Stand: 02.04.2019 12:28 Uhr

Currentzis' Verdi-Requiem als Psychothriller

von Daniel Kaiser

Das Publikum in der Elbphilharmonie hat am Montag den griechischen Dirigenten Teodor Currentzis und seine Musiker aus Perm mit Jubel und stehenden Ovationen gefeiert. Mit der effektvollen Aufführung von Verdis Requiem hat der weltbekannte Musiker bewiesen, dass er zu Recht zu den aufregendsten Dirigenten der Gegenwart gezählt wird.

Bild vergrößern
Immer wieder ein Ereignis: Der Grieche Teodor Currenztis dirigiert die Musiker von musicAeterna of Perm Opera in der Elbphilharmonie.

Nur mit Daumen und Zeigefinger öffnet Currentzis millimeterweit die Klangschleuse. So wie die Augen sich ans Dunkle gewöhnen müssen, benötigt das Ohr einen Moment, um die Geigen tatsächlich spielen und den Chor flüstern zu hören. Viel leiser ist das als das Foto-Klickgeräusch eines älteren Besuchers, der unbeholfen mit seinem Handy ein Bild vom Dirigenten in Action machen will. Von Anfang an ist klar, dass Currentzis nicht daran gelegen ist, der Rezeptionsgeschichte des weltbekannten Requiems als Opern-Wohlklang noch ein Kapitel hinzuzufügen. Er inszeniert das Stück als Psychothriller. Currentzis ist ein Hitchcock der Musik. Wenn der Bass Tareq Nazmi auf Lateinisch "Tod" ("Mors") haucht, läuft es einem eiskalt den Rücken herunter.

Viel "Subito!"

Das "Dies irae", der Erkennungs-Ohrwurm des Requiems, hat dagegen viel Kraft und Wucht, ohne dabei aber den sensiblen Klangraum zum Bersten zu bringen. Currentzis und seine gut 200 Musikerinnen und Musiker des Chors und Orchesters aus Perm haben spürbar ein Gefühl für den Saal und seine komplexe Akustik entwickelt. Der Dirigent fordert viel "Subito", den plötzlichen Wechsel von Lautstärke, Tempo und Farbe. Er legt die Abgründe und die existenziellen Erschütterungen angesichts des Todes in Verdis Klangwelt hinein. Und wie er das Sanctus als heiteren Frühlingstanz anlegt, zeigt, wie tief er in die Partitur eingedrungen ist, um den musikalischen Kern freizulegen.

Mit der Hand in der Hosentasche

Die alles stets brillant überstrahlende Sopranistin Zarina Abaeva singt das Finale nicht vom Bühnenrand, sondern mitten aus dem Chor heraus - mit verklärtem Blick zur Hallendecke. Himmlisch! Der Tenor René Barbera singt so mühelos schön, dass er bei "fons pietatis" tatsächlich die Hand in der Hosentasche behält.

Currentzis dirigiert mit Sinn für Effekt

Currentzis selbst ist dagegen mit seinen "skinny Jeans" und dem Hemd mit den Knöpfen auf dem Rücken ein Meister des gekonnten Auftritts: vom verspäteten Beginn über die schwarzen Gewänder, in die Chor und Orchester gekleidet sind, bis zum expressiven Dirigat hat er einen Sinn für Effekt. Nach dem letzten Ton fordert er eine lange Stille - bestimmt eine Minute. Es ist ein starkes Ende eines ergreifenden, erschütternden, beglückenden Abends. Ob die Elbphilharmonie noch zu retten sei, fragte neulich der Kulturteil einer Zeitung. Die Frage ging im Jubel über dieses Konzert unter.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 02.04.2019 | 19:00 Uhr