Eine Frau in kurzen Hosen und Strickoberteil steht mit flehemdem Blick auf einer Bühne. Hinter ihr sind weitere Personen zu erkennen. © picture alliance Foto: Christian Fürst

Theater und Bühne: Welche Stücke werden zu Klassikern?

Stand: 11.11.2021 13:40 Uhr

Was macht einen Bühnenstück zu einem Klassiker? Wie passen die alten Werke noch in unsere Gegenwart? NDR.de schaut sich die Zutaten von "Hamlet", "Antigone" und Co. genauer an.

Beitrag anhören 4 Min

von Peter Helling

"Wenn ich zum Augenblicke sage: Verweile doch, du bist so schön, dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde geh'n", donnert Faust, und wir wissen sofort: Das ist ein echter Theaterklassiker. Oder auch bei Hamlet und seinem: "Wenn du noch atmen hast und eine Stimme hast, Vater, sprich zu mir!"

Texte entfalten ihre Energie auf der Bühne

Es sind unsterbliche Sätze, die uns sofort berühren. Gepoltert oder gehaucht wie eine Staubfluse, ganz egal. Es sind Texte, die sich ins Unterbewusste eingefräst haben und die sofort als dramatische Brühwürfel, ihr Inneres preisgeben, ihre Energie, sobald sie auf einer Bühne gesprochen werden.

Auch Wolfgang Borcherts Worte aus "Draußen vor der Tür" entfalten diese Wirkung: "Ein Mensch kommt nach Deutschland..." Theater-Klassiker gelten immer noch als Kaminfeuer des Bildungsbürgertums, schnell einigt man sich auf "Faust", "Hamlet", auf "Antigone", auf Lessings "Nathan", Molières "Menschenfeind", oder Schillers "Die Räuber", wie neulich am Thalia Theater in Hamburg. Regisseur Michael Thalheimer hat den Stoff reaktiviert, mit einer fast komplett weiblichen Besetzung. Und es bleiben immer "Die Räuber". Ein echter Klassiker ist unkaputtbar. Oder nicht?

Weitere Informationen
Eine Darstellerin in "Die Räuber" leckt eine andere Darstellerin, die mit Blut überströmt ist, das Gesicht ab. © Armin Smailovic Foto: Armin Smailovic

"Die Räuber": Michael Thalheimers Rückkehr ans Thalia Theater

Der Theater-Regisseur gilt als Meister der Reduktion. Nun feierte seine Inszenierung von Schillers Klassiker in Hamburg Premiere. mehr

Sätze aus Schillers "Die Räuber" haben etwas Überzeitliches

Ob blutüberströmt, ob splitternackt, ob züchtig mit Puderperücke, sie sind die Dauerbrenner des Theaters, füllen die Säle. Die entscheidende Frage ist: Was macht einen Klassiker zum Klassiker? Was hat er, was andere nicht haben? Auch Büchners "Woyzeck" war ja mal neu, frisch gedruckt. Von der Uraufführung der "Räuber" 1782 gibt es sogar einen Augenzeugenbericht: "Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum! Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Thüre. Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus deßen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht!"

Damals müssen Schillers wütende, impulsive Figuren die Menschen umgehauen haben. Die Sätze besitzen bis heute etwas Überzeitliches. Etwas zwischen den Zeilen, das lauert und da steht wie ein Stück Wahrheit, wie eine Energie, die uns sofort angeht.

"Ich glaube nicht an einen Staat, in dem man für das Recht der Toten sterben muss", heißt es in "Antigone". Der Witz: Ob ein Stück zum Dauerbrenner wird, entscheidet sich jeden Abend auf der Bühne neu. Ein Theater macht per se - das liegt sozusagen in seiner Natur - allabendlich den Klassiker-Check. Dann heißt es: BUH! - Oder eben Applaus.

Klassiker werden von jeder Generation neu interpretiert

Wenn ein "Hamlet" mal als das Stück eines Freigeistes, mal als Stück über einen Terroristen oder über das Denken an sich interpretiert wird, dann ist genau das seine Klassikerqualität. Jede Generation liest ihn neu, der Zeitgeist, aktuelle Krisen und historische Brüche rufen nach ihnen. Plötzlich wird Ibsens "Ein Volksfeind" zum Stück über eine ökologische Krise von heute. "Medea" wird zur Anklage einer Geflüchteten aus dem Nahen Osten. Die Qualität eines Klassikers bemisst sich daran, dass er die Menschen, alt, jung, gebildet oder nicht, berührt, also wirklich alle. Das wusste Shakespeare am besten.

Das Wunder an diesen Stücken besteht darin, dass sie zwar dieselben alten Worte benutzen, uns aber immer etwas Neues erzählen. Regieteams sollen sie zertrümmern, ironisieren, neu erfinden, das gehört sogar dazu: Denn Klassiker müssen immer wieder ins Frische-Bad der Gegenwart. Und das Aufregende: Auch jetzt gerade, in diesem Moment, entstehen Klassiker - von morgen. Oder wie Faust sagen würde: "Die Uhr mag steh'n, der Zeiger fallen, dann sei die Zeit für mich vorbei."

Der Beitrag ist Teil einer Reihe, die sich mit dem Wandel in unterschiedlichen kulturellen Bereichen auseinandersetzt und die Frage stellt "Was bleibt, was vergeht?".

Weitere Informationen
Eine schwarze Frau mit einem glitzernden Mikrofonen, langen dunklen Haaren und schwarzem Basecap lächelt in die Kamera. © picture alliance/AP Photo Foto: Donald Traill

Popmusik im Wandel: Warum wurde der Hip Hop zum Erfolg?

Was sorgt für einen Hype oder einen Flop in der Popmusik? Der Podcast-Macher Goetz Steeger erklärt den Erfolg des Hip Hop. mehr

Eine Frau macht ein Selfie mit dem Kunstobjekt "Rabbit" von Jeff Koons. © picture alliance / newscom Foto: JOHN ANGELILLO

Strohfeuer und Dauerbrenner am Kunstmarkt: Was bleibt?

Was sorgt für den Aufstieg und Fall von Künstlern? Beim Verständnis des Kunstmarkts hilft ein Blick in die Vergangenheit. mehr

Probeneindrücke der NDR KostProbe im Rolf-Liebermann-Studio © NDR Foto: Marcus Krüger

Orchester im historischen Wandel: Was bleibt und was vergeht?

Das Orchester ist aus der klassischen Musik nicht wegzudenken. Doch im Laufe der Jahrhunderte hat es sich immer wieder verändert. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 11.11.2021 | 10:20 Uhr