Valery Gergiev © picture alliance/dpa/TASS Foto: Sergei Fadeichev

Abfindung für Putin-nahen Dirigenten Valery Gergiev?

Stand: 03.03.2022 10:10 Uhr

Aufgrund einer fehlenden Distanzierung von Putin verlor der russische Dirigent Valery Gergiev sein Amt als Chef-Dirigent der Münchner Philharmoniker. Auch Gergievs Auftritte in der Elbphilharmonie wurden abgesagt.

Nach dem Rauswurf von Star-Dirigent Valery Gergiev bei den Münchnern Philharmonikern stellt sich nun die Frage, ob der Russe einen finanziellen Ausgleich erwarten kann. Peter Raue, als Berliner Anwalt auf Streitigkeiten in Kunst und Kultur spezialisiert, sieht das nicht so. Denn Gergiev sei kein Arbeitnehmer im juristischen Sinne. Daher hätte nach Ansicht Raues eine Klage des Dirigenten keine guten Erfolgsaussichten. Klagen dieser Art würden üblicherweise am Zivilgericht verhandelt.

Der Vertrag zwischen der Stadt München und Gergiev war erst im Sommer bis 2025 verlängert worden. Zu welcher Gage, ist unbekannt. Üblicherweise erhalten Dirigenten seines Renommees ein bis drei Millionen Euro jährlich. Die Stadt München ließ bislang lediglich verlauten, dass "Details zum Vertrag mit Valery Gergiev" derzeit geklärt würden.

Gergiev steht aufgrund seiner mehrfach bekundeten Unterstützung für Wladimir Putin und dessen Politik seit Beginn des Ukraine-Kriegs stark in der Kritik. Der Aufforderung, sich klar vom russischen Einmarsch in die Ukraine zu distanzieren, ist er bislang nicht nachgekommen. Deswegen verliert er immer mehr Rückhalt im Konzertbetrieb.

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Münchens OB Reiter entlässt Gergiev

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hatte Gergiev am Dienstag mit sofortiger Wirkung entlassen. Es werde damit keine weiteren Konzerte der Münchner Philharmoniker unter seiner Leitung geben, sagte Reiter. Gergiev habe sich zu der Aufforderung, "sich eindeutig und unmissverständlich von dem brutalen Angriffskrieg zu distanzieren, den Putin gegen die Ukraine und nun insbesondere auch gegen unsere Partnerstadt Kiew führt", nicht geäußert, erklärte Reiter. "In der aktuellen Situation wäre aber ein klares Signal für das Orchester, sein Publikum, die Öffentlichkeit und die Stadtpolitik unabdingbar gewesen, um weiter zusammenarbeiten zu können", sagte Reiter. Am Freitag hatte der Oberbürgermeister eine Distanzierung bis Montag gefordert. Anderenfalls könne Gergiev nicht mehr Chef der Philharmoniker bleiben.

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Münchner Agentur Felsner Artists kündigt Gergiev

Bereits zuvor hatte sich seine Münchner Agentur Felsner Artist von Gergiev getrennt - ein empfindlicher Schlag für den normalerweise vielbeschäftigten Dirigenten. Die Agentur informierte ihn am Sonntag darüber, dass er nicht mehr zu ihren Klienten gehört. Agenturchef Marcus Felsner schätzt Gergiev ausdrücklich als "einen der größten Dirigenten unserer Zeit" und als visionären Künstler, "den viele von uns lieben und bewundern". Aber in Anbetracht des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine sei es unmöglich, Gergievs Interessen weiter zu vertreten."

Agenturchef rechnet nicht mit Distanzierung

Im Gespräch mit NDR Kultur äußerte sich Agenturchef Marcus Felsner auch skeptisch zu den Erwartungen, Gergiev müsse sich gegen Putin und den Angriff auf die Ukraine positionieren. "Ich rechne persönlich nicht damit, dass es Herrn Gergiev möglich ist, in der gebotenen Klarheit diesen verbrecherischen Angriffskrieg zu verurteilen und sich von der russischen Führung in aller Form zu distanzieren", sagte Felsner. Er würde damit seine Position am staatlichen Mariinsky Theater gefährden. Marcus Felsners Einschätzung hat sich bislang bewahrheitet - und zur Auflösung des Vertrags mit den Münchnern Philharmonikern geführt.

Elbphilharmonie sagt Gergiev-Konzerte ab

In der Elbphilharmonie in Hamburg waren für die Osterwoche Konzerte mit Gergiev und seinem Orchester geplant - und auch der verantwortliche Intendant Christoph Lieben-Seutter hoffte zunächst auf eine Distanzierung des Dirigenten zu den Kriegshandlungen. Am Dienstagvormittag sind schließlich alle Konzerte mit dem russischen Dirigenten in der Elphi abgesagt worden. "Infolge des anhaltenden Schweigens zur russischen Invasion in der Ukraine von Valery Gergiev sind die an Ostern geplanten beiden Konzerte mit ihm und dem Orchester des Mariinski Theaters in der Elbphilharmonie nunmehr abgesagt", heißt es in einem Statement der Hamburger.

Absagen und Ausladungen in New York und Rotterdam

Valery Gergiev © picture-alliance / dpa Foto: Tass Kurov Alexander
Der russische Dirigent steht Putin sehr nahe. 2014 unterstützte er auch die Annexion der Krim.

Die erste Absage war in der vergangenen Woche aus New York gekommen. Am Donnerstag, nach dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine, vermeldeten die Carnegie Hall und die Wiener Philharmoniker eine Umbesetzung. Anstelle von Valery Gergiev dirigiert Yannick Nézét-Seguin die geplanten Konzerte mit dem Orchester.

Der Auftakt zu einer ganzen Reihe von gekappten Engagements, wahrscheinlich eine Art Kettenreaktion. Am Freitag kündigte das Rotterdam Philharmonic Orchestra an, die vereinbarten Konzerte mit Gergiev zu streichen. Außerdem wurde das Gergiev Festival in Rotterdam im September abgesagt. Damit wendet sich das Orchester von ihm ab, zu dem er in Westeuropa die längste Beziehung unterhält. Und das Verbier Festival in der Schweiz hat am späten Nachmittag bekannt gegeben, dass Valery Gergiev als künstlerischer Leiter abgesetzt ist.

Luzern, Riga und Mailand ziehen nach

Aber auch andere bisherige Partner von Gergiev ziehen die Reißleine. Am Montag Vormittag hat das Luzern Festival Gergiev und das Mariinsky Orchester für August ausgeladen. Das Riga Jurmala-Festival in Lettland, bei dem Gergiev und sein Orchester im Sommer eine tragende Rolle hätte spielen sollen, fällt ganz weg.

Auch die Mailänder Scala hatte eine Stellungnahme eingefordert und will jetzt Konsequenzen ziehen. "Gergiev hat uns nicht geantwortet, wir können daher ausschließen, dass er am Samstag am Pult stehen wird", so der Mailänder Bürgermeister Giuseppe Sala. Die Pariser Philharmonie folgte am Dienstag mit einer Absage der Gergiev-Konzerte, die im April geplant waren.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 28.02.2022 | 17:40 Uhr

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Klassik

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