Das Ensemble Resonanz beim Flöten-Konzert am 1.6.2021 in der Elbphilharmonie © Ensemble Resonanz gGmbH

Ensemble Resonanz spielt Polit-Thriller mit Blockflöte

Stand: 02.06.2021 13:40 Uhr

Mit einem ganz besonderen Flöten-Konzert ist das Ensemble Resonanz nach der Corona-Pause in den kleinen Saal der Elbphilharmonie zurückgekehrt. Das Kammerorchester spielte Bach, Telemann und Iris ter Schiphorst.

von Daniel Kaiser

Dass man vor Blockflöten wirklich keine Angst haben muss, ist nach der Charme-Offensive der Alte-Musik-Bewegung der vergangenen Jahrzehnte einigermaßen klar. Dieser Konzertabend mit dem Hamburger Ensemble Resonanz hat noch einmal bewiesen, dass Flöten mehr sind als das hölzerne Folterinstrument, mit dem Eltern bei Schulaufführungen drangsaliert werden. Diese Flötentöne waren einfach umwerfend.

Temporeiches Makeover für Bach

Das Ensemble Resonanz beim Flöten-Konzert am 1.6.2021 in der Elbphilharmonie © Ensemble Resonanz gGmbH
Das Ensemble Resonanz beim Flöten-Konzert am 1.6.2021 in der Elbphilharmonie

Alexis Kossenko verpasst mit seiner Traversflöte Johann Sebastian Bachs h-moll Suite ein temporeiches Makeover. Aus den höfisch anmutenden Tänzen des Evergreens macht er spannende Wettrennen zwischen ersten und zweiten Geigen, würzt die Wiederholungen mit radikaler Dynamik und sehr, sehr ambitioniertem Tempo. Trotzdem findet er in der Badinerie, dem Ohrwurm der Bach-Suite, noch Platz für filigrane Verzierungen.

Kneipentour mit Telemann

Gemeinsam mit Jeremias Schwarzer an der Blockflöte erklingt dann ein überraschend frisches Telemann-Konzert. Schwarzer reckt seine Flöte in die Höhe, dreht sie und malt Kreise in die Luft, als sei sein Instrument nicht nur ein Stück löcheriges Holz, sondern ein Zauberstab. Man kann sich gar nicht sattsehen, wie Schwarzer immer wieder mit aufgeblasenen Backen virtuos und humorvoll verspielt Töne entstehen lässt. Zum Finale gibt es einen anarchisch lustvollen Ritt, eine musikalische Kneipentour mit derben Klängen und folkloristischen Farben. Telemann, den man vielleicht eher als zwischen den Hamburger Hauptkirchen pendelnden Feingeist abgespeichert hat, erscheint in einem ganz neuen Licht. Kein abgespreizter Finger - nirgends. Dieser pulserhöhende Telemann hätte schon als Headliner eines Flötenkonzerts gereicht.

Blockflöte wird zur Trillerpfeife

Doch dann wird es noch einmal richtig ernst: Lautsprecher werden aufgebaut, die Musikerinnen und Musiker mit Mikrofonen ausgestattet. Die Niederländerin Iris ter Schiphorst hat die Geschichte der Whistleblowerin Chelsea Manning und ihre Enthüllungen über einen US-Luftangriff mit zivilen Opfern im Irak im Jahr 2007 vertont - sinnigerweise als Blockflötenkonzert. Der "Whistleblower" Jeremias Schwarzer hält sein Instrument erst einmal 'falsch' - wie eine Querflöte. Er bläst hinein, und doch kommt nur tonlose Luft heraus. Er singt in sein Instrument hinein, baut Flöten auseinander, bebläst sie von verschiedenen Seiten und sucht verzweifelt einen Ton. Am Ende dupliziert er den Blockflötenklang zu einem schrillen, alarmistischen Trillerpfeifen-Sound - der Klang des Whistleblowers!

Tatort Elbphilharmonie

Das Orchester attackiert den Whistleblower akustisch mit Stößen, Schlägen und scharfen Peitschenhieben - irgendwo zwischen "Psycho" und "Weißer Hai". Die Musikerinnen und Musiker schlagen auf ihre Instrumente und deklamieren Laute und Texte: Die Frauen lassen Vokale, die Männer Konsonanten explodierten. Beschimpfungen werden im Chor gerufen. Dazu werden Mitschnitte des Funkverkehrs während des Angriffs im Irak eingespielt. Man hört Schüsse. Es ist ein Krimi, ein Hörspiel - ein Elbphilharmonie-Tatort! Dem Ensemble Resonanz gelingt hier mit der Komposition Iris ter Shiphorsts ein Stück beklemmendes Musik-Theater, das die Seelenzustände des Whistleblowers tief auslotet - seine Ängste und seine Zweifel, aber auch seinen Mut. Diese Viertelstunde geht nahe.

Aufregende Konzertprogramme

Bach, Telemann und Shiphorst - das ist eine Kombination, die noch länger nachklingt. Kurz nach der umjubelten Staatsopern-Premiere hat das Ensemble Resonanz mit diesem Konzertabend wieder einmal deutlich gemacht, dass es mit seinen starken, durchdachten, an- und aufregenden Programmen das experimentierfreudigste Hamburger Orchester ist.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 02.06.2021 | 19:00 Uhr