Statisten-Casting beim Aufwärmen auf der Bühne am Thalia Theater © NDR Foto: Peter Helling

Thalia Theater: Wie läuft hier ein Statisten-Casting ab?

Stand: 13.12.2021 10:58 Uhr

In seiner Reportage erzählt NDR Reporter Peter Helling, wie Regisseur Gernot Grünewald beim Statisten-Casting mit Laien auf der Bühne des Thalia Theaters in Hamburg arbeitet.

von Peter Helling

Mögen Sie Theater? Wenn ja, wollten Sie vielleicht immer schon auf einer Theaterbühne stehen? Das Thalia Theater sucht immer wieder nach Laien, die Lust haben, als Statisten in einem Stück mitzuspielen, Kinder oder auch Menschen im Rentenalter. Wie diese Woche - bei einem Casting für ein Stück mit ernstem Thema.

Acht Laien zwischen 60 und 88 Jahren beim Casting am Thalia Theater

Das hat schon fast was Ulkiges: Acht Menschen zwischen 60 und 88 stehen im Kreis auf der Bühne, tragen Gummimasken. Sie sehen wie Puppen der englischen Kultserie "Spitting Image" aus, eine Rasselbande schräger Jungs und Mädchen. Sie spielen ein Kinderspiel. Einer der Bewerber geht herum, lässt irgendwo den Plumpsack fallen. Die anderen versuchen, trotz ihrer Maske, herauszufinden, wo der Plumpsack ist.

Eine Frau holt Latex-Masken aus dem Fundus aus einer Tüte am Thalia Theater © NDR Foto: Peter Helling
Latex-Masken aus dem Theaterfundus kommen gleich zum Einsatz

Regisseur Gernot Grünewald gibt Spielanweisungen, mischt sich dazwischen, immer freundlich, immer verbindlich. Er sucht nach Statisten und Statistinnen für sein neues Stück. "Es kommen knapp 40 Menschen, in zwei Gruppen aufgeteilt. Ich versuche mithilfe von Masken aus dem Fundus herauszufinden, ob's ein Gespür für den Raum gibt, für Körper, für Maskenspiel, für Situation. Ob es auch eine Art von Eigenidee gibt", sagt Grünewald.

Das Stück "Heim.weh" soll von verschickten Kindern in Deutschland handeln

"Heim.weh" wird das Stück heißen, und es fasst ein heißes Eisen an: Es geht um die etwa acht Millionen Kinder, die in den 50er-, 60er-, 70er-Jahren verschickt wurden. Sechs Wochen allein ins Kurheim an der See oder in den Bergen, zwischen zwei und zwölf Jahren alt. Sie hätten oft Schlimmes erlebt, sagt der Regisseur. Schikane, Unterdrückung, auch Gewalt. "Der Plan ist, das nicht mit Kindern zu machen, sondern mit alten Menschen, die in dem Alter sind, wie die damals verschickten Kinder jetzt heute sind." Also 60, 70, 80 Jahre alt, meint Grünewald. Er wolle sie in den Zustand der Kindheit zurückzuversetzen, theatral, ästhetisch, auch über Masken, über zu kleine Betten, um im Grunde die Fortschreibung eines Traumas zu erzählen.

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Spielerisch, auf Augenhöhe und humorvoll geht es bei dem Casting zu, auch wenn das Thema bitterernst ist. Die Bewerber werfen sich Bälle zu, gehen dann in Situationen, wie es sie in den Heimen wohl oft gegeben hat. Das Essen runterwürgen, obwohl man keinen Hunger hat, nicht aufs Klo dürfen, obwohl man dringend muss. Und: Ein Mädchen auslachen, das ins Bett gemacht hat. "Als wenn das Kind quasi aus dem älter gewordenen Menschen rauslacht, rausweint, rausfleht, rausflüstert", sagt der Regisseur.

"Die Thematik trage ich immer noch mit"

Kniffelig und berührend sei das, sagt Bewerber Gregor: "Es ist ungewohnt, weil ich noch nie auf der Bühne gestanden habe, aber die Thematik, die trage ich immer noch mit".

Wenn Gernot Grünewald klatscht, heißt das für die Anwesenden: zurück ins Bett! Natürlich nur in der Vorstellung. Die "Kinder" im Rentenalter gehorchen, alles im Spiel. "Man bewegt sich hier in einem Jetzt, und die Menschen schleppen aber Dinge mit sich herum, die möglicherweise 40-50 Jahre zurückliegen, aber die sind alle noch massiv präsent und haben Auswirkung auf das gegenwärtige Leben", so der Regisseur.

Vorstellungsrunde mitten auf der Bühne

Am Anfang des Castings stellt sich jeder und jede auf einem Stuhl mitten auf der großen Bühne vor. "Guten Morgen, ich bin Susanne, komme aus Hamburg und habe bis 2010 in einem großen Konzern gearbeitet", erzählt eine. Ein andere sagt: "Na Moin, ich bin Rainer, 68 Jahre alt". Eine dritte sagt: "Mein Name ist Gabriele. Ich bin dieses Jahr 60 Jahre alt geworden."

Einer hat als Profitänzer auf der Bühne gestanden, ein anderer ist als Koch über die Weltmeere geschippert, wieder eine hat als Krankengymnastin gearbeitet. Was sie vereint: Sie wollen Theaterluft schnuppern.

Die Sehnsucht danach, Theaterluft zu schnuppern

Dramaturgin Christina Bellingen und Regisseur Gernot Grünewald beim Vorbereiten des Castings © NDR Foto: Peter Helling
Dramaturgin Christina Bellingen und Regisseur Gernot Grünewald beim Vorbereiten des Statisten-Castings am Thalia Theater.

Dramaturgin Christina Bellingen macht Mut: "Man kann sich einfach melden, wir haben eine Kartei, wenn das dann mal passt, dann meldet sich das Thalia zurück, dann wird man eingeladen zu einem Casting. Da braucht man gar keine Hemmungen haben. Wir brauchen alles, wir brauchen alle, auch die Rampensäue!"

Keine Rampensau, aber fast ein Profi-Statist ist Andreas. Lampenfieber hat er keines: "Ich habe schon viel Theater gespielt, ich genieß' so was eher." Über das aktuelle Stück meint er, dieses sei keine lustige Komödie, wo man irgendwelche Faxen macht. "Da gehts richtig ins Eingemachte. Das wird eine richtig heftige Produktion werden", so der Statist. Trotzdem, oder gerade deswegen, will er mitmachen. Denn das Theater ist ein Spiegel der Wirklichkeit, und sei sie noch so ernst.

Für das Stück werden noch Kinder im Vorschulalter gesucht, die etwas einlesen sollen. Wenn Sie sich bewerben möchten, einfach auf der Seite des Thalia Theaters unter der Rubrik "Jobs & Praktika" nachschauen.

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Das Hamburger Thalia Theater von außen © Thalia Theater

Kulturpartner: Thalia Theater

Der gesellschaftspolitisch ausgerichtete Spielplan des Thalia Theaters vereint Uraufführungen, Klassiker und Gastspiele sowie internationale Projekte und Festivals. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 09.12.2021 | 19:00 Uhr