Dirigent Sir Simon Rattle erteilt ein Interview in der Elbphilharmonie Hamburg © NDR Foto: Marcus Stäbler

Bis zum rauschenden Höhepunkt: Simon Rattle in der Elbphilharmonie

Stand: 07.09.2021 08:00 Uhr

Simon Rattle gehört zu den prominentesten Fans der Elbphilharmonie. Der britische Dirigent war schon mehrfach im Großen Saal zu Gast. In dieser Saison kommt er insgesamt viermal nach Hamburg. So wie am Montagabend - mit Werken von Peter Tschaikowsky und Igor Strawinsky.

von Marcus Stäbler

Die Pauke donnert bedrohlich - wie ein Bombengrollen. Streicher und Bläser stampfen im Gleichschritt. Igor Strawinsky beginnt seine Sinfonie in drei Sätzen mit Klängen des Unheils. Als er das Stück in den USA schrieb, in den Jahren 1942-1945, drängten sich die Schreckensbilder des Zweiten Weltkriegs in seinem Kopf, wie er sie in Wochenschauen und Dokumentationen gesehen hatte. Das sei dem Werk auch anzumerken, sagt Sir Simon Rattle: "Er war sehr beeinflusst - nicht nur von Filmen von marschierenden Deutschen -, sondern auch von Filmen über verbrannte Erde. Es ist ein brutales Stück."

London Symphony Orchestra - Orchester der Spitzenklasse

Simon Rattle leitet Strawinskys Sinfonie mit klaren, eckigen Gesten - wie ein dirigentisches Uhrwerk. Und sein London Symphony Orchestra spielt mit der Präzision, die ein Orchester der Spitzenklasse auszeichnet. Auch dort, wo der frisch eingebürgerte US-Amerikaner Igor Strawinsky Rhythmen aus dem Jazz in sein Werk einmontiert. Das Andante schafft vorübergehend eine friedliche Atmosphäre, doch mit dem dritten Satz kehren die grellen Farben zurück. Als Kontrast dazu entführt Simon Rattle sein Publikum nach der Pause in die Märchenwelt von Tschaikowskys Nussknacker - in den zweiten Akt der berühmten Ballettmusik, mit seinen süßen Melodien und einer beschwingten Atmosphäre.

Im Zauberschloss von Zuckerburg lädt das Mädchen Masha mit ihrem Traumprinzen, dem Nussknacker, zu einem Ball. Es gibt Schokolade und Kaffee und Tänze aus aller Welt. Simon Rattle und das exzellente London Symphony Orchestra entgehen der Gefahr, die wohlvertraute Musik routiniert abzuspulen. Sie malen die Szenen plastisch aus. Den spanischen Tanz mit Kastagnetten und den Pas de deux von Masha und ihrem Nussknacker, den Rattle in einen rauschenden Höhepunkt führt.

Überraschende Farbeffekte in der Elbphilharmonie

Dirigent und Orchester reizen ein breites dynamisches Spektrum aus, vom majestätischen Forte bis ins Piano-Flüstern, und sie setzen überraschende Farbeffekte - etwa beim Auftritt der damals gerade neu erfundenen Celesta, im Tanz der Zuckerfee. "Tschaikowsky hat das Instrument in Frankreich entdeckt und heimlich nach Russland bringen lassen. Niemand wusste, was es war. Der Moment, als es anfing, war eine Sensation", erzählt der Dirigent.

Simon Rattle gelingt es, das Staunen über das beliebte musikalische Märchen von Tschaikowsky wach zu halten. Die rauen Klänge und bösen Mächte des ersten Teils sind besiegt und fast vergessen. Zumindest an diesem Abend gilt: Ende gut, alles gut.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 07.09.2021 | 06:40 Uhr