dunkelheit, Kloake und Luftarmut, entfaltet Andrzej Wajda ein komplexes Panorama von Gefühlen, von Abgründen, von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.

Wie lebende Tote im Vorhof zur Hölle

Es sind Versuche, den Ausgang zu finden, wieder ans Licht zu kommen. Der Offizier Zadra, sein untertäniger Buchhalter, der Zadra vormacht, die Einheit sei noch zusammen; Halinka, die eine Affäre mit Madry begonnen hat, der aber verheiratet ist - die versprengten Menschen irren wie lebende Tote durch das Abwassersystem. Purgatorium, Vorhof zur Hölle. Da ist dann noch der verletzte junge Mann Jacek, der sich in die Schmugglerin "Gänseblümchen" verliebt hat, die das Kanalsystem genau kennt.

Als Jacek und "Ganseblümchen" am Ende die Sonne sehen, an einem Ausgang des Kanals zur Weichsel hin, stehen sie verzweifelt vor einem einbetonierten Gitter. Das Bild, das sich in Andrzej Wajdas Film damit auffaltet, hat sich schon vom reinen Kriegsgeschehen, vom Warschauer Aufstand, abgelöst. Es hat seine transzendente Qualität gefunden. Sinnlich spürbar wird so das Grauen des Gefangenseins aber in einer historisch-politischen Dimension. Denn in der Szene am Ende ist Andrzej Wajdas Blick auf das Polen aufgehoben, das nach 1945, nach dem Ende des Krieges, als Land im sowjetischen Machtbereich entstehen wird.

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"Der Kanal" hat nichts von seiner Wucht verloren

Meisterhaft gelingt es Regisseur Andrzej Wajda in "Der Kanal", die menschlichen Tragödien seiner Protagonisten und die historische Situation des Warschauer Aufstandes in diesem Inferno aus Dunkelheit, Gestank, Luftarmut, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zusammenzubinden. 1957 bekam "Der Kanal" den Spezialpreis der Jury in Cannes und bildete den Startschuss für den internationalen Erfolg des polnischen Kinos. Wajdas Meisterwerk, das jetzt kostenlos in der Arte-Mediathek zu sehen ist, bietet die Gelegenheit, einen Klassiker des Antikriegsfilms wieder oder neu zu entdecken, der nichts von seiner Wucht verloren hat. Bis zum 24. Juni ist er in der Arte Mediathek zu sehen.

Der Kanal

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
1957
Produktionsland:
Polen
Regie:
Andrzej Wajda
Länge:
96 Min.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 02.06.2021 | 06:40 Uhr

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