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50 Jahre Experimentalstudio

Dienstag, 28. Dezember 2021, 21:00 bis 22:00 Uhr

"Mantra" von Karlheinz Stockhausen war die Initialzündung für die Gründung des Experimentalstudios des SWR. Das Werk wurde vom Rundfunkredakteur des SWR Heinrich Strobel bei Karlheinz Stockhausen für die Donaueschinger Musiktage 1970 in Auftrag gegeben. Stockhausen arbeitete in dieser Komposition auf der Basis einer von ihm sogenannten Formel mit elektronischen Medien. Dazu gehörten Ringmodulatoren, Filterbänke, Kompressoren und andere Geräte, die damals in Radiostudios zur Ausstattung dazugehörten. Deshalb war es nur folgerichtig, dass Otto Tomek 1971 als Südwestfunk-Musik-Hauptabteilungsleiter das Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stiftung des SWF e.V. gründete. Am 1. September 1971 begann der Betrieb in Freiburg.

Mark Andre im Portrait © Martin Sigmund
Der deutsch-französische Komponist Mark Andre ist einer der wichtigsten Vertreter der Neuen Musik.
Treibende Kraft waren und sind die Komponierenden

"Wir haben Dauergäste unter den Komponierenden, weil Komponierende sich letztlich nur weiterentwickeln, wenn sie das immer hinterfragen, was sie in den jeweiligen Stücken gemacht haben", erklärt der Leiter des Experimentalstudios Detlef Heusinger. Einer dieser Dauergäste der 80er-Jahre bis zu seinem Tod 1990 war der Venezianer Luigi Nono. Mit seiner Oper "Prometheus - Tragödie des Hörens" (Prometeo - Tragedia dell’ascolto) hat Luigi Nono im Experimentalstudio eine Art der Klangverwandlung durch Elektronik und der freien Inszenierung der Klänge im Raum entwickelt, die einen Höhepunkt der musikalischen Entwicklung des 20. Jahrhunderts darstellt.

Jeder hat seinen eigenen Blick auf diese Prägung durch Luigi Nono, erklärt der Klangregisseur Joachim Haas. Zur Messlatte, die Luigi Nono mit seiner Vorstellung von Live-Elektronik gesetzt hat, gehört es, jeden einzelnen Ton wirklich zu gestalten. Auch wenn man Wert legt auf die Vielfalt der ästhetischen Positionen, so ist doch Luigi Nonos Arbeitsphilosophie bis heute im Experimentalstudio präsent. Joachim Haas will die Arbeit nicht auf einen Aspekt verkürzen, aber er erklärt: "Ich weiß aus den Erzählungen von André Richard, dem früheren Studioleiter, dass Dinge oft widerrufen wurden, dass man versucht hat, sie im Fluss zu halten, was es für die Nachwelt schwieriger macht, es dann irgendwie werkgetreu aufzuführen. Aber auch das ist ein Teil der Musik, dass sie lebendig sein muss. Dass man nicht versucht, die Dinge zu stark in einen Kasten zu sperren, sondern dass die Musik Atem hat, dass sie mit dem Raum interagieren muss."

Das jüngste Experiment: Wiedergabe ohne Lautsprecher

Zu den aktuellen "Dauergästen" des Experimentalstudios gehört Mark Andre. Mit ihm haben die Klangregisseure im Experimentalstudio neues Terrain erobert. In vielerlei Hinsicht. Galt es für das Studio als eine ihrer Exzellenz-Kompetenzen, die idealen Lautsprecher für ein Werk zu finden und mit ihrer Positionierung eine Ideale Klangabstrahlung im Raum zu finden, so haben die Klangregisseure mit Mark Andre ein Experiment gewagt und einmal gänzlich auf Lautsprecher verzichtet. Michael Acker erzählt begeistert von diesem Wagnis: "Es gibt die Möglichkeit, sogenannte Transducer auf Resonanzkörpern im Orchester anzubringen. Die Folge ist, dass dann dieser Resonanzkörper mit den Klängen schwingt, die aus der Elektronik kommen."

Das Experimentalstudio als "Kunstwerkstatt" der Zukunft

Der Leiter des Experimentalstudios, der (Klang-)Regisseur, Komponist und Dirigent Detlef Heusinger erklärt: "Auch wir müssen zum Beispiel lernen, dass die junge Generation viel visueller unterwegs ist, dass die sich viel mehr interessiert für die Interaktion zwischen Bild und Ton. Auch da bauen wir uns aus, da haben wir mittlerweile Mitarbeiter, die dort firm sind, und wir werden immer mehr eine 'Kunstwerkstatt' für alle Bereiche und nicht nur für die Live-Elektronik. Live-Elektronik ist ein Baustein, aber wir brauchen letztlich das Zusammenspiel der verschiedenen Ebenen."

Eine Sendung von Margarete Zander

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Tasten eines Konzertflügels © NDR

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