Regisseurin Judith Wilske, Überlebenskünstlerin Ursel Röpert, Autorin Tanja Schwarz (von links) vor der nachgebauten Hütte von Ursel Röpert auf dem Johann-Adolf-Hasse-Platz in Bergedorf. © NDR Foto: Peter Helling

Theaterprojekt "Über/Leben" wandert durch Hamburg

Stand: 01.09.2021 08:00 Uhr

Was sagen eigentlich alte Menschen zu unserer krisengeschüttelten Gegenwart? Was können wir von ihnen lernen? Wie übersteht man schwere Zeiten? Im Theaterprojekt "Über/Leben" kommt eine echte Überlebensstrategin kommt zu Wort.

von Peter Helling

Ursel Röpert ist eine kleine, ganz große Frau. Mit einem bescheidenen Lächeln sitzt die 93-Jährige in einem Café. Sie hat im Leben schon einiges mitgemacht, sagt sie und lacht: "Ich lebe noch, das Leben geht weiter. Man muss - ja - man muss das Leben ganz einfach weiterleben. Überleben!" Direkt neben der Bergedorfer Kirche steht eine Holzhütte. Ursel blickt hinüber. "Unsere Hütten, die Hütten, die es ganz früher gab, waren ähnlich, nur nicht so beschriftet."

Overwerder Hütten als Herbergen nach dem Krieg

Die Hütte sieht aus wie vom Mond geplumpst, über und über mit Schrift, mit Worten vollgekritzelt. Zumindest von den Maßen her ist sie wie eine typische Overwerder Hütte. Wie viele Hamburger und Hamburgerinnen hatte Ursel im Krieg so eine Datsche. 15 Quadratmeter, um zu überleben: "Wir sind ausgebombt in Hamburg in der Marschnerstraße und wohin? Wir hatten Overwerder, unsere kleine Hütte. Meine Eltern sind mit meiner Schwester und mir nach Overwerder, in unsere Hütte gezogen."

Regisseurin inszeniert die Lebensgeschichte

Ohne Licht, ohne fließend Wasser, aber immerhin: ein Zuhause. Diese Hütte einer echten Überlebenskünstlerin hat Regisseurin Judith Wilske jetzt nachgebaut. "Wir reden so viel über die Krise. Wenn es darum geht, wie wir mit der Krise umgehen - warum reden wir da nicht mit den Menschen, die schon ganz viele Krisen gemeistert haben? Es gibt nicht mehr allzu viele aus dieser Generation."

Die nachgebaute Hütte von Ursel Röpert auf dem Johann-Adolf-Hasse-Platz in Bergedorf. © NDR Foto: Peter Helling
Die nachgebaute Hütte von Ursel Röpert wandert durch Hamburg. Zwei Schauspielerinnen bieten hier Live-Performances - und erzählen aus dem bewegten Leben der fast 100-jährigen Röpert.

Judith Wilske hat die Autorin Tanja Schwarz gebeten, sich mit Ursel Röpert zu treffen. Zwei Monate lang wurde intensiv geredet, so entstand der Text des Projekts "Über/Leben". Die Schauspielerin Herma Koehn schlüpft nun in die Haut von Ursel Röpert, nimmt den Besucher in Empfang, bittet ihn, sich auf einen der zwei Stühle zu setzen "Nimm Platz, hier in Overwerder sagen wir alle: du."

Schauspielerinnen schlüpfen in die Rolle der alten Dame

Mit ihren eigenen Worten, mit Strickzeug in der Hand, erzählt die Schauspielerin in der Rolle von Ursel Röpert vom Bombenkrieg, von der Auswanderung nach Schweden, vom Tod des Bruders, dem doppelt gebrochenen Herzen. Und einer Kuh auf dem Fuß: "Es tut so weh, die Kuh steht drauf, die Edeltraut, 1.000 Pfund, morgens um fünf, schlägt mit ihrem Mistschwanz, guckt zu mir, will nicht wieder runtergehen, ich will schreien: doofe Kuh!"

Gleich zwei Schauspielerinnen machen Ursels Lebensgeschichte lebendig. Linnea Vogel ist sie in jung. Die Hütte ist innen ganz schmucklos, Worte in Handschrift stehen auch hier an den Wänden. Das Wort "Corona" sieht man da. In einem Rahmen über Ursels Tisch steht "Mutter". Ursel hat Kuh, Krieg und Krise überlebt. Auch die große Flut 1962. Schauspielerin Herma Koehn zeigt auf eine schwarze Linie unter dem Dach. "Bis dahin stand die Flut im Februar 1962, alles weggeschwommen, weggetragen von der Elbe."

"Es öffnet sich eine Tür für etwas Neues"

Dieses leise, poetische Theaterprojekt lädt zum Zuhören ein. Die Gegenwart sieht die fast hundertjährige Ursel Röpert mit einiger Sorge. "Es ist augenblicklich. Ein Zustand, in dem man ein bisschen ängstlich in die Zukunft schaut. Es geht eigentlich ums Überleben. Nur, man fragt sich: wie?" Und wieder lacht sich.

Wer sollte eine Antwort darauf haben, wenn nicht sie? Ursel Röpert schmunzelt, denkt kurz nach und sagt dann: "Wenn es einem mal so richtig dreckig geht, oder man hat was erlebt, was einem so richtig weh tut oder so: Dann geht etwas zu Ende, aber es öffnet sich eine Tür für etwas Neues. Man muss nur den Mut haben, durch diese Tür zu gehen und etwas Neues anzufangen."

Das Projekt wurde von der Künstlergruppe Wilske, Simoneit & Friends ins Leben gerufen. Die Hütte ist von außen grafisch mit Text und Bildern gestaltet. Die Ausstellung ist geöffnet von 10 bis 18 Uhr. Jeweils um 11 und um 15 Uhr beginnen die Live-Performances der beiden Schauspielerinnen Herma Koehn und Linnea Vogel. Es sind nur zwei Gäste pro 30 Minuten Zeitfenster in der Hütte erlaubt. Termine sind vorab buchbar unter 0176 77 18 44 43.

Projekt Über/Leben in Hamburg

Die Holzhütte gastiert an folgenden Orten in Hamburg

31. August - 2. September 2021: Bergedorf, Johann-Adolf-Hasse-Platz, zusätzlich: 10. September, 18:30 Uhr Lesung der Hamburger Autorin Tanja Schwarz in der Kirche St. Petri und Pauli

4. - 7. September 2021 - Altonaer Balkon, Nähe Maritim Skulptur von Gerhard Brandes

12. - 15. September 2021 - Quartierspark Mitte Altona, Nähe Restaurant Blaue Blume

17. - 19. Septemer 2021 - Wedel, Willkomm Höft, Rasenfläche vor Das Neue Schulauer Fährhaus

Danach im Museum der Arbeit im Rahmen der Ausstellung "Konflikte." ab 3. November 2021

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 31.08.2021 | 19:00 Uhr