Stand: 19.02.2019 11:45 Uhr

Yasuhisa Toyota zur Kritik an der Elbphilharmonie-Akustik

Seit der Eröffnung im Januar 2017 hat der Große Saal der Elbphilharmonie rund 800 Konzerte erlebt. In den allermeisten Fällen sind die Besucher und Künstler gleichermaßen begeistert - trotzdem schlägt ein einziges missglücktes Konzert des Tenors Jonas Kaufmann vom Januar dieses Jahres nach wie vor hohe Wellen. Kaufmann selbst hatte den Saal nach seinem Auftritt scharf kritisiert und damit die Diskussion über die Akustik wiederbelebt. Jetzt äußert sich erstmals der Akustiker Yasuhisa Toyota zu den Vorwürfen.

Herr Toyota, haben Sie von der Kritik gehört oder gelesen, die nach dem Konzert von Jonas Kaufmann geäußert wurde?

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Yasuhisa Toyota (links) im Gespräch mit Marcus Stäbler.

Yasuhisa Toyota: Ja, das habe ich. Leider habe ich nicht alle Kritiken gelesen, aber einige schon.

Er hat behauptet, dass das Material der Wände falsch sei, dass man Holz hätte benutzen sollen. Was antworten Sie auf diesen Vorwurf?

Toyota: Als Akustikdesigner und Akustiker der Konzerthalle denke ich, dass das nicht der Fall ist. Trotzdem kann ich seinen Kommentar verstehen, den auch andere Musiker schon ähnlich geäußert haben. Der Saal hat eine große Transparenz und Klarheit, und ich glaube, das ist sehr wichtig, weil ein Konzertsaal heutzutage mit digitalen Aufnahmen konkurrieren muss. Wenn jemand einen bestimmten Eindruck von einem Saal hat, ist er daran interessiert, die Ursache dafür zu finden. Da kommen Musiker und Akustiker mitunter zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Nach der Kritik von Jonas Kaufmann gab es auch Vorwürfe von anderen Seiten, dass der Große Saal der Elbphilharmonie nicht für Sänger geeignet sei, zumindest bei großen Besetzungen in der Vokalsinfonik.

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Die sehr spezielle Akustik im großen Saal der Elbphilharmonie ist seit der Eröffnung immer wieder kontrovers diskutiert worden. Nun gibt Intendant Lieben-Seutter Empfehlungen. mehr

Toyota: In der momentanen Diskussion und Kontroverse geht es viel um emotionale Dinge. Glücklicherweise war der Ruf des Saals von Anfang an sehr gut, vielleicht sogar zu gut. Denn es gibt einige Stimmen, die jetzt einfach mal etwas Negatives dagegenhalten wollen. Ich würde jedenfalls nicht sagen, dass es für die Vokalmusik und das Lied im Großen Saal keine Möglichkeiten gibt. Wenn das der Fall wäre, hätten wir diese Kontroverse schon seit der Eröffnung. Ich sage nicht, dass alles hundertprozentig funktioniert. Nicht jedes Konzert läuft gleich gut. Aber dafür gibt es Gründe. Dieser Konzertsaal ist einzigartig, ganz anders als andere, in mehrerlei Hinsicht. Das bedeutet auch, dass in der Akustik alles total neu ist. Das heißt, die Musiker müssen ihrem eigenen Klang und dem ihrer Kollegen sehr sorgfältig zuhören. In dieser Hörerfahrung erleben sie den Unterschied und können sich darauf einstellen.

Es ist also ein Lernprozess?

Toyota: Ja. Wir sollten abwarten. Bei jedem neuen Saal ist es wichtig, genug Zeit zu haben. Selbst in Berlin gab es nach der Eröffnung der Philharmonie eine - noch viel größere - Kontroverse.

Das Gespräch führte Marcus Stäbler.

Stimmen zur Akustik der Elbphilharmonie

  • "Die Akustik für ein Recital - besonders für eine Bach-Solo-Sonate - ist unglaublich frei und beflügelnd. Es ist eine Akustik, die doch einen sehr langen Nachhall hat."

    Anne-Sophie Mutter

  • "Obertonreich, klar und doch einen angenehmen Mischklang produzierend, hat sich die Elbphilharmonie klanglich zweifelsohne an die Weltspitze katapultiert."

    Salzburger Nachrichten

  • "Warm und direkt, voll und dennoch transparent tönen große Besetzungen hier; der Klang ist physischer, weniger steril als in anderen modernen Sälen, noch in den höchsten Rängen spürt man die Vibrationen der Bässe."

    Schweizer Tagesanzeiger

  • "Seinem Auftrag, einen der besten Konzertsäle der Welt zu schaffen, ist der Akustiker Yasuhisa Toyota beeindruckend gerecht geworden - das muss selbst anerkennen, wer von der Berliner Philharmonie verwöhnt ist." 

    Berliner Zeitung

  • "Dieser Saal klingt gnadenlos überakustisch. Dass Yasuhisa Toyota, der das Hördesign schon so vieler guter Konzertsäle entwarf, eine Schwäche hat für leichte Überakustik: klar, hell, durchsichtig, ist bekannt. Aber so eine brutal durchkalkulierte Studioakustik ist ihm noch nie unterlaufen. Und ein Studio ist kein Konzertsaal. Und Musik besteht nicht nur aus einzelnen Tönen."

    Eleonore Büning (FAZ)

  • " ... alles einheitslaut, breiig. Jedenfalls hinter den Hörnern. Man hört keinen Raum mehr. Nur ein am Anschlag lärmendes Orchester auf einem zu klein anmutenden Podium."

    Manuel Brug (Welt) über den Klang des Finales aus Messiaens Turangalila-Sinfonie.

  • "Das Konzerthaus in Wien hat noch einen klassischen Klangstil. Der besteht darin, dass der Nachklang nicht abklingt, sondern noch einen Hauch hinterlässt. Das ist dieser typische, klassisch-romantische Orchesterklang. Wenn der Ton aufhört, dann riecht man noch etwas. Da hinterlässt der Klang noch eine Spur. Das haben wir hier (in der Elbphilharmonie, Anm. d. Red.) nicht. Das ist ein moderner Saal, das ist ein analytischer Saal. Analytisch meine ich im positiven Sinne, man hört alles!"

    Péter Eötvös

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Yasuhisa Toyota und Marcus Stäbler © NDR/ Marcus Stäbler Foto: Marcus Stäbler

Elbphilharmonie-Akustiker Toyota im Gespräch

NDR Kultur -

Die Diskussion über die Akustik der Elbphilharmonie ebbt nicht ab. Jetzt äußert sich erstmals der Akustiker Yasuhisa Toyota zu den Vorwürfen. NDR Kultur hat ihn getroffen

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